Beate Raudies
Für die Landesregierung erteile ich das Wort der Ministerin für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung, Aminata Touré. Aminata Touré, Ministerin für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung: Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Einsamkeit hat viele Gesichter. Genauso unterschiedlich können und müssen die Maßnahmen gegen Einsamkeit sein. In Gesprächen mit Seniorenbeiräten, in Pflegeeinrichtungen, bei Treffs für Senioren spreche ich immer wieder mit den Betroffenen über dieses Thema, beispielsweise jetzt im Februar bei einem Besuch der KarlHeinz-Howe-Simon-Fiedler-Stiftung hier in Kiel. Dort gibt es unterschiedliche Projekte, die gerade das Thema der Einsamkeit im Alter in den Blick nehmen – von den Kieler Senioren-Lotsen, die sowohl in Alltags- als auch in Krisensituationen unterstützen, bis hin zu „KULTURISTENHOCH2“. Besonders toll fand ich das Projekt, in dem man ein Tandem zwischen Seniorinnen und Senioren und Schülerinnen und Schülern hat, die gemeinsam ihre Freizeit gestalten. Wir haben darüber gesprochen, wie unterschiedlich die Wünsche von Männern und von Frauen sind, wenn es darum geht, was ihnen gegen Einsamkeit helfen könnte. Männer wünschen sich eher eine pflegerische Unterstützung, Frauen haben mehr Interesse an gemeinsamen Unternehmungen – so die Rückmeldung. Dabei geht es beispielsweise um gemeinsame Theaterbesuche oder Spaziergänge. Was zeigen diese Beispiele? Sie zeigen, dass es wichtig ist, unterschiedliche Angebote im ganzen Land auf den Weg zu bringen. Es ist heute auch nicht das erste Mal, dass wir uns in diesem Parlament über das Thema Einsamkeit austauschen. Wir haben vor geraumer Zeit auch über den Vorschlag der SPD gesprochen, überall im Land Vor-Ort-fürDich-Kräfte durch das Land zu finanzieren. Die Koalitionsfraktionen heben in ihrem heutigen Antrag hervor, wie viele unterschiedliche Unterstüt- (Ministerin Aminata Touré) zungsangebote es hier im Land gibt, und betonen, von welch großer Relevanz es ist, diese miteinander zu vernetzen. Ich habe damals gesagt, dass ich die Eindrücke der Anhörung im Ausschuss in meine politischen Beratungen einfließen lassen werde. Das haben wir im Sozialministerium getan. Die Anhörungen haben gezeigt, wie wichtig es ist, eine niedrigschwellige, aufsuchende soziale Quartiersarbeit einzurichten und zu fördern. Aber es wurden eben auch Kritikpunkte genannt, die deutlich gemacht haben, warum es nicht sinnvoll ist, ohne eine vorherige Analyse nach dem Gießkannenprinzip Stellen ins Land zu bringen. Die Fragen, die sich stellen, sind deshalb: Wie können Parallelstrukturen vermieden und Synergien geschaffen werden? Wie kann man verhindern, dass Fachkräfte aus dem Bereich der Pflege und der sozialen Arbeit in andere Berufe abwandern? Welche Aufgabenschwerpunkte sind sinnvoll, und welche Anforderungen müssen damit einhergehen? Genau deshalb ist unsere Studie zum Thema „Einsamkeit im Alter“ so wichtig. Es geht darum, die Kritikpunkte und die Fragen aus den Anhörungen zu klären, transparent zu machen, welche Angebote es bereits gibt, und zu klären, wo diese wie aufgestellt sind und ob die Hilfe wirklich ankommt. Man muss dazu auch sagen – deswegen verstehe ich ehrlicherweise die Kritik an dieser Stelle überhaupt nicht –, dass dies eine ergänzende und keine ausschließliche Maßnahme ist. (Beifall BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN und Werner Kalinka [CDU]) Wir haben im Land viele gute Strukturen: Anlaufstellen, ehrenamtliche Nachbarschaftshilfen in unterschiedlichen Varianten, Mehrgenerationshäuser, Kompetenzteams des Landesnetzwerks, Seniorinnen- und Seniorentrainerinnen und ‑trainer, Pflegestützpunkte und weitere Angebote rund um das Thema „Pflegerische Versorgung“, Seniorenbüros, kirchliche Einrichtungen, die Wohlfahrtsverbände, Sozialberatungen. Zudem entwickeln wir das Programm „Digitale Gesandte“, das bei der Nutzung digitaler Medien unterstützen soll. Wir haben rund 70 Dorfkümmer_innen, und aktuell planen wir – vor wenigen Wochen habe ich dazu gemeinsam mit der Akademie für die Ländlichen Räume zusammengesessen –, ein Projekt auf den Weg zu bringen, um genau diese Vernetzungsstrukturen aufzubauen und Fortbildungen anzubieten. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Bei diesem Gespräch waren wir uns absolut einig, dass es überhaupt nicht notwendig ist, dass wir als Land bestimmte Strukturen vorsehen. Vor Ort werden ganz viele unterschiedliche, tolle Strukturen und eben auch Angebote geschaffen, und es geht um die Frage: Was können wir als Land unterstützend tun? Was mir erzählt wurde, ist, dass die Menschen diese ehrenamtliche Arbeit ganz oft über ihre Grenzen hinaus leisten. Es gibt ja aber nicht nur ehrenamtliche Arbeit in diesem Bereich, sondern auch hauptamtliche Arbeit; auch dort gibt es Menschen, die weit über ihre Grenzen hinausgehen. Dafür brauchen sie Unterstützung. All das sind Maßnahmen, an denen wir, das Land, uns beteiligen und die auch im Sinne der Einsamkeitsstrategie des Bundes wirken. Zielgerichtet Maßnahmen entwickeln, die älteren Menschen wirklich helfen, das ist es, worum es im Kern geht, und das ist auch das Ziel der Studie. Wir nehmen – daraus mache ich keinen Hehl – ganz besonders ältere Menschen in den Fokus. Ich finde das auch richtig, weil sie besonders häufig von Einsamkeit betroffen sind. Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich sehr darüber, dass wir gemeinsam mit Herrn Professor Dr. Steinhäuser und Frau Professorin Dr. Götz von der Universität zu Lübeck eine Studie gegen Einsamkeit im Alter auf den Weg gebracht haben. Die Maßnahmen, die auf dieser Grundlage entwickelt werden, werden zusätzlich zu dem, was wir jetzt schon tun, noch mehr Menschen helfen. Zusätzlich zu den Maßnahmen wird es Handlungsstrategien geben, die in ein Train-the-Trainer-Konzept für Haupt- und auch Ehrenamtliche überführt werden sollen. (Glocke Präsidentin) So schaffen wir Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Wir werden gerade in den vorhandenen Strukturen dadurch zukünftig noch mehr Expertinnen und Experten für das Thema Einsamkeit im Alter haben. Abschließend möchte ich gern sagen: Ich glaube, der Staat kann viele Strukturen vorsehen und auch bei ehrenamtlicher Arbeit unterstützen, aber – Jasper Balke hat es eben deutlich gemacht – das wird im Kern familiäre oder gesellschaftliche Aufgaben nie komplett ersetzen. Deswegen ist es wichtig, das als unterstützende und nicht als ausschließliche (Ministerin Aminata Touré) Maßnahme zu sehen. – Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU)
