Beate Raudies
Für die Landesregierung erteile ich jetzt das Wort der Ministerin für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung, Aminata Touré. Aminata Touré, Ministerin für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung: Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Die aktuelle Verfilmung des Romans „22 Bahnen“ der Kielerin Caroline Wahl zeigt ganz deutlich, was es bedeutet, wenn eine junge Frau die Verantwortung für ihre Schwester und vor allem für ihre alkoholkranke Mutter übernimmt. Sie rückt damit ein Stück weit ins gesellschaftliche Bewusstsein, was wir heute hier diskutieren. Was macht es mit jungen Menschen, wenn sie sich die Frage stellen müssen: Kann ich heute Nachmittag etwas mit meinen Freundinnen unternehmen, oder muss ich meinen kleinen Bruder pflegen? Während sich viele Kinder und Jugendliche auf ihre Eltern verlassen können, während viele einfach Kind sein können, gibt es andere, die das einfach nicht sein können. Einige erfahren schon in jungen Jahren, was es bedeutet, Verantwortung für einen Elternteil oder andere Familienangehörige zu übernehmen, weil sie suchtkrank, pflegebedürftig oder psychisch krank sind. Die Gründe hierfür sind vielfältig und die Belastung für die Einzelnen sehr hoch. Ich persönlich wünsche jedem Kind ein sorgloses Aufwachsen, bei dem man schlichtweg einfach Kind sein darf. (Beifall ganzes Haus) Deshalb finde ich es wichtig, dass wir diese Debatte heute hier im Parlament führen und dass wir alle gemeinsam ganz deutlich sagen: Ihr seid nicht verantwortlich für das, was passiert; ihr müsst das nicht alleine durchstehen. Aus diesem Grund müssen wir heute hier darüber sprechen, was wir noch zusätzlich tun können. Zunächst gilt es herausfinden, wie viele Kinder es in Schleswig-Holstein betrifft, denn uns fehlen Zahlen für Schleswig-Holstein. Es gibt die Schätzung, dass es bundesweit circa 480.000 junge Menschen betreffen könnte. Dementsprechend möchte ich darauf eingehen, welche Angebote bestehen; denn auch daran fehlt es an ganz vielen Stellen, dass die jungen Menschen davon wissen, was es gibt. Es gibt auf Bundesebene das Projekt „Pausentaste – Wer anderen hilft, braucht manchmal selber Hilfe“. Das Projekt umfasst Schulmaterial für Lehrkräfte, eine Übersicht zu unterschiedlichen Hilfsangeboten und Tipps, um in akuten Situationen nicht unterzugehen, Infos über Fachtagungen und Netzwerke und ganz viele andere Informationen. Was viele möglicherweise nicht wissen, ist: Wenn man ein junger Mensch ist, der jemanden pflegt, und man sich im Studium befindet, dann gibt es die Möglichkeit, die Regelstudienzeit durch Teilzeitstudienmodelle oder Urlaubssemester flexibler zu gestalten. Was tun wir hier im Land? Wir fördern das Pflege-Nottelefon. Wenn man Hilfe braucht, weil man überfordert ist, dann kann man dort anrufen und wird kostenlos und anonym beraten. Wir haben das Angebot als Land ganz dezidiert und explizit für junge Menschen angepasst. Unter der Telefonnummer 01802 49 48 47 kann man das Pflegetelefon erreichen. Wir fördern den Verein „wir pflegen!“, der Veranstaltungen explizit für junge Menschen, aber auch Fachkräfte anbietet, in denen man sich über Hilfs- (Ministerin Aminata Touré) angebote informieren kann. Gemeinsam mit dem Verein „wir pflegen!“ habe ich letzte Woche die Woche der pflegenden Angehörigen im städtischen Krankenhaus eröffnet. Ich bin sehr dankbar für die Arbeit, die der Verein leistet, und dass er sich auch ganz dezidiert mit der Situation der Young Carers auseinandersetzt. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, FDP, SSW und Birte Pauls [SPD]) Wir haben in Schleswig-Holstein noch weitere Angebote, die gerade schon genannt worden sind: das Projekt „Young Carers“ des Kinderschutzbundes Segeberg, in dem es ein Gruppenangebot gibt, bei dem sich junge betroffene Menschen austauschen können und Zeit haben, einfach Kind zu sein; das Angebot „Young Helping Hands“ in Lübeck – eine Anlaufstelle für junge Menschen, die sich um ihre kranken Angehörigen kümmern; die AWO-Beratungsstelle Demenz & Pflege in Kiel, die Kinder und Jugendliche mit demenzerkrankten Angehörigen begleitet. Wir wissen, dass gerade Menschen, die sich die ganze Zeit um andere Menschen kümmern, Entlastung brauchen. Ich habe mehrere Tagespflegeangebote besucht, bei denen immer wieder bei den Angehörigen deutlich wird, dass es notwendig für sie ist, auch einmal Zeit zu haben, sich um sich selbst zu kümmern und ein wenig Entlastung zu erfahren. Deshalb teile ich den Punkt in dem Antrag, dass es aus diesem Grund mehr Angebote wie Tagespflege oder mobile Pflegedienste geben muss. Das ist auch ein Grund, mich im Bund dafür einzusetzen, dass die Bedarfsplanung genau dahin gehend überarbeitet wird. Im Land gibt es viele tolle Angebote, die durch unterschiedliche Projekte umgesetzt werden. Wir werden die Debatte heute nutzen, um vor allem über die unterschiedlichen Social-Media-Kanäle Informationen zu verteilen. Es ist wichtig, dass wir Kinder und Jugendliche genau dort erreichen, wo sie sind – und sie sind nun einmal mehrheitlich online unterwegs. Wir stellen aber auch fest – das ist ein selbstkritischer Punkt, den wir uns anschauen –, dass wir teilweise Konzepte oder Fachtagungen auf den Weg gebracht haben, bei denen wir uns gedacht haben, dass das vielleicht eine gute Idee wäre, aber sie nicht ausreichend Menschen ansprechen. Als Konsequenz daraus müssen wir die Angebote kinder- und jugendgerecht gestalten. Neben all dem, was sie Tag für Tag zu tragen haben, müssen sie auf einfachem Weg an die Infos und an die Unterstützung kommen. Lassen Sie uns also gemeinsam daran arbeiten, dass wir als Erwachsene Angebote für junge Menschen schaffen, die sie noch besser erreichen. Lassen Sie uns vor allem dafür sorgen, dass Kinder Kinder sein können und die kurze Zeit, die sie unbeschwert leben sollten, lang genug unbeschwert leben können. – Herzlichen Dank. (Beifall ganzes Haus)
