Dirk Kock-Rohwer
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir sprechen heute über Eiweißpflanzen als ökonomische Chance, aber ich möchte mit den ökologischen Chancen anfangen, die diese Pflanzen bieten. Ich bin in letzter Zeit öfter gefragt worden: Eiweißpflanzen, was sind denn das eigentlich? – Unter Eiweißpflanzen versteht man die Leguminosen. Das ist ein neuer Begriff, und der ist genauso durchsichtig. (Heiterkeit) Das sind Erbsen, Ackerbohnen, Lupinen, Linsen und Sojabohnen. Sojabohnen sollten eigentlich bekannt sein. Dazu gehören auch kleeartige Pflanzen wie Weißklee und Rotklee. Diese Pflanzen sollten jedem bekannt sein. Dazu gehören aber auch Luzerne und Wicken. Das Besondere an dieser Pflanzenfamilie ist: Sie lebt in Symbiose mit Rhizobien. Das sind Bakterien, die an der Wurzel kleine Knöllchen bilden und von der Pflanze mit Zucker versorgt werden. Das Besondere dieser Bakterien ist: Sie können den Luftstickstoff pflanzenverfügbar machen. Das sind die einzigen Bakterien, die das tatsächlich schaffen. Die uns umgebende Luft besteht zu 78 Prozent aus Stickstoff. Diese Bakterien können diesen Pflanzen verfügbar machen. Deshalb ist das eigentlich ein Geschenk der Natur. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW, vereinzelt CDU und SPD) Das ist die Grundlage für den Ökolandbau. Ohne das hätten wir im Ökolandbau schlechte Karten. Vielleicht einmal ein paar Zahlen dazu: Um ein Kilogramm Stickstoff pflanzenverfügbar zu machen, braucht man die Energie von 2,5 Litern Heizöl. Einen Hektar Weizen zu düngen, braucht 200 Kilogramm Stickstoff, entsprechend 500 Liter Heizöl. Wenn ich ein Kilogramm Ackerbohnen anbaue, fixieren mir diese Bakterien in einem Jahr 250 Kilogramm Stickstoff, ohne dass ich von außen Energie hinzufügen muss. Das ist also ein sehr klimaschonender Anbau. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW, vereinzelt CDU und SPD) Zusammenfassend gesagt: Ein sehr hoher Vorfruchtwert, für nachfolgende Kulturen ist noch Stickstoff im Boden. Wir haben eine starke Durchwurzelung, den diese Pflanzen hinterlassen, was in den Trockenphasen, die uns bevorstehen, ein Vorteil sein kann. Das Ganze ist durch die Blütenpracht auf dem Acker sehr humusfördernd und biodiversitätsfördernd. Wir haben eine Aufweitung der Fruchtfolge und den klimaschonenden Anbau, ich erwähnte es schon. Kommen wir jetzt aber zum ökonomischen Vorteil. Die Kollegin Kleinschmit hat es gerade schon erwähnt: Wir sind für die Tiernahrung abhängig von Importen von Eiweißfutter aus Lateinamerika und aus Nordamerika. Der größte ökonomische Vorteil für die Bäuerinnen und Bauern würde in der Einsparung des benötigten Stickstoffdüngers liegen. Ganz nebenbei ist diese Art der Düngung natürlich sehr viel klimaschonender – geringerer Energieverbrauch und weniger Lachgasemissionen. Der weitaus größere Aspekt aber ist die Herkunft der Stickstoffdüngemittel. Seit Beginn des Ukrainekriegs sind circa 6,2 Millionen Tonnen aus Russland in den Euroraum importiert worden. Die größte Menge an Stickstoffdünger kommt im Euroraum aus Russland. Stellen wir uns jetzt vor: Wir haben ein Verbot von Gasimporten, importieren das Gas aber in anderer Form. Hier könnten wir mit einem verstärkten Anbau von Eiweißpflanzen bei uns im Land einen kleinen Punkt dagegensetzen, (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW, vereinzelt CDU und SPD) (Dirk Kock-Rohwer) denn das füllt so die Kriegskasse Russlands. Liebe Kolleginnen und Kollegen, auch in der menschlichen Ernährung können wir durch Ackerbohnen, Erbsen und Lupinen und neuerdings durch hier angebaute Sojabohnen unsere Nahrungsgrundlage erweitern – aus der Region für die Region. Es gilt, dies zu stärken durch die Förderung von Wertschöpfungsketten, durch Anbauanreize für Bäuerinnen und Bauern auch für den Anbau von kleeartigen Pflanzen. Die Saatgutforschung für Eiweißpflanzen wurde lange vernachlässigt. Auch diese muss wieder gefördert werden. Es lohnt sich, die Strategie des Bundes genauer anzuschauen und im Land umzusetzen. Es besteht dabei eine gewisse Überschneidung sowohl mit Maßnahmen für eine standortangepasste Landwirtschaft als auch den Zielen und Aufgaben des Kompetenzzentrums klimaeffiziente Landwirtschaft. Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden. Darum sprechen wir in unserem Antrag von Bündelung und Weiterentwicklung, denn es tut sich in diese Richtung schon eine ganze Menge. Wir stehen nicht am Nullpunkt. Lassen Sie uns Sorge dafür tragen, dass diese Pflanzen den Platz auf unseren Äckern erhalten, den sie verdienen. – Vielen Dank. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW, vereinzelt CDU und SPD)
