Martin Balasus
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Viele Wege führen nach Rom, und auch viele Wege führen zur Bewältigung der Bildungsherausforderungen. Ganztagsschulen sind ein wichtiger Teil davon. 2026 starten wir bundesweit mit der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf einen Ganztagsplatz. Das ist nicht mehr viel Zeit, das wurde eben deutlich. Wir beginnen aufwachsend mit Klassenstufe 1, also gilt ab dem Schuljahr 2029/30, dass für jede Grundschülerin und jeden Grundschüler ein Platz zur Verfügung gestellt werden muss. Keine Sorge, Ganztagsschulen wollen nicht die Familien ersetzen, wir sind ja schließlich nicht in der DDR. Sie sollen das Familienleben ergänzen, unterstützen und entlasten, indem zum Beispiel Hausaufgaben in der Schule erledigt werden. Nicht jedes Elternteil kann dem Nachwuchs gleichermaßen dabei helfen. Das Verlagern in die Schule stellt also einen Meilenstein für die Verbesserung der Chancengerechtigkeit dar. Der Ganztag birgt eine Vielzahl weiterer Chancen: Eltern können sich auf eine qualifizierte Betreuung verlassen, welche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beflügelt. Schülerinnen und Schüler können sich intensiver mit dem Lernstoff auseinandersetzen, da mehr effektive Lernzeit und damit mehr Raum für individuelles Fördern und Fordern zur Verfügung steht. Nicht vergessen werden darf, dass mehr Zeit in der Gemeinschaft anderer Kinder und über Alters- und Klassengrenzen hinweg die Sozialkompetenz beflügelt. Der entscheidende Punkt fehlt aber noch, nämlich die ganzheitliche Bildung. Jeder Pädagoge – es sind ja einige hier – kennt Wilhelm von Humboldts Bildungsideal. Ich zitiere mit Erlaubnis der Präsidentin: (Martin Balasus) „Der wahre Zweck des Menschen … ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“ Der Mensch soll also alle Talente und Fähigkeiten, die ihm innewohnen, entwickeln. Nur so entsteht ein harmonisches Ganzes. Diese 250 Jahre alten Ideen des großen Bildungsreformers lesen sich wie eine Blaupause für unseren Ganztag. Wir wünschen uns ein breites, ein vielfältiges Angebot, das den Sport, die kulturelle Bildung, außerschulische Initiativen sowie Vereine und Verbände einbindet. (Beifall CDU und vereinzelt bündnis 90/DIE GRÜNEN – Zuruf) – Kennst du aus dem Studium, oder? – Nur eine enge Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen Land und Sport, dem Verein- und Verbandswesen, Trägern der Jugendhilfe und der kulturellen Bildung kann der richtige Weg sein. Übrigens gehören Bewegungs- und Sportangebote neben der Mittagsbetreuung zum häufigsten und beliebtesten Angebot der Ganztagsschulen, von denen es inzwischen über 600 in Schleswig-Holstein gibt. Das ist Rückenwind für unseren Sportlandprozess, aber auch Ansporn, dem Sport, der so elementar für die Gesundheit, für das persönliche Wohlbefinden, für die soziale Gemeinschaft, für die lokale Verbundenheit und so weiter ist, genügend Raum zu geben. Bewegung und Sport beflügeln das konzentrierte Lernen. Also wollen wir auch Schwimmen in den Ganztag integrieren – Sie sehen es in unserem Antrag – und – das steht auch darin – eine Bewegungsstunde pro Woche. Das ist natürlich das absolute Minimum; das betone ich ausdrücklich. Selbstverständlich wollen und brauchen wir deutlich mehr Angebote. Mein Traum wäre flächendeckend eine tägliche Sportstunde. Die Wahrheit ist leider: Das ist schlichtweg unrealistisch, aber träumen muss man, wenn man möchte, dass irgendwann etwas Realität wird. Wie geht es weiter? – Bis Ende 2024 wird das Ministerium den Entwurf eines Rahmenkonzeptes zur Qualität des Ganztages und der Schule als Lernund Lebensort vorlegen. Vieles muss dabei bedacht werden, die Fragen nach Kooperation, Partizipation, Fachkräften, Räumen und Verzahnung und so weiter. Viele Aspekte davon sind nicht leicht zu klären. Nehmen wir nur die Fachkräftefrage; allein das ist eine gewaltige Herausforderung. Multiprofessionelle Teams wachsen leider nicht auf Bäumen – zumindest habe ich da noch keine gesehen –, erst recht nicht in Zeiten des sich zuspitzenden Fachkräftemangels. Wir haben es also hier mit einem ausgesprochen komplexen Sachverhalt zu tun, der kein Spaziergang ist. Da macht es sich die FDP etwas zu einfach. In ihrem Antrag wird behauptet, dass es schlicht eine Vereinbarung zwischen LSV und Land geben müsse, das würde alles regeln. Ich möchte dem LSV an dieser Stelle herzlich für seine Handlungsempfehlungen danken, die er uns mit auf den Weg gegeben hat. Selbstverständlich werden diese in das Konzept einfließen. (Beifall CDU und vereinzelt bündnis 90/DIE GRÜNEN)
