Annabell Krämer
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Abgeordnete! Ja, Fußball ist Leidenschaft mit tief verwurzelten Emotionen und steht für Hingabe, Wir-Gefühl, aber auch für Frustration und Enttäuschung. Ich kenne das sehr gut. Fußball verkörpert eine explosive Mischung der tiefsten Emotionen. (Unruhe) 1982 besuchte ich mein erstes Bundesligaspiel mit meinem Vater und meinem Opa. Schalke bekam zwar 6:2 auf die Socken, aber für mich waren sie (Annabell Krämer) natürlich die besseren, und es war höchst unverdient. Die Bundesliga war damals in einer Krise: schlechte Besucherzahlen, viele Ausschreitungen – Hooligans prägten die Szene. Mitte der 90er hingegen gründeten sich nach und nach die Ultras in den Stadien und in den Vereinen. Support über 90 Minuten brachte die Stimmung zurück, und die Stadien waren wieder voll. Schade, jetzt ist der Ministerpräsident leider nicht da. Wer einmal erlebt hat, wie die Ultras ein ganzes Stadion mitreißen, kennt den Unterschied zum oft zitierten Theaterpublikum des FC Bayern München. Ultras sind mitnichten Chaoten und mit Hooligans nicht gleichzusetzen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die oft unreflektierte Kritik gegenüber der Polizei mache ich mir nicht zu eigen. (Beifall FDP, SPD und SSW) Auch das sind Ultras: Wie sagt der Aufsichtsratsvorsitzende von Werder Bremen? – Das sind Menschen, die sich sozial engagieren. (Beifall FDP, SPD und SSW) Ultragruppen haben sich solidarisch zusammengetan, um in der Coronakrise zu helfen: Spenden, Einkäufe, Botengänge, Info-Hotlines. Auch sonst gibt es da unheimlich viel soziales Engagement. Fankurven organisieren verschiedene Spendenaktionen und lassen benachteiligte und vulnerable Gruppen an der Faszination Fußball teilhaben. Bei Hooligans steht die Konfrontation mit gegnerischen Fans im Mittelpunkt, bei den Ultras hingegen das tatsächliche Verfolgen der Spiele und der Vereine. Ultras vertreten ihre Mannschaft ohne Gewalt, dafür durch kreative Sprechgesänge und Choreografien in den Farben ihres Vereins. Ja, hierzu gehören auch pyrotechnische Elemente, die nach den Sicherheitsrichtlinien der DFL, des DFB und der Stadionordnung der Clubs aktuell noch verboten sind. Pyrotechnik ist aber kein Akt von willentlicher Gefährdung, sondern Ausdruck emotionaler Hingabe der Fans für ihren Verein. Nicht hinnehmbar ist jedoch, wenn Menschen aufgrund der unkontrollierten Anwendung von Pyrotechnik in Stadien verletzt werden. Unerlaubte Pyroeinsätze finden fortwährend in unseren Stadien statt. Die Vereine werden hierfür empfindlich zur Kasse gebeten. Fakt ist: Das Verbot von Pyrotechnik verhindert das Abbrennen nicht. Der sogenannte Chemnitzer Weg zeigt, wie der Weg aus der Illegalität ablaufen und die Sicherheit der Zuschauer gewährleistet werden könnten. Choreografien mit Pyrotechnik werden im Vorfeld der anstehenden Partie zwischen allen beteiligten Akteuren abgestimmt. Was sind die Eckpunkte dieses Konzepts? Das sind: erstens abgesperrter Bereich im Block mit hinreichend Abständen, zweitens feste Zuweisungen von Personen, Verantwortungsbereichen und Zeitpunkten des Abbrennens, drittens ausschließliche Nutzung von Rauchfackeln, die natürlich nicht unter das Sprengstoffgesetz fallen und Temperaturbegrenzung haben. Unsere europäischen Nachbarn zeigen übrigens, wie es geht: Dänemark mit Brøndby lässt kalte Pyrotechnik zu, Norwegen, Frankreich – überall werden mittlerweile Pilotprojekte getestet. Wir wollen die Spirale aus Kriminalisierung der Fans und der Gefährdung der Zuschauer durch das legale und verantwortungsbewusste Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion durchbrechen und sowohl die Interessen der Fans als auch die Sicherheitsbedenken hierbei ausreichend berücksichtigen. (Beifall FDP, SPD und SSW) Das Pilotprojekt sollte analog zum Chemnitzer Weg die kontrollierte Anwendung von Pyrotechnik im Stadion erlauben. Schleswig-Holstein könnte hier Vorbild für andere Regionen werden. Meine Damen und Herren, die Ultras sind nicht das Problem, sondern Teil der Lösung, und wir müssen sie in den Prozess einbinden. Ich zitiere jetzt einmal: Wir bekennen uns zum verantwortungsvollen Umgang mit Pyrotechnik. „Für uns ist Pyrotechnik ein Mittel, um Feierstimmung nünftigem Umgang sind diese Risiken allerdings auf ein Minimum reduzierbar“. Was gar nicht geht, sind „Böller, Kanonenschläge“ und sonstige Knallkörper. „Pyrotechnik gehört in die Hand, auf keinen Fall in die Luft und nach Möglichkeit nicht auf den den Innenraum, auf‘s Spielfeld oder in Nachbarblöcke.“ – Ultras Gelsenkirchen. Stärken wir das Vertrauen zwischen Fans und Sicherheitsbehörden auf der Basis von Dialog, Kooperation, Respekt und Verantwortung! Was ich ganz interessant finde: Zu dieser Erkenntnis ist übrigens mittlerweile auch der Bayerische Innenminister Herrmann gekommen, der als Vorsitzender 4902 Schleswig-Holsteinischer (Annabell Krämer) der Sportministerkonferenz fungiert und sich für ein Pilotprojekt offen gezeigt hat. (Beifall FDP) Die CSU ist also dabei, die Grünen im Bundestag sind auch dabei, die FDP ist dabei, die Sozialdemokraten sind dabei – es ist nur die sperrige CDU. (Lachen Peter Lehnert [CDU]) Ich bin einmal gespannt, wie sich das heute verhalten wird. Das Pilotprojekt wird Erfahrungen liefern, wie eine sichere und verantwortungsvolle Anwendung ohne Sanktionen für die Vereine in der Praxis aussehen kann. Pyrotechnik ist doch kein Verbrechen, wenn sie sicher und verantwortungsvoll eingesetzt wird. – Glück auf! (Anhaltender Beifall FDP, SPD und SSW –
