Silke Backsen
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich vor, Sie planen einen Urlaub an Nord- oder Ostsee. Sie freuen sich auf Sonne, Strand, Deich und Meer. Doch dann stellen Sie fest, der Weg zum Strand ist für Ihren Rollstuhl unpassierbar, und das Hotel hat eben leider keinen Aufzug. Die Speisekarte gibt es nur in kleiner Schrift, und plötzlich wird aus der Vorfreude Frustration und aus dem Urlaub eher ein Hindernisparcours. – Diese Erfahrungen machen leider auch immer wieder Menschen in unserem schönen Urlaubsland zwischen den Meeren. Schleswig-Holstein ist mittlerweile Urlaubsland Nummer eins in Deutschland, wir haben sogar Bayern überholt, und darauf können wir wirklich stolz sein. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU) Für den echten Norden ist der Tourismus einer der wichtigsten Wirtschaftszweige: Bruttoumsatz von 10,8 Milliarden Euro oder 38 Millionen Übernachtungen, das sind alles Rekordzahlen. Ich glaube, ich brauche sie nicht zu wiederholen. Das Einkommen von über 154.000 Menschen hängt vom Tourismus ab. Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftszweigen schaut die Tourismusbranche positiv in die Zukunft. Ich finde, das ist auch noch mal eine Erwähnung wert, denn gerade ist im aktuellen Sparkassenbarometer erwähnt worden, dass es im ersten Drittel dieses Jahres wieder einen Rekordwert an Übernachtungen gab. 90 Prozent der Betriebe gehen also von einer mindestens gleichbleibenden Nachfrage aus. Schleswig-Holstein ist und bleibt das Urlaubsland in Deutschland. Aus meiner Sicht reden wir für die Größe der Bedeutung dieses Themas erstaunlich wenig hier im Landtag über den Tourismus. Dabei gibt es aus unserer Sicht eben viel zu tun, um den Tourismus hier im Land nachhaltig beziehungsweise nachhaltiger zu transformieren, und zwar in allen Dimensionen dieser Nachhaltigkeit, die da heißen: sozial, ökonomisch und ökologisch. Mit unserem vorliegenden Antrag haben wir einen Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit, der aus unserer Sicht im Bereich des Tourismus häufig übersehen wird, herausgesucht: Das ist der barrierefreie oder der barrierearme Zugang zu unseren Urlaubszielen. Fast zehn Prozent der Schleswig-Holsteiner_innen haben eine Schwerbehinderung, und über 20 Prozent der Menschen über 65 haben eine Schwerbehinderung. Das heißt, es gibt eine immer älter werdende Gesellschaft und eine Gesellschaft, die zunehmend auf barrierefreie Zugänge angewiesen ist. Für das Jahr 2040 wird prognostiziert, dass rund ein Drittel der Bevölkerung älter als 65 sein wird. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU) Man kann sich also ausrechnen, dass der Anteil der Menschen, die von der Barrierefreiheit und ‑armut profitieren, immer größer sein wird. Eigentlich ist das nicht richtig ausgedrückt, denn wir alle profitieren davon, wenn wir über Barrierefreiheit und ‑armut mehr reden und sie vor allen Dingen umsetzen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU) Barrierefreiheit ist aus unserer Sicht Teilhabe. Davon profitieren Kinder, Eltern, Menschen, die nicht gut zu Fuß sind, aber auch sensiblere Menschen mit diversen Einschränkungen. Und ja, auch wir denken bei Barrierefreiheit eigentlich immer zunächst an Rampen oder Aufzüge, aber Barrierefreiheit oder Barrierearmut ist viel, viel mehr als das. Es geht zum Beispiel auch um Menschen mit Beeinträchtigungen beim Sehen, Hören oder um Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Gerade diese werden häufig vergessen, und besonders hier- (Silke Backsen) von profitieren wir alle, wenn wir das berücksichtigen; (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU) wenn zum Beispiel wie in der SeeLoge ruhigere Rückzugsorte vorhanden sind oder wenn man lärmdämmende Stoffe einsetzt. Dort ist es wirklich vorbildlich umgesetzt. Das zeigt, Barrierefreiheit hat eine große und immer größer werdende ökonomische Bedeutung. Diese Bedeutung wollen wir jetzt untersuchen lassen. Damit Schleswig-Holstein nicht nur ein Tourismusland ist und bleibt, sondern ein Tourismusland für alle wird, bitten wir die Landesregierung, diverse Sachen umzusetzen und einen Wiedereinstieg in das zentrale Zertifizierungssystem „Reisen für Alle“ zu prüfen. Wir wollen Best-Practice-Beispiele nach vorne stellen und im Rahmen einer Sensibilisierungskampagne für Leistungsträger_innen die Vorteile barrierefreier Angebote aufzeigen. Es sind oft kleine Maßnahmen, die einen großen Unterschied machen können. Deshalb bitten wir auch um die Erstellung eines Leitfadens für niedrigschwellige Maßnahmen. Das hört sich vielleicht erst einmal komisch an, und wir denken, in alten Beständen können wir keine Fahrstühle einbauen. Aber es geht auch darum, dass man in einem ersten Schritt digital sichtbar macht: Wie sieht der Ort eigentlich aus, wo ich hinmöchte? Vielleicht ist da nur eine kleine Schwelle, und ich kann für mich entscheiden, dass ich trotz Behinderung oder Beeinträchtigung über diese Schwelle komme und diese Unterkunft annehmen kann. Es geht darum, diese Maßnahmen zu zeigen und sichtbar zu machen. Das ist aus unserer Sicht ein erster Schritt. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU) Die Umsetzung von Barrierefreiheit und ‑armut ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Barrierefreiheit ist kein Nischenthema, es ist ein Qualitätsmerkmal, und es ist ein Menschenrecht. (Beifall Annabell Krämer [FDP]) Lassen Sie uns also gemeinsam dafür sorgen, dass Schleswig-Holstein auch das Urlaubsland zwischen den Meeren wird, in dem alle Menschen Urlaub machen können, unabhängig von ihren individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen. – Vielen Dank.
