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Karin Prien

23.02.2024 Sitzungen 20/53

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich möchte zu Beginn meiner Rede diejenigen zu Wort kommen lassen, um die es heute besonders geht, unsere Schülerinnen und Schüler. Im Gespräch mit unserer Landesschülervertretung ist mir eine Aussage eines Jugendlichen besonders in Erinnerung geblieben. Dieser sagte: „In der Schule wird unser Kopf trainiert, aber unser Herz vernachlässigt“. – Zitat Ende. Wie kommt es zu dieser Einschätzung? Haben wir doch alle in der Pandemie festgestellt, dass Schule viel mehr als ein Ort des Lernens ist. Sie ist ein Ort des sozialen Miteinanders, an dem der Kopf und auch das Herz trainiert werden sollen. Aber das Gespräch mit der Landesschülervertretung hat mir gezeigt: Bei den Schülerinnen und Schülern kommt das nicht immer so an. Die Krisen unserer Zeit, die zunehmende Verunsicherung, die Zukunftssorgen – all das hinterlässt Spuren auf den Seelen von Kindern und Jugendlichen. Viele von ihnen leiden unter Stresssymptomen wie Gereiztheit, Einschlafproblemen und Niedergeschlagenheit. Schülerinnen und Schüler und deren Familien, die schon vor der Pandemie einen herausfordernden Alltag hatten, waren von psychischen Belastungen besonders betroffen. Werfen wir einen Blick in die einschlägigen Studien, dann zeigt sich: Auch diese Zahlen alarmieren. Einer WHO-Studie zufolge zeigen 20 bis 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen Symptome psychischer Erkrankungen. Die Studie „Jugend in Deutschland 2023“ der Professoren Hurrelmann und anderer geht sogar davon aus, dass die Hälfte der 14- bis 29-Jährigen mit stressbedingten Belastungen zu kämpfen hat. Laut einer Studie von Robin et alia haben psychische Auffälligkeiten bei Schülerinnen und Schülern aller Schulformen zugenommen und stabilisieren sich seither auf hohem Niveau. Besonders betroffen sind übrigens Grundschulkinder, unter anderem bei Verhaltensauffälligkeiten und Hyperaktivität. In beiden Fällen haben sich die Auffälligkeiten seit Beginn der Pandemie ungefähr verdoppelt. Nach dem Kinder- und Jugendreport der DAK Bayern werden heute 39 Prozent mehr Jugendliche mit Angst- oder Essstörungen und Depressionen im Krankenhaus behandelt als vor der Pandemie. Die Belastungen wirken sich zum Teil massiv auf die Lernleistungen aus und verhindern, dass Kinder und Jugendliche ihr volles Potenzial ausschöpfen können. Weder den Eltern noch den Lehrkräften fällt es leicht, Antworten auf die neuen Herausforderungen zu finden und angemessen zu reagieren. Wir sind uns dessen bewusst und nehmen die Schwierigkeiten und Herausforderungen sehr ernst. Ob es sich hier um ein dauerhaftes Phänomen handelt, ob die Ursachen möglicherweise durch die Pandemie verstärkt wurden, wissen wir allerdings noch nicht. (Zuruf Birte Pauls [SPD]) Auch wissen wir nicht, ob die Normalisierung nach der Pandemie wieder zu einer Trendwende in der Entwicklung führen wird, oder ob etwa die multiple Krisenlage – Krieg, Wirtschaftskrise, Klimakrise, Erstarken des Rechtsextremismus – zu einer dauerhaften Belastung führen wird. Dazu brauchen wir weitere Erkenntnisse, ebenso zu der Frage, wie die (Ministerin Karin Prien) Resilienz gestärkt werden kann – und zwar sowohl in den Familien als auch in Schule als auch in der Gesellschaft insgesamt. (Beifall CDU und vereinzelt BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) Meine Damen und Herren, selbstverständlich nehmen wir auch die Hinweise und Anregungen der Landesschülervertretungen und der Landeselternbeiträte sehr ernst (Dr. Kai Dolgner [SPD]: Haben wir eben gesehen!) und überprüfen sie auf Wirksamkeit und Umsetzbarkeit. Ich persönlich – wenn ich das sagen darf – würde es sehr begrüßen, wenn sich der Landtag umfangreicher mit dieser Frage auseinandersetzen würde. Ich glaube, dann ist eine Bewertung dieser Vorschläge auch in einer fachlich angemessenen Form möglich. Unabhängig davon haben wir allerdings in den letzten Jahren vieles auf den Weg gebracht. Dem Antrag dieses Hauses entsprechend haben wir einen Handlungsrahmen für die Schulen zum Umgang mit den psychosozialen Folgen von Pandemie und Krise bei den Schülerinnen und Schülern erarbeitet. Beteiligt daran waren neben dem Bildungsministerium das Gesundheitsministerium, die Schulsozialarbeit und die freie