Sophia Schiebe
Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Liebe Kolleg_innen! Lola ist ein aufgewecktes Kind. Lola malt am liebsten mit roten und blauen Farben. Zu Hause sind diese Farben aber schon wieder leer. Für neue Farben fehlt es an Geld. Wenn es in der Kita Nudeln gibt, dann nimmt Lola immer zwei Portionen. Nicht nur, weil Lola so gerne Nudeln isst, sondern weil Papa mal wieder vergessen hat, Frühstück zu machen. (Rasmus Vöge [CDU]: Warum denn Papa?) Lola mag es in der Kita. Mit Freund_innen spielen ist einfach toll. Häufig gibt es aber Streit mit den Spielkamerad_innen. Lola fällt es schwer, Bindungen aufzubauen. Das Vertrauen wurde in der Vergangenheit einfach zu oft missbraucht. Versprechen wurden von Mama selten eingehalten. Singen und Basteln mit Frau Özdemir findet Lola gar nicht mal so schlecht. Nur meckert die so oft mit Lola. Nie kann Lola ihr etwas recht machen. Ständig wird gesagt, Lola müsse sich endlich einmal an die Regeln halten. Lola rastet häufig aus – wütend darüber, dass sie sich mal wieder nicht geliebt fühlt, wütend darüber, dass andere Kinder doch irgendwie mehr können als Lola. Lola ist kein Kind, welches wirklich existiert. Aber ich habe viele Kinder kennengelernt, die so sind wie Lola, die unter genau diesen Bedingungen aufwachsen. Die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen haben gezeigt, dass wir immer mehr Kinder haben, die so sind wie Lola, Kinder, die es schwer haben, Kinder, die soziale und emotionale Schwierigkeiten aufweisen. Lola braucht mehr Unterstützung, mehr Aufmerksamkeit. Sie braucht beständige Vertrauenspersonen, die ihr das Gefühl vermitteln, etwas wert zu sein, und die mit Lola Sachen üben, die noch nicht so richtig klappen. Lola kann aber zwei Sachen nicht gebrauchen: erstens wenn politische Stimmen sagen, dass Lolas Eltern wieder mehr Verantwortung übernehmen müssen. Ja, die Eltern tragen die Verantwortung für ihre Kinder. Das bestreitet niemand, und niemand hat vor, die Verantwortung den Eltern zu entreißen. Auch die Eltern von Lola tragen die Verantwortung. Sie geben ihr Bestes. Doch manchmal reicht es eben nicht aus, das Beste zu geben. Kein Kind dieser Welt hat einen Einfluss darauf, in welche Umwelt es hineingeboren wird. Es ist schlicht und ergreifend pures Glück, in eine liebevolle und finanziell gut aufgestellte Familie hineingeboren zu sein. Herkunft ist keine Leistung, nichts, was man sich erarbeiten kann. (Beifall SPD) Daher hat Lola das Recht darauf, trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Eltern die gleichen Chancen zu erhalten wie jedes andere Kind. Zweitens. Was Lola auch nicht gebrauchen kann, sind Rahmenbedingungen, die Lola nicht die Unterstützung bieten, die es für ein chancengerechtes Aufwachsen braucht. Lolas Erzieherin Frau Özdemir ist überfordert. Zu groß ist die Gruppe, zu viele Kinder wie Lola. Daher braucht es an Orten wie diesem, wo Lola aufwächst, ein Programm – ein Programm wie das PerspektivKita-Programm. (Sophia Schiebe) Was jedoch nicht hilft, ist, wenn das Programm bei Lola gar nicht ankommt, wenn es wie bei der Bekämpfung von Kinderarmut dazu käme, dass das Vorhaben wie bei den kommunalen Präventionsketten nur in einem Modellversuch in zwei Regionen umgesetzt wird oder wie bei den Spracherhebungstests bei den Viereinhalbjährigen, die es nur an sieben Standorten geben wird. Zu wenige Standorte sind einfach zu wenig, als dass Lola und viele andere Kinder die Chance hätten, von so einer Maßnahme zu profitieren. (Beifall SPD und Christian Dirschauer [SSW]) Wir haben gerade die Zeit genutzt – da auch ein Lob an meinen Kollegen Martin Habersaat, dessen Mathematikkompetenz ja sonst immer in Zweifel gezogen wird – – (Malte Krüger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein, seine Word-Kompetenz! – Martin Balasus [CDU]: Microsoft Word ist das Problem!) Er hat einmal ausgerechnet, was das bedeutet und wie viele Kinder bei 40 Kitas von dem Programm profitieren würden: Es wären 2,15 Prozent der Kinder, die vom PerspektivKita-Programm profitieren könnten. Das verstärkt den Eindruck, dass die Unterstützungsangebote für Lola und andere Kinder seitens der aktuellen Landesregierung meistens so aussehen: Modellversuche an wenigen Standorten für eine kurze Zeitspanne. Doch für Lola und die anderen Kinder wünsche ich mir mehr. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Kinder von dem PerspektivKita-Programm profitieren und das möglichst bald. Die Antworten auf meine Kleinen Anfragen haben mir bislang nicht den Eindruck vermittelt, dass die Landesregierung intensiv an der Umsetzung des Programms arbeitet. (Beifall SPD und FDP) Das ist schade für Lola, schade für die Kinder, die eine intensivere Unterstützung brauchen und auch für uns, denn durch das Verstreichenlassen kostbarer Zeit verlieren wir weiter Fachkräfte, weil sie ihren Beruf verlassen. Unsere Fachkräfte brauchen bessere Arbeitsbedingungen bei der Anzahl von Kindern wie Lola. Sie brauchen Raum, um Lola zu helfen, denn dafür hatten sie doch eigentlich diesen Beruf erlernt. Tja, das wäre wirklich schade – schade für Lola, schade für die vielen Kinder, schade um die vertane Chance. (Beifall SPD, vereinzelt FDP und Beifall Christian Dirschauer [SSW])
