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Sophia Schiebe

SPD 21.11.2025 Sitzungen 20/104

Sehr geehrte Präsidentin! Liebe Kolleg_innen! Es gibt Verletzungen, die man nicht sieht, und gerade deshalb verändern sie ein Leben auf tiefste Weise, ein Leben, das zwar weitergeht, aber nicht mehr so wie vorher, ein Leben, in dem sich der eigene Körper nicht mehr selbstverständlich anfühlt, ein Leben, in dem Nähe, Vertrauen und Intimität zu Stolpersteinen werden. Weibliche Genitalverstimmung ist so eine Verletzung. (Sophia Schiebe) Sie ist ein massiver Eingriff in die körperliche und sexuelle Selbstbestimmung. Die medizinische Forschung zeigt gravierende Langzeitfolgen: chronische Schmerzen, Infektionen, Vernarbungen, erschwerte Geburten und schwere psychische Belastungen. Doch die Wunde liegt nicht nur im Gewebe, sie liegt im Selbstbild einer Frau, in ihrer Fähigkeit, Nähe zuzulassen, in ihrem Recht auf Lust, auf Selbstbestimmung und auf ein Leben ohne Angst. Diese Gewalt findet auch bei uns statt – hier in Schleswig-Holstein, mitten unter uns. Laut der Dunkelzifferschätzung von Terre des Femmes aus dem Jahr 2022 leben in Schleswig-Holstein rund 3.000 betroffene Frauen und Mädchen, und 461 Mädchen werden als gefährdet eingestuft. Diese Mädchen und Frauen tragen Narben – körperlich und seelisch –, und viel zu oft tragen sie diese allein. Wir sprechen über Mädchen, die Angst vor den Sommerferien haben, weil Familienreisen plötzlich zur Bedrohung werden. Wir sprechen über Frauen, die in einer gynäkologischen Praxis überlegen, ob sie verstanden werden oder ob ihre vorhandene Scham sie zum Schweigen zwingt. Wir sprechen über Mütter, die bei der Geburt kaum Hilfe einfordern, weil ihre Angst größer ist als ihre Stimme. Damit sich das ändert, brauchen Betroffene verlässliche Strukturen, Orte, an denen sie gesehen, gehört und geschützt werden, Fachkräfte, die sensibel handeln und die richtigen Fragen stellen – nicht mit Pauschalurteilen über Herkunft und Kultur, sondern mit einem geschulten Blick für individuelle Risiken –, medizinische Gespräche bei Hinweisen auf Angst vor Familienbesuchen und bei Verhaltensänderungen, die niemand erklären kann. Genau so eine Fachstelle ist TABU. Sie ist die zentrale Anlaufstelle in unserem Land und wird vom Diakonischen Werk Altholstein getragen. Dort treffen Betroffene auf Menschen, die für sie da sind, die zuhören, die handeln. Über 50 Frauen wenden sich jährlich neu an die Fachstelle TABU, um sich Rat und Unterstützung einzuholen. Die Frauen werden oft jahrelang unterstützt und begleitet. Doch, so haben wir es gehört, diese Arbeit steht auf der Kippe, weil Teile der Finanzierung auslaufen, weil zuvor Zuständigkeiten geschoben wurden und weil Schweigen offensichtlich wieder eine Option zu sein schien. Das dürfen wir nicht zulassen. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Werner Kalinka [CDU] und Jette WaldingerThiering [SSW]) Wenn wir sagen: „Wir schützen. Wir sehen hin. Wir helfen.“, dann müssen diesen Worten auch Mittel folgen. Beratung und Schutz dürfen nicht vom Haushalt abhängen; sie sind gesetzlicher Auftrag und moralische Verpflichtung. Daher freut es mich, dass wir anscheinend in diesem Haushalt ein gemeinsames Bekenntnis zur Finanzierung von TABU abgeben werden. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP, vereinzelt SPD und Beifall Lukas Kilian [CDU]) – Ja, dazu können wir alle gemeinsam applaudieren. Wenn eine Frau sagt: „Ich schäme mich für meinen Körper!“, dann braucht sie jemanden, der ihr sagt: „Du bist richtig. Dir ist Unrecht geschehen. Wir stehen an deiner Seite.“ (Beifall Lukas Kilian [CDU] und Jette Waldinger-Thiering [SSW]) Wenn ein Mädchen gelernt hat, dass niemand hören will, was ihr droht, dann braucht sie Erwachsene, die zuhören, die nachfragen, die schützen. Wenn eine Mutter schweigt, weil ihr die Worte fehlen, dann braucht sie Fachkräfte, die erkennen, dass hinter dieser Stille oft ein Schmerz steckt. Keine dieser Stimmen darf leise werden. Keine dieser Stimmen darf ohne Antwort bleiben. Null Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstimmung, das war unser gemeinsamer Beschluss. Doch null Toleranz erschöpft sich nicht in einem Satz; sie bedeutet Verantwortung: keine Versorgungslücken, kein Wegschauen, keine Beratung auf Zeit. Es bedeutet, die Strukturen abzusichern, die tragen. Es bedeutet, zu prüfen, wo Hilfe schon gelingt und wo sie noch versagt, und es bedeutet, sensibel für diejenigen zu sein, die gelernt haben, unsichtbar zu bleiben. Liebe Kolleg_innen, wir reden hier nicht über Tradition – wir reden über Gewalt, über Macht. Wir reden über das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Schleswig-Holstein soll ein Land sein, das nicht wegschaut, ein Land, das schützt, ein Land, das Mädchen und Frauen nicht alleine lässt, erst recht nicht, wenn andere wegsehen. (Beifall ganzes Haus) Mein Körper gehört mir! – Dieser Satz muss für jedes Mädchen und für jede Frau gelten, und das ohne Ausnahme. Lassen Sie uns also auch in Zukunft an diesem Anspruch messen. – Vielen Dank. (Beifall ganzes Haus)

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