Sophia Schiebe
Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Liebe Kolleg_innen! Alleinerziehend bedeutet, dass man eigentlich nie eine Pause hat. Es ist ein 24/7‑Job, und etwas wie Feierabend gibt es eher weniger. Als alleinerziehendes Elternteil trägt man alle Sorgen. Dabei wäre es so wichtig, diese Gedanken mit jemandem zu teilen. Alle Entscheidungen werden allein getroffen. Für den einen ist das ein Segen, für den anderen jedoch ein Fluch. Wenn man selber erkrankt, hat man gelinde gesagt Pech: Krank sein gibt es nicht. Einkäufe, Wäsche waschen, Haushalt, alles muss weiterhin erledigt werden. Der Großteil der Finanzen bleibt in der Regel beim alleinerziehenden Elternteil hängen. Und immer sind da diese Schuldgefühle, dem eigenen Kind, den eigenen Kindern nicht gerecht zu werden. Ich glaube, an der Rede meiner geschätzten Kollegin Frau Nies gerade ist es noch einmal deutlich geworden, was das für eine Herausforderung ist. Ich möchte mich für Ihre zum Teil sehr bewegende Rede bei Ihnen bedanken. (Beifall ganzes Haus) Es zeigt: Frau Nies ist nicht allein. In Deutschland lebt jede fünfte Familie in einer alleinerziehenden Konstellation. Das bedeutet, dass rund 1,7 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern von einem Elternteil abhängig sind. Dabei sind etwa 82 Prozent dieser Alleinerziehenden Frauen. Trotz Doppelbelastung sind viele Alleinerziehende erwerbstätig. 71,4 Prozent aller alleinerziehenden Mütter und 81,7 Prozent aller alleinerziehenden Väter gehen einer Arbeit nach. Dennoch, liebe Kolle_innen, sind die Alleinerziehenden überdurchschnittlich von Armut betroffen. Etwa 41 Prozent der alleinerziehenden Familien gelten als armutsgefährdet. Besonders alarmierend ist, dass fast die Hälfte aller Kinder in einer Familie, die auf Bürger_innengeldbezug angewiesen ist, mit nur einem Elternteil zusammenleben. Diese finanzielle Belastung hat weitreichende Konsequenzen. Alleinerziehende Mütter leiden zu 15 Prozent häufiger unter Depressionen und berichten von einem schlechteren allgemeinen Gesundheitszustand. Diese gesundheitlichen Belastungen wirken sich negativ auf das Wohlbefinden unserer Kinder aus. Es ist an der Zeit, dass wir als Gesellschaft und Politik handeln. Wir müssen die strukturellen Benachteiligungen von Alleinerziehenden beseitigen und ihnen die Unterstützung bieten, die sie verdienen. Zunächst einmal müssen wir die finanzielle Absicherung von Alleinerziehenden verbessern. Ein höherer Mindestlohn, die Einführung einer Kindergrundsicherung, die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie eine gerechtere Verteilung von Unterhaltszahlungen sind essenzielle Schritte. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW) Darüber hinaus sollte der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum und qualitativ hochwertigen Betreuungsangeboten erleichtert werden. Kinderbetreuung muss flächendeckend und flexibel verfügbar sein. Andernfalls können alleinerziehende Eltern nicht ohne zusätzliche Sorgen ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen. Wir müssen über Steuererleichterungen und finanzielle Unterstützungsprogramme für Alleinerziehende nachdenken. Diese Familien brauchen unsere Hilfe, und es ist unsere Pflicht, sie zu unterstützen. Auch die Wirtschaft ist gefordert, ihre Strukturen zu verändern. Unternehmen müssen flexiblere Arbeitsmodelle und Homeoffice-Möglichkeiten schaffen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser zu fördern. Arbeitgeber_innen sollten sich bewusst sein, dass alleinerziehende Eltern wertvolle Mitarbeitende sind, die, wenn sie ein unterstützendes Arbeitsumfeld haben, ihr volles Potenzial ausschöpfen können. Was aber vor allem wichtig ist, ist, dass Vorurteile gerade gegen alleinerziehende Mütter abgebaut werden müssen. Arbeitgeber_innen unterstellen ihnen oft mangelnde Flexibilität, hohe Fehlzeiten oder geringere Belastbarkeit. Die Annahme: Kinder und Karriere seien als Alleinerziehende nicht vereinbar. – Das ist falsch. Die Rahmenbedingungen müssen nur stimmen, und da sind wir als Politik gefragt. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW) Auch wir als Gesellschaft haben noch Hausaufgaben zu erledigen, wenn es darum geht, Vorurteile (Sophia Schiebe) gegen Alleinerziehende abzubauen. Es wird oft unterstellt, dass eine Trennung oder das Alleinerziehen Ausdruck eines persönlichen Scheiterns sei; es sei in der Partnerwahl oder in der Beziehungsgestaltung zu begründen. Dahinter steht oftmals das idealisierte Bild der intakten Familie. Wenn die Trennung von alleinerziehenden Müttern ausging, wird ihnen oft mangelnde Opferbereitschaft oder Verantwortung unterstellt, gerade wenn Kinder im Spiel sind. Die Entscheidung für das eigene Wohl, zum Beispiel aufgrund von toxischen Beziehungen, wird moralisch einfach abgewertet. Auch Vorurteile über Sozialleistungen führen dazu, dass alleinerziehende Mütter pauschal als Sozialschmarotzerinnen bezeichnet werden, die einfach nicht arbeiten wollen, obwohl wir genau wissen, dass das Gegenteil der Fall ist. (Beifall SPD, SSW und Dr. Heiner Garg [FDP]) Häufig wird Alleinerziehenden vorgeworfen, dass ihre Kinder schlecht erzogen und verhaltensauffällig seien. Sie werden allein für diese Probleme verantwortlich gemacht. Dabei wissen wir doch, dass die Last, die gerade diese Familien zu tragen haben, äußerst groß ist. Im Anschluss an diese Debatte wäre mein abschließender Wunsch, dass wir auch selbstkritisch mit uns selber umgehen, unsere eigenen Strukturen hinterfragen und bei der nächsten Stellenausschreibung gucken, ob wir wirklich ein attraktives Angebot für alleinerziehende Eltern schaffen. Wir stehen alle selber in der Verantwortung, Teil dieser Veränderung zu sein. – Vielen Dank. (Beifall SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)
