Kianusch Stender
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wettkampf oder Wettbewerb? Was für viele eine pädagogische Konsequenz aus wissenschaftlichen Ergebnissen ist, ist für manche an- (Kianusch Stender) scheinend Kulturkampf, mit dem man die Gemüter vor der Sommerpause noch einmal erhitzen möchte. Ich muss hier einmal sagen: Gerade aus Kreisen der CDU hieß es in den letzten Monaten immer öfter – das fand ich schon sehr populistisch –: Die Bundesjugendspiele werden abgeschafft. – Das ging am Ende so weit, dass sogar der DOSB öffentlich klarstellen musste: Die Bundesjugendspiele werden nicht abgeschafft, es gibt nur eine kleine Änderung bei der Bewertung der Leistungen. Seit dem Schuljahr 2023/24 gibt es also nicht mehr einen definierten Punktespiegel, sondern eine eigene Skala innerhalb der Klassenstufe, der Klasse oder der Gruppe. Selbst die traditionalen Ehren‑, Sieger- und Teilnehmerurkunden gibt es weiterhin, nur nach einem festen Schlüssel, und zwar: Die besten 20 Prozent – getrennt nach Geschlecht – bekommen die Ehrenurkunde, die mittlere Gruppe von 50 Prozent bekommt eine Siegerurkunde, und die unteren 30 Prozent erhalten die Teilnehmerurkunde. Nachdem wir das einmal klargestellt haben, muss es uns doch peinlich sein, dass sich der DOSB am Ende genötigt fühlt, in öffentlichen Stellungnahmen klarzustellen, was wir, also in dem Fall die KMK beziehungsweise deren Gremien, im März 2021 beschlossen haben. Das muss Politik doch erklären, Frau Prien. Man kann doch nicht ein paar billige Punkte im Kulturkampf aussitzen. (Beifall SPD) Jetzt lese ich in der Zeitung, dass unsere Bildungsministerin Karin Prien, die damals selbst in der KMK gesessen hat, diesen Beschluss gar nicht mehr so gut findet und stattdessen den Leistungsgedanken bei den Bundesjugendspielen an den Grundschulen stärken will. Frau Prien, das wurde damals auch mit Stimmen der CDU in der KMK beschlossen. Das Wildeste ist: Seitdem gibt es gar keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Es gibt gar keine neue Faktenlage. Wenn doch, dann klären Sie mich doch bitte darüber auf, was Sie zu diesem Sinneswandel geführt hat. Herr Vogt hat es eben schon ausgeführt, Frau Prien sagt, dass alle politisch Verantwortlichen in eine fachliche Debatte gehen und der populistischen Versuchung in Diskussionen widerstehen sollten. Ich finde, das hat schon einen gewissen Beigeschmack, denn für Sie selbst gilt das anscheinend nicht. Es scheint vielmehr so, als habe die Union im Vorfeld von drei Landtagswahlen im Osten einmal mehr den Kulturkampf um die Schule für sich entdeckt. Das finde ich nicht in Ordnung. (Zurufe CDU: Oh!) Aber schauen wir doch einmal, was die Praktiker sagen, Herr Balasus. Sie sagen ja, es gibt viele Meinungen. Schauen wir doch mal, was die, die wirklich Ahnung davon haben, dazu sagen. Der DOSB, der Deutsche Olympische Sportbund, der dem Ausschuss für die Bundesjugendspiele in der KMK ebenfalls angehört, sieht für die Änderung der Reform gar keinen Anlass. Der DOSB sagt – ich zitiere mit Erlaubnis der Präsidentin –: „Wettbewerb im Gegensatz zu Wettkampf bedeutet nicht, dass es sich um ein rein spielerisches Angebot handelt. Der Wettbewerb ist vielmehr als ein auf die Entwicklung der Kinder angepasstes sportliches Angebot zu verstehen.“ Die GEW sagt, dass durch die Änderung die Bundesjugendspiele an den Grundschulen endlich kindund zeitgemäß gestaltet werden. Ich zitiere erneut mit Erlaubnis der Präsidentin: „Das Beschämen nicht so sportlicher Schülerinnen und Schüler gehört dann hoffentlich endlich der Vergangenheit an.“ Das soll doch bitte unser Ziel sein. (Beifall SPD) Herr Balasus und Frau Prien, jetzt müssen Sie ganz stark sein. Ich bin Fußballtrainer. Bei meiner alten F‑Jugend – das ist genau das Alter, über das wir hier reden – werden bei Spielen in der Saison nicht einmal die Tore mitgezählt. Das gibt der Fußballverband vor; denn es soll nicht darum gehen, wer die meisten Tore schießt, sondern darum, dass alle Spaß an der Sportart entwickeln und dabeibleiben. (Beifall SPD) Ab der kommenden Saison wird vom DFB sogar flächendeckend FUNino eingeführt. Das ist eine neue Art des Fußballspiels, bei der es nur noch drei Spieler pro Spiel gibt, dafür aber vier Tore. Das ist dann auch gar nicht mehr vergleichbar, Herr Balasus. Das ist eine Reaktion auf die Defizite, die wir im bisherigen Nachwuchsleistungskonzept vom DFB hatten. Wir müssen nicht beim Fußball bleiben. Wir können auch über den Handball reden. Dort gibt es Konzepte, wonach die geworfenen Tore mit der Anzahl der Torschützen multipliziert werden. Damit sollen die Teams motiviert werden, alle Spieler im Spiel in Szene zu setzen. Es geht also gerade im jungen Alter um die Gemeinschaft, Herr Balasus. (Beifall SPD – Zurufe CDU) (Kianusch Stender) Was wollen wir denn? Kinder sollen Lust an der Bewegung bekommen. Sport ist wichtig. Ja, auch Leistung ist wichtig. Aber wie willst du Leistung erbringen, wenn du bereits in der Grundschule ein Trauma von Sportveranstaltungen davonträgst? (Zurufe CDU) Was ist nun der Vorteil des Vorschlags, auf die alte Regelung zurückzufallen? – Eine genaue Messbarkeit. Man weiß auf den Zentimeter genau, wie weit man geworfen hat. Welche Nachteile bringt Ihr Vorschlag mit sich? (Martin Balasus [CDU]: Das ist ein FDP-Antrag! Das wollen wir nur noch einmal klarstellen! – Weitere Zurufe – Glocke) Ich habe Ihnen gerade gesagt, was die Fachleute dazu gesagt haben. Ein Hin und Her für Lehrerinnen und Lehrer kommt hinzu, was wir an schon zu vielen Stellen hatten. (Unruhe – Glocke Präsidentin)
