Malte Krüger
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Individuelle Förderung und Inklusion sind tragende Säulen unseres Schulsystems. Heterogene Lerngruppen sind dabei keine Ausnahme, sondern der schulische Alltag. Man kann ruhig sagen: Inklusion ist eine echte Stärke in unserem Bildungssystem; das kommt mir oft zu kurz. Nun gibt es eine neuere Entwicklung bezüglich bestimmter Erscheinungsformen. Dabei spielt das Konzept der Neurodiversität eine Rolle. Neurodivergent sind Menschen, die von einer vermeintlichen Norm abweichen. Neurotypisch sind Menschen, die eher der Norm entsprechen. Neurodivers sind wir wiederum alle, da es unzählige Möglichkeiten gibt, wie sich das menschliche Gehirn und damit der Mensch entwickeln kann. So viel zu der Begrifflichkeit. Mehr Aufmerksamkeit für das Thema Neurodivergenz an Schulen: Das begrüßen wir Grüne grundsätzlich sehr. Zusätzliche verpflichtende Screenings zur Ermittlung von Neurodivergenzen sind aber, ehrlicherweise gesagt, leichter gefordert als umgesetzt. Wer soll diese Screenings vornehmen? Sind die Screenings an die Schuleingangsuntersuchung angegliedert? Wenn nicht, haben wir dann überhaupt ausreichend qualifiziertes Personal, damit ein solches Screening flächendeckend umgesetzt werden kann? Wer trägt die Kosten? Nach welchen Kriterien wird jemand als neurotypisch oder neurodivergent beurteilt? In der Wissenschaft gibt es keinen eindeutigen Konsens darüber, welche Ausprägungen unter Neurodivergenz gefasst werden sollen und welche nicht. Wie soll nach dem Screening die Förderung der Schülerinnen und Schüler aussehen? Sie sehen, zu diesem Konzept gibt es sehr, sehr viele Fragen. Die SPD möchte auch die Aufnahme von Dyskalkulie in den Legasthenieerlass. Aber auch das lässt sich leichter fordern als umsetzen, denn die Abgrenzung einer Rechenschwäche zu allgemeinen Leistungs- oder Lernschwierigkeiten ist viel schwieriger als im Bereich der Legasthenie. Das müssen wir uns ganz klarmachen. Einen Nachteilsausgleich etwa in Form von zusätzlicher Bearbeitungszeit kann ich mir noch vorstellen. Aber während es vergleichsweise unproblematisch ist, Klassenarbeiten ohne Bewertung der Rechtschreibung zu benoten, ist es für mich wirklich völlig offen, wie sich die SPD vorstellt, dass man das bei Mathematikarbeiten machen soll. Wir schlagen bei diesen ganzen Fragen deshalb vor, zu dem Thema eine schriftliche Anhörung im Bildungsausschuss zu machen und das in den Ausschuss zu überweisen. (Zuruf Sybilla Nitsch [SSW]) Dabei werden wir diskutieren müssen, ob das Konzept der Neurodivergenz für den Bildungsbereich und die Schule überhaupt ein gangbarer Weg ist. Viele Lehrkräfte wünschen sich mehr Unterstützung beim Umgang mit neurodivergenten Schülerinnen und Schülern. Wir starten aber nicht bei null. Schon jetzt gibt es zu vielen Facetten Angebote. In der Ausbildung sind Grundlagen zur Psychologie, Diagnostik und Förderung fest verankert. Es gibt Fortbildungsangebote zu Inklusion, Autismus, ADHS und Lese-Rechtschreib-Schwäche. Beratung lässt sich an verschiedenen Stellen bereits einholen. Für die Schülerinnen und Schüler gibt es den verankerten Notenschutz und den Nachteilsausgleich, und der Kollege Habersaat hat schon darauf hingewiesen, dass wir in Schleswig-Holstein dabei führend sind. Was den Vorschlag des Ruheraums angeht, bin ich ganz bei den beiden Martins. Ich halte das eigentlich auch für eine gute Idee, wobei das aber natürlich eine Frage der Schulträger ist. Zudem müssten wir ehrlicherweise dann auch darüber nachdenken, wie das bei Lehrkräften ist. Ich denke da immer an diese Studie, wonach die Pausen im Lehrkräftezimmer immer stressiger als der Unterricht sind. Das muss uns dabei auch zu denken geben. Wir müssen uns also mit dem Thema Neurodivergenz auseinandersetzen, und wir schlagen deshalb vor, den Antrag in den Bildungsausschuss zu überweisen. Dort müssen wir das fachlich vertieft noch einmal diskutieren. Wir können meiner Meinung nach mit einer Anhörung von Expertinnen und Experten eine Einordnung bekommen und danach weiter diskutieren und überlegen, welche Schritte für Schleswig-Holstein gangbar sind. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU)
