Martin Balasus
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vor einem Monat war es so weit: Mein Großer wurde eingeschult. Was für ein Tag! Da war nicht nur er aufgeregt; meine Frau und ich, (Martin Balasus) die ganze Familie ebenso – vielleicht sogar noch mehr als er selbst. So schön dieser Tag und dieses Ereignis selbst waren, so kommt man doch als Elternteil ins Grübeln. Von einem Tag auf den anderen wurde aus unserem kleinen Kitakind – ja, unserem kleinen Jungen – ein echtes Schulkind. Als Elternteil hatte man das Gefühl, dass irgendwie die Zeit des Behütetseins vorbei sei, die Anforderungen an die Kinder jetzt zunähmen, der Ernst des Lebens beginnen würde und alle Kinder von heute auf morgen ganz selbstständige Persönlichkeiten sein müssten. Das ist natürlich nicht so, sondern spiegelt eher die Ängste und Sorgen von uns, den Eltern, wider. Aber dennoch stellt der Übergang von der Kita in die Schule einen gewaltigen Meilenstein im Leben eines Kindes dar. Es vollzieht sich ein gewaltiger Entwicklungsschritt. Schule bedeutet mehr Verbindlichkeit: aus „ich darf“ wird schnell „ich muss“. Schule bedeutet mehr effektive Lernzeit, man muss große Teile des Vormittags stillsitzen und so weiter, man muss einen neuen Platz einnehmen, man muss neue Freundschaften schließen, man muss sich dort zurechtfinden und eine neue Umgebung kennenlernen, die eigene Regeln hat; das kenne ich auch aus meinem ehemaligen Beruf. Kurz: Die Welt eines Kindes steht plötzlich von heute auf morgen Kopf. Genau deshalb muss es doch unser aller Ziel sein, den Übergang von der Kita in die Schule so reibungslos, so harmonisch wie möglich zu gestalten. Schule, Kita und Elternhäuser sind in gemeinsamer Verantwortung, denn in diesem jungen Alter wird der Grundstein für die gesamte Bildungsbiografie eines Kindes gelegt. Ich danke den beteiligten Ministerinnen – unserer Bildungsministerin Karin Prien und der Sozialministerin Aminata Touré – und ihren Häusern für ihr Engagement und den Einsatz zum Wohl unserer Kinder. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Zukünftig wird es in Schleswig-Holstein PerspektivKitas im Umfeld unserer PerspektivSchulen geben. Hier werden Kinder mit besonderen Bedarfen bestmöglich unterstützt. Hier wird es Sprachstandserhebungen für Viereinhalbjährige geben – natürlich, das ist ganz wichtig, in Verbindung mit Fördermaßnahmen sowohl durch Kita als auch durch Schule. Denn Diagnostik allein nützt nichts; entscheidend ist die Konsequenz daraus. Liebe Kolleginnen und Kollegen, das ist nichts Geringeres als ein Gamechanger. Wir alle wissen und betonen das hier regelmäßig: Sprache ist der Schlüssel zur Welt. Schülerinnen und Schüler starten, wenn sie sprachliche Defizite haben, benachteiligt in ihre Schulkarriere. Frust kann sich aufstauen. Motivation kann verdrängt werden. Hinzu kommen die überforderten Lehrkräfte. Managen Sie mal eine 1. Klasse, wenn dort Schüler sitzen, die kein Wort Deutsch sprechen (Sybilla Nitsch [SSW]: Grundschule?) oder nur ganz geringe sprachliche Deutschfähigkeiten haben, und andere können fast oder schon sicher lesen – und das alles mit vielleicht 30 Kindern in der Klasse. Das als Lehrkraft zu managen, ist eine gewaltige Herausforderung. (Beate Raudies [SPD]: 30 Kinder in der Klasse, wow!) – Das gibt es, ja. Nun richtet das Land das Verfahren „Entwicklungsfokus Viereinhalbjährige“, EVi genannt, ein, das den Fokus auf die Kinder mit sprachlichem Unterstützungsbedarf richtet. Das Ganze funktioniert so: Kitakräfte erheben anderthalb Jahre vor Schulbeginn den Sprachstand, dokumentieren und übermitteln ihn an die Schule. Es folgt ein Elterngespräch – bei geringem Unterstützungsbedarf übernimmt das die Kita –, ansonsten führen Kita und Schule das gemeinsam durch. Hinzu kommt, dass ab kommendem Schuljahr die Lernausgangslage in Klassenstufe 1 erhoben wird. Man sieht also, dass an allen Ebenen ganz konsequent zusammengearbeitet wird. Wir schaffen 25 neue Stellen an den Kitas und 20 zusätzliche Stellen an den Schulen, 50 PerspektivKitas können ab März starten – also, eine halbe Fachkraft pro Einrichtung. Das ist eine tolle Sache, auch wenn ich in der Presse gelesen habe, was daran kritisiert wird – heute haben wir es auch schon gehört –: „Zu wenig!“, „Zu spät!“ und: „Falsch platziert!“, so lautet die Kritik der Opposition. Sie machen es sich etwas einfach. Man muss sagen: Gut Ding will Weile haben. Der Anfang ist gemacht. In meiner Wahrnehmung wird hier nichts Geringeres als eine bildungspolitische Trendwende eingeleitet. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Denn alle Bildungsexperten sagen uns, dass bei der Sprache im frühkindlichen Alter angesetzt werden muss. Hier werden die Weichen für die Zukunft ge- (Martin Balasus) stellt. Wir beginnen mit einem ersten Schritt; weitere Schritte werden selbstverständlich folgen. Die Sprachstandserhebung und die Förderung müssen sich an alle Kinder richten. Das muss im ganzen Land etabliert werden. So haben wir auch unseren Weg bei der PerspektivSchule beschritten. Wir hatten erst einige; jetzt haben wir sie im letzten Jahr auf 135 verdoppelt. Also: Wir stehen zu dem, was wir zusagen. (Lachen und Zuruf Beate Raudies [SPD]) Mit diesen Maßnahmen, die jetzt eingeleitet werden, helfen wir gezielt und mit Nachdruck Kindern, die es nicht so leicht haben. Gleichzeitig ist das ein Quantensprung hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit und ein Booster für den Bildungserfolg, für bessere schulische Leistungen, und es ist auch ein Entlastungpaket für die Lehrerschaft. Wir lassen uns diesen Erfolg nicht zerreden, nein, wir stoßen mit dem neuen Sprachscreening und den Fördermaßnahmen genau in das Horn, in das wir schon länger blasen: Wir helfen denjenigen gezielt, die unsere Hilfe am Dringendsten brauchen. Und das ist auch absolut gut so. – Vielen Dank. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
