Martin Balasus
Sehr geehrter Herr Landtagspräsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Lehrer haben vormittags recht und nachmittags (Zuruf) – genau – Unterrichtsvor- und ‑nachbereitung, Elterngespräche, Konferenzen oder – das ist der Klassiker – Hefte zu korrigieren. Die Arbeit für die Schule endet weiß Gott nicht mit dem Klingelzeichen. Es war schon immer so, dass viele Tätigkeiten der Pädagogen den Nachmittag oder das Wochenende bestimmten. In diesen Zeiten ist das besonders der Fall. Multiple Krisen erschüttern das Land. Die Schülerschaft wird immer heterogener. Es gibt sprachliche Hürden, übermäßigen Medienkonsum, Bewegungsmangel, Migrationstraumata, soziale Härten. Dazu kommt auf der einen Seite häufig eine wachsende Anspruchshaltung der Eltern und auf der anderen Seite Desinteresse oder eine Ablehnungshaltung gegenüber Autoritäten. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Schule muss heute immer mehr von dem auffangen, was zu Hause nicht mehr geleistet werden kann. Unsere Lehrkräfte leisten tagtäglich Großartiges. Dafür danken wir ihnen. (Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW) Heute sprechen wir darüber, wie wir den zunehmenden Herausforderungen begegnen können, denen sich Lehrkräfte ausgesetzt sehen. Die SPD beziehungsweise die Opposition schlägt eine Einführung von Arbeitszeitmodellen und eine Arbeitszeiterfassung für Lehrkräfte vor. Der Hintergrund ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das alle Arbeitgeber verpflichtet, die Arbeitszeiten vollständig zu erfassen. Dies dürfte bei Lehrkräften nicht ganz leicht werden, denn bislang werden nur die zu unterrichtenden Stunden vorgegeben. (Serpil Midyatli [SPD]: Dann lassen Sie sich doch was einfallen!) Wie viel weitere Zeit eine Lehrkraft in ihren Job investiert, ist unklar. Das Ganze ist sicher von Fach zu Fach, von Klassestufe zu Klassestufe und von Person zu Person – man denke nur an den individuellen Anspruch, den man zum Beispiel an sein Fach hat – sehr verschieden. In Bremen – der Kollege Habersaat sagte es eben – soll nun nach den Sommerferien eine Pilotphase zur Arbeitszeiterfassung beginnen. Der Personalrat dort ist dafür. Die sozialdemokratische Bildungssenatorin Frau Aulepp hält dies dagegen für zu früh; viele Fragen seien noch zu klären. Ich nenne nur ein Beispiel für eine offene Frage, die mir so in den Sinn gekommen ist. Wie soll man eigentlich mit den Ferien umgehen? Das ist ja unterrichtsfreie Zeit. (Beate Raudies [SPD]: Ja, also Arbeitszeit! – Zuruf CDU: Ah!) Derzeit finden auf der KMK-Ebene intensive Gespräche statt, und es laufen Studien und Projekte. In Sachsen wird seit diesem Schuljahr die Arbeitszeit in einer repräsentativen Untersuchung erhoben. Die Deutsche Telekom Stiftung widmet sich ebenfalls in einem Projekt der Suche nach praktikablen Lösungen mit dem Ziel, die Arbeitsorganisation zu verändern. Hieran ist übrigens Schleswig-Holstein beteiligt, und eine Schule liegt da im Kreis Pinneberg. Sinnvoll ist es, die Erkenntnisse aus Studien und Pilotversuchen wie in Bremen nach Abschluss auszuwerten, im Bildungsausschuss zu besprechen und dann gegebenenfalls Schlüsse daraus zu ziehen. Wenn es eine Neuregelung geben sollte, so kann das doch nur ein abgestimmtes Vorgehen der Länder sein. Über die KMK sollte gemeinsam ein Weg beschritten werden, denn schließlich betrifft diese Frage alle Länder gleichermaßen. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Liebe Kolleginnen und Kollegen, um den Herausforderungen im Bildungswesen zu begegnen, widmen wir uns intensiv der Frage, wie sowohl neue Lehrkräfte gewonnen werden können als auch der Beruf attraktiver gestaltet werden kann. Wir in Schleswig-Holstein setzen dabei nicht auf das Prinzip top down, sondern wir setzen auf die Vorschläge der Allianz für Lehrkräftebildung – also auf ein Expertengremium aus relevanten Stakeholdern. Aus diesem Prozess resultierten bereits drei Handlungsvorschläge mit diversen Einzelmaßnahmen. Nur ein komplexes Maßnahmenbündel kann der richtige Weg sein. Dazu gehören Abordnungen an andere Schulformen, Fortbildungen für Vertretungskräfte, Studien Pfad Grundschulmathe, Son- (Martin Balasus) derzuschläge im Referendariat und die Übernahme von Umzugskosten. Außerdem wurde der Aspekt der Arbeitsgesundheit in den Handlungsplan aufgenommen. Mit unserer Allianz sind wir bereits gut aufgestellt. Eine neue, eine weitere Allianz brauchen wir nicht. Weitere Maßnahmen sollen den Prozess der Lehrkräftegewinnung flankieren. So wird daran gearbeitet, Vertretungskräfte langfristig in den Schulen zu beschäftigen und sie dabei – das ist ganz wichtig – weiter zu qualifizieren, denn sie leisten vielerorts einen wichtigen Beitrag zum Bildungserfolg der Kinder und Jugendlichen. Des Weiteren soll der Direkteinstieg für das Lehramt an Grundschulen und an Gemeinschaftsschulen umgesetzt und die Anerkennung von ausländischen Lehramtsqualifikationen einfacher werden. Liebe Kolleginnen und Kollegen, nur mit einem komplexen Bündel aus Einzelmaßnahmen können wir neue Kräfte gewinnen und erfahrene Kräfte halten. Lassen Sie uns diesen Weg deshalb konsequent weitergehen. – Vielen Dank. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
