Annabell Krämer
Für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN erteile ich nun der Abgeordneten Catharina Nies das Wort. Catharina Johanna Nies [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Verehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich bedanke mich bei unserer Sozialministerin für den Bericht zu der Situation von Mehrkindfamilien in Schleswig-Holstein, der nicht nur einen ausführlichen Datenüberblick liefert, sondern (Catharina Johanna Nies) an verschiedenen Stellen den Finger in die Wunde legt. Ein herzlicher Dank geht an den SSW, dass das Thema parlamentarisch von Ihnen hier auf die Agenda gesetzt wurde und wir die Chance bekommen, über spezifische Herausforderungen kinderreicher Familien zu sprechen, also über die 37.000 Familien in Schleswig-Holstein mit drei oder mehr Kindern. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW) Kinder zu bekommen und eine Familie zu gründen, das ist für sehr viele Menschen erfüllend, schön und fester Bestandteil der Lebensplanung, und das sollte durch gute Rahmenbedingungen bestärkt werden. Stattdessen ist die Lebensrealität oft eine andere. Der vorliegende Bericht macht deutlich, wie hoch das Armutsrisiko von Mehrkindfamilien ist und dass es sich bei dem Schritt von zwei auf drei Kinder signifikant erhöht. 66.000 Menschen, die in Schleswig-Holstein in Mehrkindfamilien leben, sind laut Bericht von Armut betroffen. Das sind 34 Prozent der Familienmitglieder aus kinderreichen Familien. Das sind zu viele, und das ist ein bundesweites Problem. Das sind keine guten Bedingungen für eine deutsche Gesellschaft, für die Kinderreichtum, ich wollte dieses Wort jetzt auch noch einmal bedienen, etwas Wertvolles sein sollte; nicht nur, weil Kinder uns Wärme, Liebe und Lachen in unser Leben bringen, das ist natürlich das Wichtigste an den Kindern, sondern auch, weil die demografische Entwicklung einer älterwerdenden Gesellschaft ohne ausreichenden Nachwuchs in den jüngeren Generationen zu massiven Folgeproblemen führt. Über eines haben wir zum Beispiel gestern gesprochen, nämlich über die Finanzierung der Pflege, aber das gilt auch für die Fragen rund um die Rente. Schleswig-Holstein investiert sehr viel in strukturelle Unterstützung von Familien – in verlässliche und qualitative frühkindliche Bildung, in den Ausbau des schulischen Ganztags, in Frühe Hilfen, in Familienbildung und sozialen Wohnungsbau. Trotzdem: Viele Eltern stehen heute in einem Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher und familiärer Verantwortung, und je mehr minderjährige Kinder in einem Haushalt leben, desto stärker wird dieses Spannungsverhältnis. Wenn ein Elternteil dann noch alleinerziehend ist, dann verstärkt sich das Problem weiter, und das kann ab einem gewissen Punkt für die ganze Familie zu Belastungen führen. In Statistiken und wirtschaftlichen Analysen geht es meist vorrangig um Zahlen, weniger um Lebensrealität und praktische Hürden wie beispielsweise lange Care-Wege, die es einfach gibt. Vielmehr stehen die Erwerbs- und Transferquoten der Eltern meist im Mittelpunkt. Aber die Frage, inwieweit Familien mit unterschiedlicher Kinderanzahl im Haushalt von Sozialleistungen abhängig sind, sowie die darauf aufbauende Frage, wie die Erwerbsbeteiligung beider Elternteile erhöht werden kann, um eine eigenständige Lebenssicherung zu erreichen, also das Familieneinkommen auf ein höheres Niveau zu bringen, ist berechtigt. Ja, diese Fragen sind sehr berechtigt, aber ich finde, wir müssen darüber hinausdenken, wenn wir das Kindeswohl in den Blick nehmen. Es kann nicht nur darum gehen, dass beide Elternteile irgendwann in Vollzeit arbeiten. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Beate Nielsen [CDU]) Uns ist allen klar, dass die ökonomische Situation von Kindern in einer Familie mit zwei Vollzeitverdienenden in der Regel sehr viel besser abgesichert ist. Das Armutsrisiko verringert sich gen null, und die Teilhabechancen für die Kinder erhöhen sich. Monetäre Absicherung ist ein Faktor, der wichtig ist. Das kann aber aus meiner Sicht nicht nur über eine Erhöhung der Erwerbsarbeit gelöst werden. Das will ich ganz deutlich sagen. Kinder brauchen Eltern, die präsent sind, die Zeit haben, sie gut zu begleiten. Die Realität in Mehrkindfamilien ist: Care-Arbeit kostet Zeit, Familienarbeit kostet Zeit, und der Tag hat halt 24 Stunden. Wenn man drei oder mehr Kinder hat, dann ist es in vielen Fällen einfach nicht möglich, noch mehr zu arbeiten, als viele das schon tun. Die Sozialministerin hat es gerade gesagt: In Mehrkindfamilien arbeiten die Eltern genauso viel wie in anderen Familien. Jetzt zu sagen, dies weiter zu erhöhen, würde die Probleme lösen, ist, so glaube ich, nicht der ausreichende Weg. Ich glaube, wir brauchen hier verschiedene Ansätze. Auch die Kinderbetreuung, die Fremdbetreuung von Kindern hat natürlich irgendwo Grenzen, Stichwort Kindeswohl. Kinder dürfen maximal neun Stunden am Tag in Fremdbetreuung sein. Ich finde das auch richtig. Das Spannungsverhältnis zwischen wirtschaftlicher und familiärer Verantwortung muss also über verschiedene Punkte besser aufgelöst werden, und bei der Lösungsfindung ist, so glaube ich, wichtig, dass wir eines im Hinterkopf haben, nämlich dass die Herausforderungen, die wir in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf eh schon an zahlreichen (Catharina Johanna Nies) Stellen haben, sich mit jedem weiteren Kind weiter potenzieren und verstärken. Ein Punkt noch: Das Problem ist nicht, dass Eltern mit mehreren Kindern zu wenig arbeiten, sondern dass ein Großteil ihrer Arbeit, nämlich die CareArbeit, nach wie vor nicht bezahlt wird und zu unsichtbar ist. Alle Ebenen sind aufgefordert, an dieser Stelle nachzubessern. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit und freue mich auf die weitere Debatte im Ausschuss. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, vereinzelt CDU und Beifall Dr. Heiner Garg [FDP])
