Eka von Kalben
Das Wort für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN hat die Kollegin Catharina Nies. Catharina Johanna Nies [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Verehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich bedanke mich bei Sozialministerin Touré für den Bericht und bei Kollegin Krämer explizit dafür, dass Sie das Thema weibliche Genitalverstümmelung heute noch mal auf die Tagesordnung gesetzt haben, denn die letzte Debatte ist knapp zwei Jahre her. Laut EU waren bereits 2023 etwa 190.000 Mädchen in 17 europäischen Ländern von Genitalverstümmelung bedroht, und circa 600.000 Frauen in Europa leben tagtäglich mit den gravierenden physischen und psychischen Folgen dessen, was ihnen als Mädchen angetan wurde. In 2024 lebten in Deutschland 100.000 betroffene Frauen und circa 17.000 gefährdete Mädchen, so (Catharina Johanna Nies) Terre des Femmes. Weltweit reden wir von mehreren Millionen Betroffenen, und trotzdem ist weibliche Genitalverstümmelung weiterhin ein Tabuthema. Umso wichtiger, dass wir hier in SchleswigHolstein darüber sprechen und diese Gewaltform sichtbar machen. Bei dem Eingriff werden die weiblichen äußeren Geschlechtsorgane verstümmelt bis hin zur vollständigen Amputation. Je nachdem, welcher FGMTyp angewandt wird, wird mehr oder weniger weggeschnitten. Nach der Verstümmelung werden die Hautreste zusammengenäht. Es bleibt ein kleines Loch, um Wasser zu lassen. In vielen Fällen erfolgt die OP weder in einem sterilen OP-Raum noch unter Narkose noch unter medizinischer Begleitung. Die Betroffene Fadumo Korn sagte in der Anhörung im Bundestag 2024: Stellen Sie sich vor, man schneidet die empfindlichste Stelle einer Frau einfach ab. Das kann sich keiner vorstellen. Meine Seele wurde auch herausgeschnitten. Ich habe mich zurückgekämpft. – Sie gründete den Verein NALA e. V. Ja, wie ist das, wenn die, die dich eigentlich beschützen sollen, deine Familie, dich am meisten verletzen? – Ich weiß, die Bilder im Kopf sind hart, aber wenn die Bilder im Kopf schon kaum auszuhalten sind, wie sollen Mädchen und Frauen es aushalten, die das erleben, (Beifall ganzes Haus) wie diesen Angriff auf ihre körperliche Unversehrtheit? Diese Gewalt wird an kleinen Mädchen verübt. Ihnen wird erklärt, dass es ihrer Reinheit dient. Mädchen werden mit dieser frauenverachtenden Gewalt sozialisiert und die Jungen auch. Es geht darum, heranwachsende Frauen davon abzuhalten, ein selbstbestimmtes Sexualleben auszuleben und Empfindungen zu haben, die von Männern nicht vollständig kontrolliert werden können. Weibliche Genitalverstümmelung, FGM, ist eine Menschenrechtsverletzung und gehört zu den schlimmsten Formen der geschlechtsspezifischen Gewalt. (Beifall ganzes Haus) Die Folgen für diejenigen, die das überleben, sind starke Schmerzen beim Gang auf die Toilette ein Leben lang und beim Geschlechtsverkehr ein Leben lang, unangenehme Geruchsbildung, Scham, Vernarbungen, die Bildung von Geschwulsten. Hinzu kommt das schwere seelische Trauma und alle möglichen Folgen, die sich damit verbinden. Deshalb brauchen wir mehr medizinische Kompetenzen im Gesundheitswesen, im Umgang mit Betroffenen, um die Symptome von FGM zu erkennen, um vaginale Entbindung für Schwangere zu ermöglichen, anstatt immer einen Kaiserschnitt zu machen, und bei dem Thema Rekonstruktion, damit betroffene Frauen medizinisch nicht zurückgewiesen werden. Ich bin froh, dass die Weiterbildungsverordnung der Ärztekammer diesen Punkt aufgegriffen hat und dass das Thema FGM Teil des Hebammenstudiums ist, aber das ist nur ein erster Schritt. Das Erlebte in Worte zu fassen, ist für viele nicht möglich. Den Rechtsweg zu beschreiten und gegen die eigene Familie auszusagen, erscheint den allermeisten Frauen unvorstellbar. Deshalb bringen sie den Aspekt im Asylverfahren nicht aktiv vor, obwohl es ein Asylgrund wäre. Damit Frauen Mut fassen, aus dem Gewaltkreislauf auszubrechen, brauchen wir eine Anlaufstelle für betroffene und bedrohte Frauen und Mädchen. Deshalb wollen wir TABU in Kiel, die Stelle, die sich in den letzten Jahren umfassende Erfahrung und Expertise angeeignet hat, ab 2026 gerne als landesweite Fachstelle vom Land aus mit 100.000 Euro fördern. (Wortmeldung Annabell Krämer [FDP]) Den entsprechenden Haushaltsantrag werden wir nächste Woche dem Finanzausschuss vorlegen. Ich würde mich sehr freuen, wenn dieser Antrag breit von Ihnen allen mitgetragen würde. (Beifall ganzes Haus)
