Martin Balasus
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wer die mediale Berichterstattung der letzten Zeit verfolgt hat, bekommt folgenden Eindruck: Gewalt unter Kindern und Jugendlichen wird immer häufiger, sie beginnt in einem immer jüngeren Alter und fällt brutaler aus. Leider täuscht dieser Eindruck nicht, vielmehr wurde er durch unsere Anhörung von Fachleuten bestätigt. Dass in Heide im vorigen Jahr vier bis dato polizeilich völlig unauffällige Mädchen im Teenageralter eine 13-Jährige regelrecht folterten und ihre Taten überdies noch filmten und ins Internet stellten, ist kein Einzelfall. Seitdem erlangen wir immer wieder Kenntnis von solchen Taten: Im März quälte in Uetersen eine Jugendbande einen 12-Jährigen und stellte den Film ins Netz, im Februar stach in Wuppertal ein Gymnasiast auf mehrere Mitschüler ein – die Liste ließe sich leider so fortsetzen. Was muss denn noch alles passieren, damit wir endlich gegensteuern? Wir sagen: nichts. Genug ist genug. Heute geht vom Schleswig-Holsteinischen Landtag, von den Fraktionen von CDU, Grünen, FDP und SSW ein starkes Signal gegen Kinder- und Jugendgewalt aus. (Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW) Gerne hätten wir auch die SPD mit an Bord gehabt. In der Zielsetzung sind wir uns einig, nur die Wege sind unterschiedlich. Als Konsequenz unserer intensiven Beratungen mit Experten haben wir einen 13-Punkte-Maßnahmenkatalog zusammengestellt. Er reicht von der Erar- (Martin Balasus) beitung eines Leitfadens an betroffenen Schulen über die fällige Aktualisierung bestehender Materialien bis zu Präventionsangeboten zum Schutz von Kindern und der Stärkung von Hilfeleistungen im Allgemeinen. Wir brauchen außerdem eine Schnittstelle zwischen Schule, Polizei und Jugendhilfe. Dies ist eine der Lehren aus der schrecklichen Tat von Brokstedt: Behörden müssen kooperieren, um frühzeitig potenzielle Gefahren erkennen zu können. Ebenso halten wir eine Verbesserung der landesweiten Kooperationsstruktur von Polizeidienststellen und Schulen für geboten. Als Lehrer habe ich selbst beste Erfahrungen damit gemacht, wie das ist, wenn ein Polizist oder eine Polizistin in einer Klasse vorbeischaut. Das ist informativ, respekteinflößend, vertrauensbildend und in Klasse 5 echt cool. Das gehört dazu. (Heiterkeit SPD) Doch bei all diesen Anstrengungen dürfen wir uns nicht täuschen lassen. Sie allein werden die schleichende Verrohung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen nicht stoppen können. Wir brauchen hier mehr Engagement an vielen Stellen in unserer Gesellschaft. Das Verhalten im Elternhaus spielt zum Beispiel eine gewichtige Rolle. Wer als Kind Gewalt erlebt hat, setzt sie später als Jugendlicher stärker ein. So werden unter 21-Jährige, die von ihren Eltern massiv geschlagen wurden, im Schnitt fünfmal häufiger selbst zu Gewalttätern. Jugendämter müssen solchen Eltern Grenzen setzen. Andererseits müssen überforderte Eltern Hilfe bekommen, wie sie ihre Erziehung derart verbessern, dass ihr Nachwuchs gar nicht erst auffällig wird. Was im Elternhaus schief läuft, kann später kaum noch geheilt werden. Natürlich haben auch die Coronamaßnahmen gravierende Folgen für Kinder und Jugendliche gehabt: kaum Kontakte, oft isoliert auf engstem Raum, Stress – eine Kindheit im Pausemodus – dafür viel Zeit, um „on“, also online zu sein. Deshalb muss der Einfluss von Medien auf unsere Kinder und Jugendlichen – allen voran von Social Media – genau unter die Lupe genommen werden. Die Mehrheit hat im Alter von zehn Jahren ein eigenes Smartphone und damit ungehinderten Zugang zu allen Vorzügen, aber auch zu allen Gefahrenquellen des Netzes. Bei allen Vorteilen, die die Digitalisierung mit sich bringt, halten auch mannigfaltige Gefahren Einzug in Kinderzimmer und Schulen: Pornografische Videos oder Fotos, Szenen der Tierquälerei, islamistischer oder rassistischer (20. WP) – 63. Sitzung (neu) – Mittwoch, 17. Juli 2024 Content und brutalste Gewaltclips werden unreflektiert konsumiert und geteilt – häufig von Lehrkräften und Elternschaft völlig unbemerkt. Also müssen wir uns auch für dieses Problemfeld Maßnahmen überlegen. Wir brauchen mehr Alliierte. Kinder und Jugendliche müssen von möglichst vielen Autoritäten deutlich gemacht bekommen, dass Gewalt nicht akzeptiert, sondern geächtet wird. Das kann die Trainerin oder der Trainer im Verein sein, eine Influencerin oder ein Influencer in den sozialen Medien, Ikonen der Film- und Musikbranche oder der Pfarrer, der Pastor, der Imam oder der Rabbiner sein. Es ist also noch viel zu tun, und der Weg wird kein leichter sein. Unsere Maßnahmen sind ein guter Anfang. Deshalb bitte ich um breite Zustimmung. – Vielen Dank. (Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW)