Jugendhilfe. Mit dem Handlungsrahmen greifen wir viele von der Landesschülervertretung und den Landeselternbeiräten genannte Problemlagen auf. Wir weisen auf bewährte Strukturen wie das Zentrum für Prävention und seine Angebote sowie auf neu entwickelte Angebote hin. Das Zentrum für Prävention stellt den Schulen bereits seit einiger Zeit ein umfangreiches Programm zur Verfügung. Hervorzuheben ist das Programm „MindMatters – Mit psychischer Gesundheit gute Schule entwickeln“, ein bundesweites, wissenschaftlich begleitetes und in der Praxis erprobtes Programm zur Förderung der psychischen Gesundheit an den Schulen. Darüber hinaus haben wir im Rahmen des Sofortprogramms eine direkte Beratung über existierende Angebote hinaus geschaffen. Die Beratung stellt Kontakte zu externen Angeboten für Einzelne und Gruppen her und kann – wenn der Haushalt im März 2024 so beschlossen wird – diese auch wieder direkt finanzieren. Sowohl an Schule Tätige als auch Schülerinnen und Schüler sowie Angehörige finden hier Telefonberatung und Angebote – auf Wunsch selbstverständlich auch anonym. Eine digitale Landkarte bietet eine niedrigschwellige und umfassende Übersicht über bestehende Angebote. Meine Damen und Herren, ein wesentliches Element zur Bewältigung psychosozialer Herausforderungen ist die regionale Netzwerkarbeit. Schulen müssen wissen, wo sie bei Bedarf eine Unterstützung selbst in Anspruch nehmen und auch Schülerinnen und Schülern sowie Eltern Hilfsmöglichkeiten aufzeigen können. Die Vorbereitungen für die regionalen Dienstbesprechungen mit Vertreterinnen und Vertretern der Schulleitungen aller Schularten und den zuständigen Schulaufsichten unter Einbindung der zuständigen Schulpsychologinnen und Schulpsychologen vor Ort sind angelaufen. Neu aufgelegt ist außerdem das Programm TIG-SH an Grundschulen mit einer Ausstattung von insgesamt über 5 Millionen Euro. Es dient der Sensibilisierung und Beratung von Fachkräften im Umgang mit traumatisierten und belasteten Kindern. Das Programm bietet für den Bereich der Grundschulen Beratung, Supervision sowie Fort- und Weiterbildung zum Thema Traumapädagogik. Eine weitere Unterstützung für Lehrkräfte ist die Handreichung zum Umgang mit pandemiebedingt belasteten Schülerinnen und Schülern im Rahmen des Projekts „Frühintervention und Prävention coronabedingter psychischer Erkrankung bei jungen Menschen“, abgekürzt PRO-Jung. Außerdem haben wir die Schulsozialarbeit und den schulpsychologischen Dienst ausgebaut. Es bestehen hierzu zeitlich begrenzte Förderprogramme, die Sie kennen, meine Damen und Herren. Darüber hinaus möchte ich darauf hinweisen, dass der Prävention eine entscheidende Bedeutung zukommt. Deshalb haben wir im Schulgesetz die Verpflichtungen für die Schulen verankert, ein entsprechendes Präventions- und Interventionskonzept zu erarbeiten. Das Ziel ist es, seelische und körperliche Gesundheit zu fördern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der Persönlichkeitsentwicklung und damit in ihrer Resilienz zu unterstützen und sie vor sexualisierter, psychischer und körperlicher Gewalt zu schützen. Prävention ist dabei ein entschiedenes Stichwort. Denn so sehr die genannten Studien die wahrgenommenen Belastungen aufzeigen, so wenig muss aus jeder Belastung eine manifeste psychische Störung werden. Vielen Belastungen kann man durch Prävention begegnen, durch Ansprechen, Benennen und Zeigen, dass man den Schüler und die Schülerin sieht, sie mit ihren Problemen ernst nimmt und sie wahrnimmt. (Ministerin Karin Prien) Auch unsere Experimentierklausel kann als ein Instrument zur Stärkung der psychischen Gesundheit dienen. Wenn junge Menschen erleben, dass sie ihr Umfeld selbst gestalten können, wenn sie Selbstwirksamkeit erleben, wenn sie erleben, dass ihr Handeln etwas bewirkt, dann stärkt auch das ihre Resilienz und ihr psychisches Wohlbefinden. Tue etwas, dann geht es dir besser! – Selbstwirksamkeit erleben, nicht passiv leiden müssen. Wir sehen und hören die Schülerinnen und Schüler, wir nehmen sie ernst. Gemeinsam wollen wir eine Schulentwicklung, die noch viel stärker zu einem Ort wird, an dem Kopf und Herz trainiert werden. Ich bin dem Landtag sehr dankbar, dass er sich dieses Themas annimmt und uns bei all diesen Vorhaben unterstützt. (Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Christopher Vogt [FDP])

Protokoll ↗