Kianusch Stender
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! „Der Fachkräftemangel entwickelt sich zum größten Geschäftsrisiko für Unternehmen“ – das ist eine der Überschriften der Ergebnisse der Konjunkturumfrage der IHK Schleswig-Holstein. Wir alle wissen: Seit einigen Jahren steigt die Konkurrenz der Unternehmen um gut ausgebildete Fachkräfte. Das größte Problem dabei: Der Arbeitskräftemangel wird sich bis 2035 in SchleswigHolstein verzehnfachen. Die anstehende NorthvoltAnsiedlung in Dithmarschen ist nicht irgendeine Ansiedlung, sondern die größte Industrieansiedlung der letzten 50 Jahre. Das stärkt den Industriestandort und schafft über 3.000 neue Arbeitsplätze, aber so werden auch viele Fachkräfte benötigt – aus der Region, aus ganz Deutschland, aber auch international. „Anpacken statt rumschnacken“, ist ja das Motto der CDU im Wahlkampf gewesen. Leute, Leute, Sie haben angepackt: Ein Welcome Center wurde errichtet. Die dpa schrieb damals: „Das Welcome Center soll als zentrale Erstberatungs‑, Informations- und Servicestelle rund um das Thema Arbeitskräftezuwanderung fungieren und Themen wie Visum, Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen, Beschäftigung, Bildung, Wohnen und Familie bündeln.“ Zitat Günther: „Wir wollen damit Kontakte aufbauen, bevor Menschen überhaupt in Europa sind.“ (Zuruf CDU: Sehr gut!) So, jetzt vergleichen wir diese vollmundigen Ankündigungen aber einmal mit der Realität. Da sind nur sieben Leute angestellt. Wie sollen die das denn bitte schaffen? Es sind nur 1,7 Millionen Euro für diese riesige Fülle an Aufgaben eingestellt. Und die Unternehmen? – Fühlen sich überhaupt nicht abgeholt, fühlen sich überhaupt nicht unterstützt, vor allem nicht die an der Westküste. In Sachen Fachkräftegewinnung verlässt sich die Günther-Regierung aktuell nur auf dieses eine Projekt. Das ist der Situation völlig unangemessen. Die ersten Erfahrungen mit dem Welcome Center zeigen, dass die Aufgabe so nicht zu bewältigen ist. Ein Welcome Center muss vor Ort vernetzt sein, um Fachkräfte für Heide und Umgebung zu begeistern und zu integrieren. Es muss im Ausland präsent sein, um Fachkräfte überhaupt auf Schleswig-Holstein aufmerksam zu machen. Es muss ein viel umfangreicheres Beratungsangebot bieten als das, was es gerade leisten kann. (Beifall SPD) Aktuell ist das Welcome Center ein absolutes Luftschloss. Als SPD setzen wir uns für eine dezentrale Struktur zur Fachkräftegewinnung ein. Niedersachsen macht vor, wie es geht. Schauen Sie viel- (Kianusch Stender) leicht einmal über den Tellerrand oder, wo wir schon bei Northvolt sind: Schauen Sie sich das Welcome House in Skellefteå an. Wir wollen der Ansiedlung großer Unternehmen, aber auch unserer kleinen und mittelständischen Unternehmen gerecht werden. Wir wollen ein regionales Welcome Center einrichten. Das fordern übrigens nicht nur wir, sondern auch die IHK, also die Vertretung der Unternehmen vor Ort. Dieses Welcome Center hätte übrigens noch einen anderen Effekt: Es wäre ein Zeichen für die Region. Die Westküste braucht Verlässlichkeit und Sicherheit in Zeiten, in denen eine Negativschlagzeile zu Northvolt die nächste jagt. Die Kommunikation des Unternehmens ist wahrlich kein Glanzstück, aber dafür, dass Sie sich als Landesregierung bei diesem Thema aktuell komplett wegducken, habe ich überhaupt kein Verständnis. (Beifall SPD) Hier hat sich meine Heimatregion auf den Weg gemacht und mit viel Engagement von Kommunalpolitik, Verwaltung, Unternehmen, Vereinen, Verbänden und Zivilgesellschaft einer Vision den Weg geebnet – einer Vision von einem florierenden grünen Industriegebiet, das weltweite Standards setzt. Ich erwarte jetzt Führungsverantwortung von Ihnen, Herr Günther, und von Ihnen, Herr Madsen, denn wenn in meinem Bundesland die größte Ansiedlung seit Jahrzehnten zu wackeln droht und zumindest der Zeitplan in Gefahr ist, dann bleibe ich doch nicht still im Büro sitzen und vermelde in der Presse, man wisse auch nicht mehr. Dann fahre ich doch hin und gehe erst wieder, wenn ich Klarheit für meine Region im Gepäck habe. Warum machen Sie das nicht? Haben Sie Angst, dass das Projekt in die Hose geht und am Ende auch der Dreck an Ihnen haftet? – Ich habe ein bisschen das Gefühl. Sie tun also absolut nichts. Die ganze Infrastruktur drum herum muss angegangen werden. Von fehlenden Gewerbeflächen über den mangelnden Wohnraum bis hin zu Neubau von Kitas haben wir ein riesig volles Hausaufgabenheft. Wenn Sie sich jetzt nicht bei all diesen Dingen an die Arbeit machen und der Region ein klares Signal senden, dass Sie noch an diese Ansiedlung glauben, dann schadet das nicht nur dem Unternehmen, sondern der gesamten Westküstenregion. (Beifall SPD)
