Annabell Krämer
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kollegen! Die Umstiegsberatung für Sexarbeitende ist ein Thema, das weit über den konkreten Anlass dieses Antrages hinausgeht. Es geht nämlich hier um den Schutz und die Unterstützung von Menschen, die sich in einer äußerst vulnerablen und oft verzweifelten Lage befinden. Die Umstiegsberatung ist ein wichtiges Thema, um Prostituierten eine neue Perspektive aufzuzeigen. Ich habe mit den Kollegen des Modellprojektes AQUA ein umfangreiches Gespräch geführt. Ich habe mich sehr lange mit diesen auseinandergesetzt und konnte mir selbst ein Bild davon machen, was dort an Arbeit geleistet wird. Ich habe die Erkenntnis erlangt, dass es unerlässlich ist, dass wir Beratungsstellen, die bisher vom Bund gefördert sind, jetzt auf Landesebene etablieren müssen. Das Thema ist einfach zu wichtig. Ich bedanke mich ausdrücklich bei der Landesregierung, dass im zweiten Halbjahr 2024 eine Möglichkeit geschaffen wurde, die Finanzierung und damit die Beratung fortzuführen. Es ist aber auch wichtig, dass wir das jetzt verstetigen und institutionalisieren. Wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie wir die Beratungsangebote langfristig sicherstellen, aber auch darüber, wie wir sie ein bisschen effektiver gestalten können. Warum ist es wichtig, dass wir uns als Land hier engagieren? Die Menschen, die aus der Prostitution aussteigen wollen, stehen vor vielfältigen Herausforderungen. Es ist einigen vielleicht gar nicht bewusst, wo die liegen. Es fehlt oft an einem sozialen Netzwerk außerhalb der Bubble Prostitution; der gesamte Freundeskreis ist teilweise in dieser Bubble gebunden. Es fehlt an finanzieller Sicherheit und an beruflichen Perspektiven. Was besonders wichtig ist, ist Wohnraum. Viele verkennen, dass der Arbeitsplatz von Sexarbeitenden in der Regel ihr Wohnort ist. Das bedeutet, von dem Tag an, an dem jemand aussteigen möchte, verliert er seinen Wohnort und steht auf der Straße. Wir alle haben heute Morgen darüber gesprochen, und ich bin sehr dankbar, dass ich von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN positive Signale gehört habe, dass wir noch einmal über die Frauenhausfinanzierung für 2025 nachdenken. Ich bedanke mich ausdrücklich dafür. Wir brauchen Wohnraum. Wir brauchen Wohnraum für vulnerable Gruppen. Das ist ganz wichtig. Wir dürfen die Menschen, die aus der Prostitution herauswollen, nicht alleinlassen. Wir müssen sie nachhaltig begleiten. Es ist nicht damit getan, ein Informationsgespräch mit ihnen zu führen. Die Menschen müssen vom ersten Tag an begleitet werden, wenn sie anklopfen und sagen: „Wir möchten aussteigen“, bis die Integration in den Arbeitsmarkt erfolgt ist und Wohnraum gefunden worden ist, damit die Not einer Rückkehr, die nicht gewollt ist, nicht mehr gegeben ist. Das ist wirklich wichtig. Wie Sie wissen, achte ich immer gern auf unsere Finanzen. Mittel, die wir einsetzen, müssen effektiv eingesetzt werden. Wir brauchen keine Parallelstrukturen, wir müssen sämtliche Ressourcen bündeln. Um die Mittel effektiv einzusetzen, müssen wir sie effizient einsetzen und bestehende Angebote gegebenenfalls noch besser koordinieren oder bündeln. Eine Anlaufstelle für das gesamte Land, bei der Angebote koordiniert und sichergestellt werden, wäre vielleicht das Richtige. Das würde die Finanzierung nicht jedes Jahr wieder auf wackelige Füße stellen, sondern wir könnten eine Verstetigung schaffen und damit richtige Strukturen vernünftig aufbauen. Wir brauchen Gespräche und Zusammenarbeit, und zwar mit den relevanten Akteuren. Aus dem Modellprojekt, das vom Land finanziert wurde, gibt es gute Erkenntnisse, die wir nutzen sollten. Aktuell wird alles evaluiert. Der daraus resultierende Praxisleitfaden, der erarbeitet wird, wird die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Modellprojekt festhalten. Das sollten wir uns zu eigen machen. (Annabell Krämer) Es ist wichtig, dass wir die Synergien aus dem Modellprojekt nutzen. Es wird Zeit, dass wir in Schleswig-Holstein unseren Beitrag dazu leisten, dass Menschen, die aus der Prostitution aussteigen möchten, in unserem Land auch wirklich die Möglichkeit dazu haben. Mich haben die Gespräche wirklich berührt. Ich weiß nicht, wer von den Kolleginnen noch mit der Organisation AQUA gesprochen hat. Ich habe dort mitbekommen, dass es ein außerordentlich langwieriger Prozess ist, dass man einen sehr langen Atem braucht und sehr viele Rückschlage erleidet. Es gibt unglaublich viele Frauen, die an die Tür klopfen, aber nur ganz wenige Frauen, die den Ausstieg tatsächlich schaffen. Daran darf es nicht hapern.
