Martin Habersaat
Vielen Dank, Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich habe es Ihnen schon einmal erzählt, als wir über das Recht auf Ganztag geredet haben: Im nächsten Schuljahr wird mein Sohn Linus eingeschult. Er wird mutmaßlich mit 25 anderen Mädchen und Jungen in einer ersten Klasse sitzen, ganz aufgeregt sein und am Beginn einer – wenn es nach Papa geht – dreizehnjährigen Schulkarriere stehen. (Zurufe) – Den Druck kriegen wir pädagogisch geregelt. – Er wird da mit vielen anderen Kindern sitzen, die in der Kita auf diese Schulzeit vorbereitet worden sind. In der AWO Kita in Reinbek ist das die Monstergruppe, in der man auf die Grundschule vorbereitet wird. In vielen Kitas heißen diese Gruppen Vorschulgruppe. In der Kita, die mein Sohn besucht, sind es die Maxis. Er ist also in diesem Jahr in der Maxi-Gruppe. Er hat besondere Verantwortung und besondere Aufgaben und wird darauf vorbereitet, die Grundschule zu besuchen. Er wird aber auch auf Kinder treffen, die keine Kita besucht haben und die nicht entsprechend auf die Grundschule vorbereitet werden. Wenn er sich dann umguckt und die 25 Mitschüler_innen anguckt, dann wird er zwei bis drei Kinder sehen, die es nicht schaffen werden, die keinen Schulabschluss machen werden. Ein bis zwei dieser Kinder werden mutmaßlich einen sonderpädagogischen Abschluss an einem Förderzentrum machen, und ein bis zwei Kinder werden schlicht gar keinen Schulabschluss machen. Es kann sein, dass das in seiner Klasse ein bisschen besser läuft, weil er in Stormarn zur Schule geht und in Stormarn die Quote der Kinder, die am Ende ohne Abschluss dastehen, besonders niedrig ist. Ginge er in Neumünster oder Ostholstein zur Schule, dann würde er wahrscheinlich mehr als zwei bis drei Kinder um sich herum erleben, die nicht bis zum ersten Schulabschluss kommen. Meine Damen und Herren, in Schleswig-Holstein sind es zehn Prozent der Kinder, die entweder einen sonderpädagogischen Abschluss oder gar keinen Abschluss machen. Damit liegt Schleswig-Holstein seit Jahren über dem Bundesschnitt – seit Jahren! Die Günther-Regierung kennt die Lage. Sie hat sicher auch registriert, dass es in ihrer Regierungszeit schlechter geworden ist. Die Anzahl der Kinder ohne Abschluss ist in den letzten acht Jahren gestiegen. Meine Damen und Herren, Sie wissen eigentlich auch, was zu tun ist. Sie formulieren Maßnahmen, die Sie ergreifen wollen. Nur leider wollen Sie diese Maßnahmen niemals flächendeckend und niemals jetzt ergreifen – und das werfe ich Ihnen vor. (Martin Habersaat) (Beifall SPD) Es sind ungefähr 25.000 Kinder, die jedes Jahr eingeschult werden. 2.500 davon sind betroffen. 2024 waren es 1.228 Kinder, die einen sonderpädagogischen Abschluss gemacht haben und 1.431 Kinder, die die Schule ohne Abschluss verlassen haben. Die Landesregierung trägt dann regelmäßig vor: Das liegt daran, dass ganz viele Jugendliche ihren Schulabschluss noch im berufsbildenden Schulwesen nachholen; das muss man berücksichtigen. Natürlich muss man das berücksichtigen, aber das ist in allen anderen Bundesländern auch so. Deswegen ist das kein Grund, diese besorgniserregende Statistik zu vernachlässigen. (Beifall SPD und vereinzelt FDP) Übrigens: Wenn den berufsbildenden Schulen so eine wichtige Bedeutung zukommt, dann frage ich mich, warum Sie den berufsbildenden Schulen in diesem Jahr das PZV streichen, ohne Ende Stellen kürzen und anscheinend versuchen, das System zu destabilisieren. Anders kann ich mir nicht erklären, was da gerade in der beruflichen Bildung passiert. (Beifall SPD und FDP – Zuruf Tobias Koch[CDU]) – Herr Koch, wenn Sie Fragen haben, bin ich gern bereit, sie Ihnen zu beantworten. (Zuruf Tobias Koch[CDU]) – Herr Koch, Sie schicken jetzt Berufsschullehrkräfte ins Ministerium. Wie soll denn das den Schülerinnen und Schülern helfen? (Beifall SPD und FDP) Wenn Sie wissen, dass Sprachbildung das A und O ist und dass fehlende Sprachkenntnisse am Ende dazu führen, dass Kinder und Jugendliche ohne Abschluss bleiben: Warum kürzen Sie dann im DaZBereich? Warum streichen Sie die Evaluation des DaZ-Bereichs in Schleswig-Holstein? (Beifall SPD und FDP) Wir wissen: Andere Bundesländer konzentrieren sich auf die Kinder, die keine Kita besuchen, Sie nehmen diese Kinder zuletzt in den Blick. Wir wissen: Hamburg hat große Erfolge, weil es flächendeckend das Programm „Entwicklungsfokus Viereinhalb“ durchführt, Sie fangen nicht flächendeckend damit an. (Beifall SPD und FDP) Jetzt lese ich in den Kieler Nachrichten, dass die Sozialministerin auf dem Parteitag der Grünen vorschlagen will, hier ein bisschen nachzusteuern. Das finde ich grundsätzlich gut. Das würde ich gern im Landtag erfahren, weil ich grüne Parteitage selten besuche. Aber, meine Damen und Herren, ich wünsche mir, dass Sie flächendeckend und schnell handeln. (Beifall SSW) Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall SPD, FDP und vereinzelt SSW)
