Dr. Michael Schunck
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ziel einer demokratischen Gesundheitspolitik sind mündige Patientinnen und Patienten. Die Zeiten, als die selbsternannten Halbgötter in Weiß allein über das Schicksal der ihnen anvertrauten Patientinnen und Patienten bestimmen konnten, sind längst vorbei. Bürgerinnen und Bürger fragen selbstständig nach Angeboten, Therapiealternativen und begleitenden Strukturen. Eine Zweitmeinung einzuholen, ist nicht länger das Privileg der Privatversicherten, sondern gerade bei schwerwiegenden Verläufen oder seltenen Krankheiten inzwischen ein eingespieltes Verfahren auch für die gesetzlich Versicherten. (Dr. Michael Schunck) Das ist ein Fortschritt, dem wir uns verpflichtet fühlen sollten. Der Klinik-Atlas steht für mich genau für diesen Ansatz, für Transparenz und Klarheit. Dazu wird der Atlas laufend aktualisiert. Aktuell ist der Atlas, was die Zahl der Fälle, der Betten und des Pflegepersonals angeht, auf dem Stand von Dezember letzten Jahres. Das bedeutet, dass die Zahlen aus den jeweiligen Häusern einen realistischen Einblick in die Lage vor Ort geben. Nach meiner Auffassung muss der Atlas schnellstmöglich flächendeckend gelten. Das heißt, dass die letzten Lücken geschlossen werden sollten, um allen Patientinnen und Patienten einen Überblick zu gewähren. Ich meine nicht, dass der Atlas der Weisheit letzter Schluss ist. So ist zum Beispiel die Zahl der Pflegekräfte als Orientierungsrahmen durchaus umstritten; Birte Pauls hat das auch schon gesagt. Ich weiß um die statistischen Vorbehalte, die vor allem von den Häusern geäußert werden, die häufig mit Leih- und Honorarkräften arbeiten. Dieses Instrument wird also ständig verbessert werden müssen, auch in Bezug auf das Design. Leider ist der Atlas offenbar von Fachexperten erstellt worden. Hier mangelt es tatsächlich an Anwenderfreundlichkeit. Das bedauere ich sehr, weil damit eine an sich gute Initiative quasi durch die Hintertür torpediert wird. Ich wünsche mir, dass Patientenvertreterinnen und –vertreter stärker beim Design, bei der Oberflächengestaltung und beim Suchprozess eingebunden werden. Die Darstellungen sind für Laien nicht zu verstehen. (Zuruf SPD: Genau!) Ein großer Minuspunkt ist zudem, dass nicht die häufigsten Behandlungen dargestellt werden, sondern 25 Eingriffe, für die die Datenlage offensichtlich leicht zugänglich ist. Das ist alles sehr ärgerlich, aber verbesserbar. Ziel bleibt ein unabhängiges Kataster aller Krankenhäuser in Deutschland mit allen Fachbereichen und den häufigsten Eingriffen. Die Bereiche der Behandlung psychischer Krankheiten sind ausgenommen. Ich möchte ein Fallbeispiel anführen, das – anders als bei der Schmerzklinik in Kiel – die positive Bedeutung des Atlas unterstreicht. Das Flensburger DIAKO-Krankenhaus erlitt durch seine Insolvenz einen dramatischen Imageeinbruch, der sich auch im Überweisungsverhalten der niedergelassenen Fachärzte niederschlug. Die gute pflegerische Versorgung war aber zu keinem Zeitpunkt prekär oder kritisch, auch nicht die ärztliche. Der KlinikAtlas hat dazu beigetragen, dass diese objektiven Fakten bei den Patientinnen und Patienten angekommen sind. Die Fallzahlen steigen inzwischen und sichern damit die Existenz dieses Hauses. Generell ist zu beobachten, dass der Klinik-Atlas offenbar eine Lücke schließt. Er ist transparent und vor allem unabhängig. Das ist scheinbar vielen Trägern ein Dorn im Auge. Bedauerlicherweise hört die Bundesgesundheitsministerin diesen Lobbygruppen sehr gut zu. Nach Presseberichten ist die Projektgruppe eingestellt worden, und zwar rückwirkend zum Sommer dieses Jahres. Das ist ein Rückschritt und ein Schlag ins Gesicht mündiger Patientinnen und Patienten. Der Atlas steht damit vor dem Aus. Das akzeptieren wir nicht. Jetzt noch einmal zu dir, lieber Herr Balke, Jasper. Ich kann nicht ganz nachvollziehen, dass man so einen Atlas wegen des Namens ad acta legen möchte. Wenn beispielsweise Daimler-Benz damals entschieden hätte, Autos nicht weiter bauen zu wollen, weil sein erster Wagen wie eine Kutsche ausgesehen hat, wären wir heute nicht die Autoindustrie, die wir sind. Also, geben Sie dem Klinik-Atlas noch eine Chance! – Vielen Dank. (Beifall SSW und SPD)
