landtag.ltsh.de ↗

Martin Habersaat

SPD 20.11.2024 Sitzungen 20/72

Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Meine Damen und Herren! Für Kinder und Jugendliche gibt es in den sozialen Medien nichts, was es nicht gibt: Videos vom Krieg Russlands gegen die Ukraine, vom Terrorangriff auf Israel, von Israels Gegenoperation. Demokratiefeindliche Influencer_innen, die Kinder und Jugendliche dank Algorithmen in Wahrnehmungstunnel locken. Erwachsene, die sich an Kinder und Jugendliche heranmachen. Jugendliche, die das Foto der nackten Ex-Freundin in den Klassenchat posten oder es vorher noch per KI in ein Porno einbauen. Kinder, die sich bis zum Selbstmord mobben. Doch wer schützt unsere Kinder in der digitalen Welt? Altersgrenzen – Instagram zum Beispiel ist erst ab 13, WhatsApp ab 16 – werden oft umgangen, teilweise von Eltern selbst, die Accounts für ihren Nachwuchs anlegen. Und die Medienkompetenzstrategie der Landesregierung ist – freundlich formuliert – eher langfristig und ressourcenschonend angelegt. Es gibt verschiedene Initiativen, um den Schutz zu verstärken, beispielsweise das Netzwerk Medienkompetenz Schleswig-Holstein mit seinem Safer Internet Day. Welche Verantwortung kommt aber den Schulen in diesem Zusammenhang zu? Welche der Politik? Was müssen Eltern leisten? Welche weiteren Unterstützungsangebote gibt es? – Das sind Fragen, auf die jedenfalls eine Antwort zu kurz greift: Handyverbote. Das war das Fazit der Veranstaltung Soziale Medien und Schulkultur der SPD-Landtagsfraktion mit Expertinnen und Experten aus einem breiten Spektrum. Eltern, Lehrkräfte, Wissenschaft und Landesmedienanstalt waren vertreten. Aus dieser Veranstaltung ist der vorliegende Antrag entstanden. Viele Kinder und Jugendliche sind sich der Risiken bewusst und wünschen sich klare Regeln und Aufklärung. Die Schule ist nun einmal der einzige Ort, an dem wir das zuverlässig allen bieten können. Sie muss deshalb auch ein Ort des Übens sein. Soziale Medien gehören in die Schule, dürfen und müssen dort vorkommen. Wir sollten sogar darüber nachdenken, wie wir über die Schulen auch Eltern erreichen. Denn vor allem gemeinsam mit medienbewussten Eltern können wir die Medienkompetenz der Kinder stärken. (Vereinzelter Beifall SPD) Meine Damen und Herren, von einem Handyverbot in der Schule gehen die sozialen Medien ja auch nicht wieder weg. Nach dem Unterricht würde über das Handy trotzdem gemobbt werden können, könnten sich Kinder in verschwörungsideologischen Bubbles verlieren. Auch hier kann Schule übrigens gegensteuern. Im Geschichtsunterricht wurde auch vor der Erfindung des Internets schon hinterfragt, wie glaubwürdig eine Quelle eigentlich ist. (Martin Habersaat) Aber auch für die Politik gibt es einiges zu tun. Schulen brauchen die entsprechende technische und personelle Ausstattung und Lehrkräfte die notwendigen Fortbildungen. Von der Schule gestellte Endgeräte könnten für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen und eine zentrale Administration gegen einen Missbrauch dieser Geräte wirken. Die ICILS-Studie zeigte gerade, dass es bei der Ausstattung der Schülerinnen und Schüler mit digitalen Endgeräten, um auch Chancengleichheit zu ermöglichen, noch erheblichen Entwicklungsbedarf gibt. Darauf weisen wir schon länger hin. Diese Geräte waren von Daniel Günther eigentlich mal für 2022 versprochen, und ich bin gespannt, wie sie heute wieder von diesem Versprechen ablenken werden, meine Damen und Herren. Die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in Deutschland sind in den vergangenen zehn Jahren gesunken. Das Bergab nach der Pandemie zeigt sich in Schleswig-Holstein auch an den rückläufigen Nutzungszahlen des Lernmanagementsystems itslearning. Nur 51.643 von 372.300 Schülerinnen und Schülern, also circa 14 Prozent, arbeiten noch mit itslearning, 86 Prozent der Lernenden nicht. Aber das ist ein Nebengleis, im Kern sind wir natürlich bei den sozialen Medien, und da ist mein Fazit: Die Landesregierung muss dazu übergehen, die Schulen nicht nur verbal, sondern auch tatsächlich bei der Digitalisierung der Lehrlernprozesse und der Medienbildung zu unterstützen, und wir sollten den Kindern mehr als Klicken und Wischen vermitteln. Meine Damen und Herren, wie soll denn das gehen, wenn den Kindern in der Schule das Handy verboten und kein digitales Endgerät zur Verfügung gestellt wird? – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall SPD)

Alle Reden von Martin Habersaat Protokoll ↗