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Kristina Herbst

11.12.2025 Sitzungen 20/106

Für die Landesregierung erteile ich das Wort der Ministerin Dr. Dorit Stenke. Dr. Dorit Stenke, Ministerin für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur: Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Das Konzept Neurodivergenz ist ein neues wissenschaftliches Konzept, das an Überlegungen anknüpft, die wir alle miteinander schon längst angestellt haben und die wir in SchleswigHolstein auch gut hinterlegt haben. Wir haben das bisher mit dem Begriff der Inklusion diskutiert. Wir sprechen von inklusiven Schulen, wir sprechen von inklusiven Maßnahmen, wir sprechen von einem Bericht zur Inklusion an unseren Schulen, den wir regelmäßig vorlegen, so auch zu Beginn dieser Legislatur. Wir sehen, dass sich in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen auch immer wieder Veränderungen ergeben. Wir sehen medizinischen Fortschritt – darüber haben wir auch schon diskutiert –, der es möglich macht, dass Kinder an Schule partizipieren können, in Lernprozesse einsteigen können, von denen wir das vor Jahren und Jahrzehnten noch nicht ahnen konnten und nicht unterstützt haben. Das tun wir mittlerweile. Das ist für uns alle selbstverständlich geworden. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Genauso sehen wir das mit den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Über das Wort „neu“ kann man lange diskutieren. Wie lange ist etwas neu? Neu ist es für manche, weil sie es noch nicht gehört haben oder noch nicht gelesen haben. Ich habe mich jetzt nicht intensiv damit beschäftigt, wie lange wir uns mit dem Konzept der Neurodivergenz oder der Neurodiversität beschäftigen. Womit wir uns aber in Schule schon immer beschäftigt haben – auch das ist schon mehrfach gesagt worden –, ist die Individualität und die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Das ist ein Ausgangspunkt, den wir immer wieder in den Blick nehmen müssen und den wir im Blick haben, wenn wir über Schule und Bildung nachdenken. Pädagogisch fassen wir das eher unter das Konzept, dass wir sagen: Jeder Mensch ist einzigartig. „Mit jedem Menschen kommt etwas Neues in die Welt“, wie es die Politologin und Philosophin Hannah Arendt formuliert hat. Dieses Konzept liegt mir sehr nahe, weil es zeigt, dass Menschen individuell sind, dass sie etwas Neues in die Welt bringen, dass sie damit die Welt verändern, bereichern und entwickeln können. Das ist der Gedanke, aus dem heraus wir Schule machen. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Mit dem Konzept der Neurodivergenz können wir das jetzt auch neurologisch fassen. Das sind tatsächlich Möglichkeiten, die wir erst mit entsprechend weitergehender Diagnostik in diesen Bereichen haben. Es ist selbstverständlich wichtig, dass wir uns damit auseinandersetzen, wie sich diese Konzepte auf das Lehren und Lernen von Menschen, auf die Arbeit von Lehrkräften, aber auch auf die Lernprozesse, die wir für Schülerinnen und Schüler organisieren müssen, auswirken müssen und können. Ich finde es deswegen richtig, und ich habe auch gleichzeitig Verständnis dafür, dass die Kultusministerkonferenz noch keine neue Fassung ihrer Konzepte vorgelegt hat. Sie befindet sich in der Debatte um diesen Begriff. Ich denke, wir werden das hier im Landtag und in den entsprechenden Gremien auch tun. Das begrüße ich sehr, und das finde ich richtig. Wir sollten dabei aber nicht vergessen – die Themen sind eben angesprochen worden, das brauche ich nicht zu wiederholen –: Wir müssen uns intensiv damit auseinandersetzen. Wir müssen intensiv darüber diskutieren, was eigentlich Norm und Abweichung bedeuten. Wir müssen darüber diskutieren, ab wann etwas einen Krankheitswert, einen Befund hat, mit dem wir uns auf sehr spezifische und andere Art und Weise auseinandersetzen als mit Abweichungen, die sich im Laufe der Zeit vielleicht ein bisschen verwachsen, die sich ausmendeln, die sich aber auch durch das Geschehen in Schule verändern. Denn Schule hat nicht nur die Aufgabe, Individualität zu fördern; sie hat auch die Aufgabe, Gesellschaft zu stiften. Beides müssen wir in Schule zusammenbringen. Das ist genau die Herausforderung, vor der wir stehen. Wir alle sind uns hier ei- (Ministerin Dr. Dorit Stenke) nig, dass wir auf diesem Weg in Schleswig-Holstein bisher schon viel erreicht haben, dass an verschiedenen Stellen immer noch Luft nach oben ist. Ich glaube, das wird hier jeder eingestehen, das gestehe ich ein. Aber ich finde, wir sollten uns intensiv mit diesem Konzept auseinandersetzen. Wir machen das gegenwärtig auch in unserem Projekt STAFF. Das ist das Konzept „Standards zur Feststellung sonderpädagogischer Förderbedarfe“. Das geht genau darauf ein, was hier gefordert wird, nämlich einmal genau zu gucken: Haben wir ein gemeinsames Verständnis darüber, wann ein Förderbedarf vorliegt, und wie gehen wir mit diesem Förderbedarf um. Das bringen wir im Moment auf den Weg. Darüber werden wir uns dann hier an dieser Stelle noch unterhalten können. Ich möchte noch einen Satz sagen zu dem Thema Ruheräume und den Notwendigkeiten, sich in Schule auch mal zurückziehen zu können. Das sehen unsere derzeitigen Konzepte von Schule nicht vor. Da sind wir hier sozusagen ein bisschen oldschool. Das trifft nicht nur auf Schleswig-Holstein zu, das trifft auf Deutschland insgesamt zu. Ich finde, das ist ein sehr wichtiger Punkt, den wir sehr gerne mitnehmen in die Gespräche zum Musterraumprogramm, die wir im Moment gemeinsam mit den Schulträgern führen. An der Stelle werden wir in der Weiterentwicklung und im Zusammenhang mit dem Ganztag tatsächlich vorankommen können. Insofern glaube ich, wir stehen hier vor einer spannenden und interessanten Debatte. Ich freue mich darauf. – Herzlichen Dank. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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