Dr. Michael Schunck
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Jette! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Erst einmal vielen Dank an Dirk Kock-Rohwer. Das war ein sehr guter biologischer Exkurs, das kann ich nur bestätigen. Ich hätte es nicht besser machen können. Es war wirklich sehr, sehr gut. (Beifall SSW, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU) Im Antrag, über den wir hier sprechen, heißt es: „Heimische Eiweißpflanzen als ökonomische Chance nutzen“. Ich finde es gut, hierbei nicht allein den regionalen Anbau von Eiweißpflanzen aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten, sondern auch einen ökologischen Aspekt in die Überlegung einzubeziehen. Auch das hat Herr Kock-Rohwer schon gemacht. Es ist richtig, dass für unsere heimische Tiermast viel Protein in Form von Sojaschrot importiert werden muss. Der Proteingap – auch Eiweißlücke genannt – beschreibt den Anteil des Futters am Gesamtfutteraufkommen, der für die Versorgung unseres Viehbestandes im Land nur durch Importe gedeckt werden kann. Aber was bedeutet das genau? – Entweder haben wir in der eigenen Eiweißfuttermittelproduktion ein Defizit, das wir mit Importware ausgleichen müssen, oder unser Viehbestand ist zu groß, um die Bedarfe durch eigenen Anbau decken zu können. Das ist ein Fakt. Deshalb müssen wir hochwertige Proteinfuttermittel wie beispielsweise Soja, Sojabohnen oder Sojaschrot importieren, um die Bedarfe hier bei uns in Deutschland zu decken. Die Hauptlieferanten von Sojabohnen und Sojaschrot sind Nord- und Südamerika. Deutschland importiert jährlich rund 6 Millionen Tonnen Sojaprodukte. Aus mehreren Gründen wird dieser Import schon seit Jahren kritisch gesehen. Gerade in Südamerika, insbesondere in Brasilien, werden große Waldflächen gerodet, um neue Anbauflächen zu schaffen; ich glaube, das hat noch keiner von euch gesagt. Der Transport über den Atlantik verursacht einen hohen CO -Fußabdruck, was wieder2 um schlecht für die Klimabilanz ist. Außerdem wird Soja, um die Resistenz gegen Schädlinge oder Herbizide zu erhöhen und um die Pflanzen widerstandsfähiger gegen Umweltbedingungen wie Dürren zu machen, immer weiter genetisch verändert. Auch das ist ein Aspekt, den wir hier bislang noch nicht benannt haben. Angesichts der Diskussion um den Verbraucherwunsch nach gentechnikfreien Produkten ist dieser Aspekt nicht unerheblich. Auch die schlechte Umweltbilanz durch Überseeimporte sehen wir als wichtigen Aspekt, die Produktion von Eiweißlieferanten im eigenen Land zu stärken. Als SSW begrüßen wir daher den vorliegenden Antrag der Koalition, die Eiweißpflanzenproduktion hier im Land weiter auszubauen, basierend auf der Eiweißstrategie des Bundes. (Beifall SSW, SPD und FDP – Unruhe CDU) – Ihr scheint kein großes Interesse zu haben, aber ist okay. Die Gründe dafür sind durchaus vielfältig. Eiweißpflanzen in der Fruchtfolge einzubeziehen, wirkt sich positiv auf die Kohlenstoffbilanz aus, führt zur Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit und der Humusbildung und dient ganz nebenbei durch die Knöllchenbakterien – Dirk Kock-Rohwer hat es gesagt – der Stickstofffixierung aus der Umgebungsluft. Das führt letztlich dazu, dass die Stickstoffausbringung auf der Fläche verringert werden kann, was wiederum Geld spart, und der Eintrag von Nitrat und Nitrit aus einer übermäßigen Gülleausbringung kann ebenfalls reduziert werden. Ein aus ökologischer Sicht sehr begrüßenswerter Aspekt. Aus ökonomischer Sicht machen wir uns unabhängiger von Importwaren und stärken die heimischen Wirtschaftsketten, auch das wurde schon mehrfach (Dr. Michael Schunck) benannt. Wir wissen, was wir produzieren und was wir unseren Tieren zu fressen geben. Da ist es nur richtig, dass wir für Schleswig-Holstein Maßnahmen ergreifen, um den Anbau von Eiweißpflanzen zu erhöhen. So weit, so gut. Allerdings müssen wir uns dabei auch ehrlich machen und uns eingestehen, dass wir den Bedarf für die Tiermast nicht allein durch eigenen Anbau werden decken können. Wir haben rund 650.000 Hektar Ackerland in Schleswig-Holstein, und eine Fruchtfolge bedeutet in dem Fall, dass wir den Anbau von Eiweißpflanzen entsprechend austarieren müssen. Seit 2012 gibt es die Eiweißpflanzenstrategie des Bundes. Bereits damals wurde die Problematik im Zusammenhang mit den Importen erkannt. Doch die heimischen Eiweißpflanzen konnten es weder quantitativ noch monetär mit Mais, Getreide, Zuckerrieben oder Raps aufnehmen. Auch das komplexe Anbaumanagement oder schwankende Erträge ließen den Anbau von Eiweißpflanzen zurückgehen. Mit dem Rückgang der Eiweißpflanzenproduktion schwanden wichtige Kenntnisse über Anbau, Produktion und Neuzüchtung. Die schwindende Wettbewerbsfähigkeit führte entsprechend zu einer Negativspirale unter den heimischen Eiweißpflanzen. Diesen negativen Trend gilt es nun, vor allem unter den aktuell herrschenden kosmopolitischen Herausforderungen zu durchbrechen und mit der Strategie des Bundes entsprechend gegenzusteuern. Bereits in der Küstenkoalition wurde die Problematik erkannt, und so haben wir im Jahre 2013 einen Antrag mit dem Ziel, eine Strategie für heimische Eiweißpflanzen zu entwickeln, um den Anbau von Eiweißpflanzen in der Landwirtschaft in SchleswigHolstein zu erhöhen, eingereicht. Sandra Redmann ist darauf gerade eingegangen. Das war quasi das, was die Regierungskoalition jetzt in ihrem Antrag fordert. Deshalb sind wir inhaltlich ganz bei der Koalition, denn konkurrenzfähig werden wir nur sein, wenn wir weiter in Züchtung, Anbautechniken und Produktion investieren. Dafür müssen wir den tiefen Teller nicht neu erfinden. Das vorhandene Leguminosen-Netzwerk bündelt das Wissen rund um Eiweißpflanzen und verfolgt das Ziel, den Selbstversorgungsgrad in Deutschland zu steigern. Nur wenn es gelingt, auf Dauer ein konkurrenzfähiges Einkommen aus dem Anbau von Eiweißpflanzen zu sichern, können wir die Eiweißlücke verringern, die Importe reduzieren, unsere ökologische Bilanz verbessern und unseren Viehbestand nachhaltiger ernähren. – Vielen Dank. (Beifall SSW, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, FDP und Rixa Kleinschmit [CDU])
