landtag.ltsh.de ↗

Malte Krüger

GRÜNE 24.09.2025 Sitzungen 20/96

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Ich komme ja aus Wewelsfleth und wohne da direkt hinterm Deich. (Beifall Martin Balasus [CDU]) Wenn ich mich auf den Deich stelle, dann ist da erst einmal das Störsperrwerk, welches gerade sein 50-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Heiner Rickers und ich waren beim Festakt dabei und haben ganz genau zugehört, was Frau Matelski vom LKN uns über den steigenden Meeresspiegel und die Herausforderungen bei Hochwasser erzählt hat. Ich musste da ehrlicherweise immer an etwas denken. Mein Vater war einmal für dieses Sperrwerk zuständig. Er hat mal einen NDR-Beitrag gemacht und erzählt, wie früher, bevor es dieses Sperrwerk gab, mit Hochwasser umgegangen worden ist. Man erzählt sich im Dorf, da wurde vorne die Haustür aufgemacht und hinten die Tür aufgemacht, und dann ist das Wasser halt durchgerauscht. Von diesen Zuständen sind wir inzwischen Gott sei Dank weit entfernt; denn nach dem verheerenden Hochwasser 1962, bei dem viele Menschen tragisch gestorben sind, wurde die Entscheidung getroffen, das Störsperrwerk zu bauen. Seit dem Bau des Sperrwerks und der Eröffnung im März 1976 ist die Nordsee laut LKN vor dem Störsperrwerk 235-mal in einer Höhe von mehr als 3,06 Meter über dem Meeresspiegel aufgelaufen. Eins ist glasklar: Mit dem steigenden Meeresspiegel wird diese Zahl nicht abnehmen, sondern genau das Gegenteil wird der Fall sein. Wenn ich dann eh schon auf dem Deich stehe und weiter Richtung Norden gucke, dann schaue ich auf ein riesiges Atomkraftwerk. In der Schule haben wir zumindest gelernt, wie das mit Jodtabletten und anderen Dingen funktioniert. (Zuruf Beate Raudies [SPD]) Mit meinen Mitschüler_innen und mir wurde also schon damals über Katastrophenszenarien gesprochen. Ich erinnere da zumindest insbesondere meinen Physiklehrer – auch wenn Sie, Frau Raudies, gerade behaupten, dass es das da nicht mehr gab –, der sehr greifbar darstellen konnte, was in Tschernobyl passiert ist und wie das eigentlich in Glückstadt aussehen würde. Was will ich damit sagen? Katastrophenschutz ist sehr, sehr vielfältig. Es gibt sehr viele unterschiedliche Katastrophen. Es geht nicht darum, dass ich in der Schule jede einzelne mögliche Katastrophe durchspiele und mit den Schüler_innen darauf eingehe, sondern es geht darum, Kompetenzen aufzubauen, wie wir mit Katastrophen umgehen. Schüler_innen sollen also anhand von exemplarischen Szenarien abstrahieren und für andere Situationen lernen können. Ganz wichtig ist da natürlich die psychische Resilienz, die wir mit unserem gemeinsamen Antrag hier stärken wollen. Bildung über Katastrophenschutz reduziert Angst und Hilflosigkeit und fördert im Idealfall Selbstwirksamkeit bei Schüler_innen, und das stärkt dann die Resilienz. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU) Das wird auch immer wichtiger; denn wir haben eine Zunahme an Extremwetterereignissen. Das Ostseehochwasser wurde schon genannt; die Ahrtal-Katastrophe. Wir haben einen Meeresspiegelanstieg, und das sind nur die Naturkatastrophen. Einige unserer Mitmenschen auf diesem Planeten sorgen selbst für Katastrophen. Nehmen wir den Krieg in der Ukraine. Putins menschenverachtender Krieg und sein unerträglicher Imperialismus, der Drohungen, Drohnen und Desinformation über uns bringt, ist auch ein Problem, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Und in der Zeit, in der wir leben, müssen wir dabei die ganze Gesellschaft mitnehmen. Das heißt, dass wir auch unsere Schulen mitnehmen müssen, und natürlich schauen wir dabei in erster Linie auf unsere Schüler_innen. Aber, um ehrlich zu sein, ist das nur die eine Seite, denn (Malte Krüger) wir müssen natürlich auch unsere Lehrkräfte bei dem ganzen Thema mitnehmen. Die müssen auch geschult werden, und das ist eine gar nicht so leichte Aufgabe. Was wollen wir jetzt mit unserem Antrag? Erstens wollen wir praktische Selbstschutzkompetenz vermitteln. Ein landesweiter Aktionstag für Katastrophenschutz könnte Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben, mit Feuerwehr, THW, Rettungsdiensten und anderen Hilfsorganisationen in Kontakt zu kommen. Man muss ehrlicherweise noch einmal darauf hinweisen – darauf hat mich der Kollege Kock-Rohwer immer wieder hingewiesen –, dass es an Schulen bereits jetzt Möglichkeiten gibt, wo THW oder Feuerwehr an die Schule kommen und man lernt, wie man zum Beispiel einen Notruf absetzt, wie man Erste Hilfe leistet oder wie man sich bei Extremwetterereignissen verhält. Da finde ich es an dieser Stelle nur angebracht, wenn wir all denjenigen, die an unseren Schulen diese extrem wichtige Kompetenz, die im Idealfall Leben rettet, vermitteln, einmal ein großes Dankeschön mitgeben. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU und Dr. Michael Schunck [SSW]) Was wollen wir noch? Zweitens wollen wir das Ehrenamt stärken. Wenn junge Menschen früh mit den Organisationen des Katastrophenschutzes in Berührung kommen, weckt das hoffentlich Interesse und Begeisterung. Viele Hilfsorganisationen kämpfen mit Nachwuchsproblemen. Ein Aktionstag könnte Jugendliche für ein Engagement in der Blaulichtfamilie begeistern und so langfristig unsere Bevölkerung stärken. Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie mich eines klarstellen: Es geht nicht darum, den Schulen eine weitere Pflichtaufgabe aufzubürden. Deshalb sollen die Schulen selbst entscheiden können, ob sie an dem Aktionstag teilnehmen. Es geht auch nicht darum, Kindern Angst zu machen. Im Gegenteil, es geht darum, Ängste zu nehmen, indem wir Kompetenzen vermitteln. Die Integration des Themas in bestehende Fächer wie Geografie ist ein weiterer wichtiger Baustein. Wenn Schülerinnen und Schüler nicht nur etwas über den Klimawandel lernen, sondern auch über seine konkreten Auswirkungen und Handlungsmöglichkeiten, dann schlagen wir doch ehrlicherweise sogar zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir bilden für die Zukunft und schützen gleichzeitig. Abschließend möchte ich noch den Hinweis geben, dass sich der Europaausschuss im Dezember mit der Reform des EU-Katastrophenschutzmechanismus auseinandersetzen wird. Alle interessierten Abgeordneten sind herzlich eingeladen; das sage ich auch als Ausschussvorsitzender. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU)

Alle Reden von Malte Krüger Protokoll ↗