Dirk Kock-Rohwer
Liebe Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Das Plenum ist ein Ort, an dem für gewöhnlich viel gestritten wird. Das haben wir in den letzten zwei Tagen hier auch echt erlebt. Wenn wir alle hier im Landtag allerdings geschlossen mit (Dirk Kock-Rohwer) einer Stimme sprechen, dann muss es sich um ein Thema handeln, bei dem keine andere Meinung gültig ist. Der Schutz unserer Minderheiten ist ein gutes Beispiel hierfür. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU und SSW) Der Minister hat gerade viel über die Konferenz zur Zukunft Europas gesprochen und den Vorschlag zur Einrichtung einer Institution zur Förderung der Sprachenvielfalt auf europäischer Ebene erwähnt. Das spare ich mir hier. In fast allen Mitgliedstaaten der EU leben nationale Minderheiten. Das sind insgesamt mehr als 50 Millionen Menschen, die zu den sogenannten autochthonen Minderheiten gehören. In Deutschland leben vier gesetzlich anerkannte Minderheiten, drei davon in Schleswig-Holstein. Das sind mehr als in jedem anderen Bundesland. Nicht ohne Grund haben wir im Land mit dem European Centre for Minority Issues und der FUEN, der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten, ein gut funktionierendes minderheitenpolitisches und wissenschaftliches Netzwerk. Unser Engagement hier in Schleswig-Holstein ist längst auf Bundes- und europäischer Ebene angekommen. Das zeigt nicht zuletzt der vorgelegte Zwischenbericht zum Bericht der Bundesrepublik Deutschland zur Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Die Charta ist die europäische Konvention für den Schutz und die Förderung von Sprachen. Insbesondere die Sprache ist für jede Minderheit identitätsstiftend. Der Schutz und die Pflege dieser Sprache wird so zum Schutz der Minderheit selbst. Wir haben in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, welche Bedeutung die dänische, die friesische und die Minderheit der Sinti und Roma für unser Land haben. Nicht ohne Grund haben wir den Schutz unserer Minderheiten und Volksgruppen in unsere Landesverfassung aufgenommen. Aber auch das Niederdeutsche ist eine Sprache, die für unser Land charakteristisch und eng mit unserer kulturellen Identität hier im Norden verwoben ist, nicht zuletzt mit meiner eigenen. Leve Lüüd, wi pleegt un heegt uns Spraken un hebbt in de letzte Johren ünnertstütt, dat de verscheden Spraken in de Scholen, an de Universitäten un in de Öffentlichkeit höört, spraken un lehrt warrn kunnt. Wi hebbt en Professuur för Friesisch an de EU-Uni in Flensburg, Modellscholen mit Friesisch un mit Nedderdüütsch, un wi hebbt däänsche Scholen up uns Siet vun de Grenz un düütsche Scholen, de wi ünnerstütten doon, up de anner Siet. (Beifall ganzes Haus) En anner Bispeel ut dat letzte Johr: Vun Landdag ut hebbt wi dat Plattradio ünnerstütt; dat schall ok wiedergahn. Plattdüütsch in‘t Radio an’n Fröhstücksdisch vun Klock söven bit Klock acht. En Week na’n Begünn kemen E-Mails ut ganz Düütschland, un de Lüüd hebbt sik bedankt, Platt in't Radio to hören. Sogor ut Amerika keem en elektroonsche Naricht: Dor bedankt sik junge Lüüd ut Iowa, dat se ehr Spraak via Internet in’n Radiosender hören köönt. (Zuruf SPD: Was machen die denn in Iowa? – Vereinzelte Heiterkeit – Christopher Vogt [FDP]: Die wohnen da!) – Ausgewandert. – Liebe Kolleginnen und Kollegen, machen wir uns nichts vor: Viele Minderheiten in Europa sind äußerst bedroht. Es ist eine fast schon zu simple Feststellung: Eine Sprache gerät dann in Gefahr, wenn ihre Sprecher sie nicht mehr sprechen. Damit gerät auch ein wesentlicher Teil unserer Identität in Gefahr. Europa – das ist und war Vielfalt und eben auch Vielfalt der Sprachen. Wenn sich also die Europäische Kommission dafür ausspricht, eine Institution für Minderheitensprachen einzurichten, dann ist das ein Schritt, über den ich mich sehr freue. Ich bin ehrlich: Ich möchte diese Institution hier im Land. Ich habe es mehrfach gesagt: Wir in Schleswig-Holstein können Minderheiten, und genau aus diesem Grunde ist hier der richtige Ort für eine solche Institution. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU und SSW) Wir haben in den vergangenen Monaten gezeigt, wie ambitioniert wir sein können, wenn es um Ansiedlungen geht. Auch eine solche Institution ist eine Ansiedlung, die für die Zukunft unseres Landes von großer Bedeutung ist, wenn auch mehr von kultureller als von ökonomischer. Minderheiten brauchen eine breite Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Wie viel Spaß das machen kann, zeigt die Europeada, die in diesem Jahr in Dänemark und Schleswig-Holstein ausgerichtet wird. Diese Europameisterschaft der Minderheiten wird im Vorwege übrigens durch das Spiel des 1. FC Landtag gegen die Mannschaft aus Nordschleswig am 15. Juni 2024 auf dem Knivsbergfest in Rødekro in Dänemark eröffnet. Also: Alle auf zum Jubilieren! (Dirk Kock-Rohwer) Das Fußballturnier lenkt die Aufmerksamkeit auf die autochthonen Minderheiten in Europa und zeigt einmal mehr, welche Kraft Minderheiten habe, wenn sie sich für eine gute Sache zusammenschließen und gemeinsam zur Mehrheit werden – eine Mehrheit, die für die Vielfalt und Toleranz in Europa Identität stiftet. In diesem Sinne: Gutes Spiel! – Vielen Dank. (Beifall BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU)
