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Sophia Schiebe

SPD 16.10.2025 Sitzungen 20/100

Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Liebe Kolleg_innen! Wer morgens mit drei, vier oder mehr Kindern das Haus verlässt, weiß, was Organisation bedeutet. Es ist keine Frage mangelnder Disziplin, wenn das Frühstück hektisch wird und der Morgen zur logistischen Herausforderung. Es ist schlicht eine Realität, die kaum ein politisches Papier wirklich fasst. Und genau das ist das Problem mit dem vorliegenden Bericht zur Situation kinderreicher Familien hier in Schleswig-Holstein. Er beschreibt, aber er fühlt nicht. Er listet Zahlen, aber er übersieht das Leben dahinter. Hinter jeder Statistik steht ein Alltag, der zu oft auf Kante genäht ist. Kinderreiche Familien jonglieren mit Betreuungslücken, mit steigenden Preisen, mit knapper werdendem Wohnraum und mit einer Gesellschaft, die Mehrkindfamilien immer noch als Ausnahmeerscheinung behandelt. Diese Familien leisten aber enorm viel für sich, für den sozialen Zusammenhalt und für unser Land. Trotzdem stehen sie am Ende des Monats oft mit weniger da: weniger Geld, weniger Zeit, weniger Raum und weniger politischer Aufmerksamkeit. Das müssen wir ändern. (Beifall SPD, SSW, Eka von Kalben [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Dr. Heiner Garg [FDP]) Der Bericht zeigt unmissverständlich, was im Argen liegt: Das Armutsrisiko von Familien mit drei oder mehr Kindern ist fast dreimal so hoch wie bei kleineren Familien. Das ist kein Zufall, sondern ein strukturelles Versagen. Wir wissen, dass Erwerbstätigkeit allein kaum schützt, wenn die Kosten für Wohnen, Mobilität und Bildung schneller steigen als das Einkommen, und wir wissen, dass Mehrkindfamilien überdurchschnittlich oft auf Sozialleistungen angewiesen sind. Das steht im Bericht, aber es bleibt bei der Beschreibung, ohne klare politische Folgerung, ohne Strategie, wie wir diese Ungerechtigkeiten beenden wollen. Die Landesregierung schreibt stolz, Schleswig-Holstein sei familienfreundlich, doch diese Freundlichkeit endet oft bei der unverbindlichen Geste. Der Bericht verweist auf Geschwisterermäßigungen oder den Beitragsdeckel, aber er liefert kein Wort zur tatsächlichen Reichweite oder Wirksamkeit dieser Programme in kinderreichen Familien, (Beifall SPD) keine Evaluation, keine Korrekturen, die eventuell vorgenommen werden müssten. Man verweist auf bestehende Programme und hofft, dass sie wirken, ohne es zu überprüfen. Familien mit drei, vier oder fünf Kindern müssen also selbst herausfinden, ob das System passt. Ob das das Ziel unserer Politik sein sollte? – Ich bin überzeugt, das ist es nicht. (Beifall SPD und SSW) Ähnlich beim Wohnen. Der Bericht erwähnt die Wohnraumförderung. Doch wer sich die Einkommensgrenzen ansieht, merkt schnell, dass gerade jene Familien, die knapp über der Förderlinie liegen, durch jedes Raster fallen. Sie verdienen zu viel für die Unterstützung, aber zu wenig für eine Wohnung, in der alle einen Platz finden. (Beifall SPD, FDP und SSW) Kinderreiche Familien leben deshalb nicht selten auf viel zu engem Raum mit Kompromissen, die wir als Politik nicht länger hinnehmen sollten. Daher müssen wir den Bau von Wohnungen mit mindestens fünf Zimmern aktiv fördern und die Förderkriterien an die Realität von Mehrkindfamilien anpassen. Dann ist da ja auch noch die vielbeschworene Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Der Bericht zählt Netzwerke und Projekte auf. Aber was bedeutet das für eine Mutter mit vier Kindern, deren Kita um 15 Uhr schließt? Was bedeutet das für Eltern, die keinen Ganztagsplatz bekommen, weil die Kapazitäten nicht ausreichen? (Sophia Schiebe) Der Bericht verweist auf den kommenden Rechtsanspruch, aber verliert kein Wort darüber, wie man ihn mit Qualität und Flexibilität füllen will. Aber genau das brauchen unsere Familien. (Beifall SPD, FDP und SSW) Es fällt besonders auf, dass der Bericht klare Aussagen darüber, was kinderreiche Familien wirklich brauchen, vermeidet. Er versteckt sich hinter Formulierungen wie „es wird geprüft“ oder „die Landesregierung beabsichtigt“. Man spürt die politische Vorsicht. Doch gerade Familien mit vielen Kindern brauchen keine unverbindlichen Absichten, sondern verbindliche Zusagen. (Beifall SPD, FDP und SSW) Wenn ein Drittel dieser Familien armutsgefährdet ist, dann ist das nicht ihr persönliches Versagen, sondern unser gemeinsames. Wenn Fördermittel nicht dort ankommen, wo sie gebraucht werden, liegt das nicht an den mangelnden eigenen Initiativen der Eltern, sondern an bürokratischen Hürden, die niemand mit mehreren Kindern nebenher überwinden kann. Unser Handeln ist also gefragt, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Beifall SPD, FDP und SSW) Wir müssen endlich aufhören, Kinderreichtum als soziale Abweichung zu behandeln. Wir brauchen klare politische Entscheidungen, die die Kinderzeit nicht als Belastung, sondern als gesellschaftliche Leistung anerkennen. Das bedeutet gezielte finanzielle Förderungen, die das Armutsrisiko von Mehrkindfamilien sofort senken. Am Ende geht es nicht nur um Programme, sondern um Haltung. Eine Gesellschaft, die Kinderreichtum als Reichtum begreift, gestaltet Politik anders. Es braucht Mut, Prioritäten zugunsten von Familien, die heute oft unsichtbar bleiben, obwohl sie das Fundament unserer Zukunft bilden, zu verschieben. Wenn wir wirklich wollen, dass Schleswig-Holstein ein Land für Familien ist, dann müssen wir diesen Familien nicht nur Zahlen widmen, sondern Entscheidungen, die ihr Leben spürbar erleichtern. Nur dann wird aus dem Bericht eine Perspektive und aus politischer Absicht endlich gelebte Verantwortung. – Vielen Dank. (Beifall SPD, FDP und SSW)

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