landtag.ltsh.de ↗

Martin Habersaat

SPD 23.05.2024 Sitzungen 20/58

Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Meine Damen und Herren! Im zweiten Quartal 2023 fand an 96 Grundschulen in Schleswig-Holstein kein Schwimmunterricht statt. Fast ein Viertel der Grundschulen im Land taten nicht, was sie laut Rahmenplan tun sollten, weil sie es nicht konnten – weil Schwimmstätten fehlten, weil Schwimmlehrkräfte fehlten oder weil Transportmöglichkeiten fehlten. Besonders kritisch war die Lage im Kreis Rendsburg-Eckernförde, wo es 13 Grundschulen waren, und noch kritischer im Kreis Segeberg, wo es 21 Grundschulen waren. Aus Studien früherer Jahre wissen wir: Je höher der soziale Status, desto geringer ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die nicht schwimmen können. Kinder und Jugendliche mit beidseitigem Migrationshintergrund zählen häufiger zu den Nichtschwimmern als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund. Insgesamt liegt die Nichtschwimmerquote bei Jungen immer etwas höher als bei Mädchen. Alles nicht so schlimm, sagte die Landesregierung bei der letzten Debatte zum Thema im März dieses Jahres. Anderswo sei es schlimmer, und viele Schülerinnen und Schüler in Klasse 4 hätten ja schon ihr Schwimmabzeichen in Bronze. Dank der hartnä- (Martin Habersaat) ckigen Nachfragen der Kollegin Krämer liegen uns nun die Zahlen für Klasse 6 vor. Das ist ein wichtiger Zeitpunkt, weil hier der Maßstab zur Beurteilung der Lage, ob und wie schlimm es ist, von der Landesregierung selbst festgelegt wurde. Hier geht es nicht darum, ob und wo es vielleicht im Bundesvergleich schlechter ist als in Schleswig-Holstein oder im Vergleich mit anderen Ländern, in denen die SPD regiert. Hier geht es um die folgenden Sätze, ich zitiere: „Schwimmen thematisiert die Auseinandersetzung mit dem Element Wasser. Fortbewegung im und unter Wasser stellt eine Voraussetzung für alle anderen Wassersportarten dar. Aus diesem Grund soll der Schwimmunterricht so früh wie möglich (in Jahrgangsstufe 5/6) verbindlich angeboten werden. Dabei erwirbt jede Schülerin und jeder Schüler spätestens am Ende von Jahrgangsstufe 6 mindestens das Schwimmabzeichen in Bronze.“ Der Rahmenplan sagt also, dass am Ende von Klasse 6 alle Schülerinnen und Schüler das Schwimmabzeichen Bronze haben sollen. Das ist das Ziel. Das ist der Maßstab. Was sagt der Blick auf die Wirklichkeit? – Zu Beginn des Schuljahres 2023/24 konnten 17.626 von 24.248 Schülerinnen und Schülern in Klasse 7 schwimmen, besaßen das Schwimmabzeichen Bronze. Das waren 72,7 Prozent. 27,3 Prozent, nämlich 6.622 Schülerinnen und Schüler, konnten es nicht. Das ist ein schlechter Wert gemessen am selbstgesteckten Ziel, dass es alle können sollen. Ich formuliere es einfacher und übertrage es auf eine andere Sportart: Wer zum 100-Meter-Lauf antritt, sollte sich nicht feiern, wenn er nach 73 Metern stehenbleibt, meine Damen und Herren. (Beifall SPD und SSW) Wenn man Einleitung und Inhaltsverzeichnis abzieht, hat der Bericht der Landesregierung einen Umfang von zweieinhalb Seiten. Das war vermutlich der Grund, warum der Platz fehlte, um ausführlicher auf diese Bilanz einzugehen. Beim letzten Mal haben wir herausgearbeitet, dass nach Klasse 4 etwa die Hälfte der Schülerinnen und Schüler bereits sicher schwimmen konnte. Das sind im Wesentlichen die Kinder, deren Eltern das Schwimmenlernen privat organisieren. Das habe ich beim letzten Mal schon gesagt. Das sind meist die Kinder, die Schwimmen bereits lernen, bevor sie eingeschult werden. In Klasse 5 oder 6 müsste es die andere Hälfte der Kinder lernen. Das sind genau die Kinder aus den Familien, die auf funktionierende Schulen angewiesen sind, weil sie vorher nicht Schwimmen gelernt haben. Dieses Ziel wird nicht annähernd erreicht. Anstatt immer irgendwelche dubiosen Studien heranzuziehen und mit dem Finger darauf zu zeigen, dass es anderswo schlimmer ist, könnte man auch einmal feststellen, dass es schlecht ist. Das ist nicht das Ziel, das wir uns selbst gesteckt haben. Ich werbe dafür, dieses Ziel nicht herunterzuschrauben. Denn Schwimmen rettet Leben. Das hat Herr Krüger ganz zu Recht festgestellt. Das heißt, dass wir uns darüber unterhalten müssen, wieviele und wo Schwimmhallen fehlen, ob und wo möglicherweise Schwimmhallen vorhanden sind, aber nicht mehr gut betrieben werden können, und wie wir zu den nötigen Schwimmlehrkräften kommen. Das sind die Kernmaßnahmen, die helfen. Alles andere ist ehrlicherweise Kosmetik und Notlösung. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall SPD und SSW)

Alle Reden von Martin Habersaat Protokoll ↗