Sybilla Nitsch
Geehrte Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich finde es gut, dass die Situation der Vertretungslehrkräfte angesprochen wird. Weil man immer aus seinem Berufsalltag plaudern kann, kann ich an dieser Stelle sagen: Ich war viereinhalb Jahre im dänischen System Vertretungslehrkraft. Das waren die sogenannten Kettenverträge, das war kein Vergnügen. Es hat mir natürlich viel mit auf den Weg gegeben. Ich weiß daher auch, dass es wirklich ein komisches Gefühl sein, kann, dass man nicht hundertprozentig zum Kollegium gehört und damit leben muss, nach dem Schuljahr eventuell an einer anderen Schule zu sein, und doch 100 Prozent Einsatz leisten muss. Das ist eine sehr unbefriedigende Ausgangssituation für die Menschen, die in dem (Sybilla Nitsch) System arbeiten. Daher ein ausdrückliches Lob an die SPD, dass wir den Punkt mal in der Form hier diskutieren. Es ist wirklich ein heißes Eisen. Zum Koalitionsantrag ein Satz: Der geht am Thema komplett vorbei. Deshalb werde ich nicht weiter darauf eingehen. (Beifall SSW und SPD) Bei allem Übereifer müssen wir aber darauf gucken, dass wir kein zweites System für die Vertretungslehrkräfte errichten. Ich kenne es aus dem Schulalltag: Man denkt immer, jetzt habe ich hier ein Problem, und die Lösung ist dann, das System noch einmal zu erweitern oder ein zweites ins Schulsystem mit hineinzuschrauben. Ich denke, da wären wir auf dem falschen Weg. Ich werde darum auf keinem Fall der Etablierung einer neuen, zusätzlichen Aus- und Weiterbildungsstruktur ausschließlich für Vertretungslehrkräfte zustimmen. Ich erkläre, warum: Nach meinem Dafürhalten müssen wir dringend auf die Integration der Vertretungskräfte an den Schulen gucken und nicht deren Absonderung betreiben. Dazu gehört auch, dass Vertretung natürlich die Ausnahme sein muss. Das muss man an der Stelle festhalten. Es geht darum, dass es nicht zu langfristigen Kettenverträgen kommt. Die Vertretungslehrkräfte haben dann nämlich im Grunde genommen immer das Nachsehen. Hier müssen wir das also sicherstellen. Wir kennen die Meldungen: Zwei Jahre Vertretung oder auch länger. Da müssen wir aufpassen, dass dies nicht ein Anreiz wird. Es ist sinnvoll – wie der Antrag vorschlägt –, dass den Schulleitungen vor Ort mehr Möglichkeiten eingeräumt werden, indem diese die Weiterbildung für die Vertretungslehrkräfte anstoßen können. Im Schnitt hat man 3,4 Vertretungslehrkräfte pro Schule. Wenn man sich einige Schulstandorte anguckt, die 80 bis 100 Kollegen haben, muss man sich überlegen: Ist der Schnitt wirklich so hoch? – Klar sind einige Schulstandorte mehr und andere weniger betroffen. Es ist aber sinnvoll, denke ich, im bestehenden System niedrigschwellig, zum Beispiel beim IQSH, Weiterbildungskurse anzubieten, sodass man gegebenenfalls motiviert ist, in den Seiten- oder Quereinstieg zu gehen. Kommen wir zur Ein-Fach-Lehrkraft. Das ist durchaus ein guter Ansatz. Ich habe dort eine ambivalente Haltung. Ich kenne Lösungen, dass der Sportunterricht von einer Physiotherapeutin gedeckt wird und sie die Möglichkeit bekommt, fest in das System Schule hineinzukommen. Wir müssen aber ganz klar aufpassen, dass Ein-Fach-Lehrkräfte keine Spardosen für das System sind. Sie müssen genau so im System behandelt werden wie Beamte. Da kommen wir in eine Richtung, bei der wir Gefahr laufen, ein Zweiklassensystem an den Schulen aufzubauen, bei dem die Beamten auf der einen Seite stehen und die Angestellten auf der anderen Seite, dort aber viel, viel schlechtere Bedingungen haben. Wenn wir ein solches System aufbauen, haben die Leute gar keine Lust auf den Seiten- oder Quereinstieg. Das muss klar sein. Zum Abschluss noch zu einem letzten Punkt, zum Mentoring der Lehrkräfte: Ich weiß aus dem Schulalltag, dass das unendlich viel Zeit in Anspruch nimmt und man darauf gucken muss. Eine Sache können wir aber wirklich machen, nämlich dafür sorgen, dass Vertretungslehrkräfte eine Kontaktperson an der Schule haben. Es geht nicht immer um die Unterrichtsinhalte. Es geht um ganz banale Sachen: Wie ist der Schulalltag organisiert? Wohin muss ich, wenn ich Pausenaufsicht habe, und so weiter und so fort? Da kann man sehr niedrigschwellig für die Vertretungslehrkräfte eine Struktur an der Schule schaffen. Eine Sache muss uns klar sein: Es ist verlockend zu denken, jetzt machen wir so ein System mit Weiterbildungskursen, und dann wird alles gut. – Eine Sache können wir nicht mit einem System in die Schule bringen: das Vertrauen. Wichtig ist, dass das Vertrauen den Vertretungslehrkräften vor Ort entgegengebracht wird: vom Land, von den Schulleitungen und natürlich von allen Beteiligten. Da müssen wir ran und dann darauf gucken, dass Vertretungen die Ausnahme bleiben und wir bessere Möglichkeiten in unserem bestehenden Ausbildungssystem schaffen. Ein neues brauchen wir nicht. – Danke schön. (Beifall SSW, FDP und vereinzelt SPD)
