Thomas Hölck
Sehr geehrte Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Reisende sieht Dinge, die ihm unterwegs begegnen, der Tourist sieht das, was er sich vorgenommen hat zu sehen. Was haben Sie sich vorgenommen, Herr Minister? Den Bericht, den sie zum Stand der Umsetzung der Tourismusstrategie Schleswig-Holstein 2030 vorgelegt haben, für den ich mich bedanke, ist von einer unglaublichen Unentschlossenheit geprägt. Wo ist der wohltuende Elan Ihrer Vorgänger? – Die Minister Meyer und Buchholz brannten für das Thema. Ich habe irgendwie den Eindruck, das Tourismusthema, der Tourismus ist nicht Ihr Wellnessbereich. Bernd Buchholz hätte so einen lustlosen Bericht nicht im Ansatz vorgelegt, das hätte er sich niemals geleistet. Herr Minister Madsen, zum Ende letzten Jahres haben Sie das Tourismus-Cluster Schleswig-Holstein abgeschafft. Die Leitung des Umsetzungsmanagements haben Sie monatelang nicht vergeben. Es gab monatelang Stillstand bei der Umsetzung der Tourismusstrategie. Wir haben hier im Land ein Orchester, bestehend aus tollen Tourismusakteuren, nur der Dirigent ist leider nicht zur Stelle. (Zuruf CDU) Mit der Verabschiedung der Tourismusstrategie 2030 hatte die Landesregierung noch einen Plan und Elan bei diesem Thema, denn Erfolg ist kein Automatismus. Die Weiterentwicklung der Tourismusstrategie war notwendig geworden, weil die bisherige stark auf Wachstum ausgerichtet war und die Strategie an ihre Grenzen kam. Die Bevölkerung fühlte sich in Teilen vom Verkehr, von Verdrängung, von zu wenig bezahlbarem Wohnraum vor Ort und von Lärm überfordert. Schnell machte der Begriff von Overtourism die Runde. Die Strategie 2023 hat bewusst die Aspekte der Nachhaltigkeit, der Tourismusakzeptanz, der Fachkräftegewinnung, der Ökologie und des Sozialen stärker entwickelt. Ich bin allerdings dagegen, den Wachstumserfolg der vergangenen Jahre schlechtzureden. Man muss sich dafür nicht schämen. Was man erreicht hat, ist gut. Darauf können wir stolz sein. (Beifall SPD und Dr. Bernd Buchholz [FDP]) Es ist uns gelungen, den Ganzjahrestourismus zu stärken und zu etablieren. Aus vielen Saisonarbeitsverhältnissen wurden dauerhafte Arbeitsplätze. Das ist ein Riesenerfolg, gut für die Einkommen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und bringt Planungssicherheit auch für die Betriebe. Trotzdem, ohne Akzeptanz vor Ort geht es nicht. Das haben auch Sie erkannt und das Thema als ein priorisiertes Handlungsfeld eingestuft. In Ihrem Bericht fehlt aber der Hinweis, wer für die Akzeptanz vor Ort werben soll. Sollen das die Touristiker machen? Sollen das die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister übernehmen? Wird es eine Plattform geben, um Synergieeffekte aufzunehmen und Erfahrungen untereinander auszutauschen? Wem ordnet das Ministerium diese Aufgabe zu? – Das alles bleibt ungeklärt. Wenn wir weiterhin erfolgreich bleiben wollen, benötigen wir Arbeitskräfte. (Vereinzelter Beifall SPD) Mitarbeitendengewinnung und ‑bindung ist von höchster Bedeutung. Was nutzen uns die besten Angebote vor Ort, wenn niemand da ist für den Service, für die Reinigung, für die Umsetzung unserer Strategie? Dann ist alles nichts. Der Fachkräftemangel an unseren Urlaubszielen ist auch kein regionales Problem. Wir waren letztes Jahr in Südtirol. Auch dort ist uns berichtet worden, dass Fachkräfte fehlen. Überall in den erfolgreichen Destinationen in Europa fehlen Fachkräfte. Das heißt, wir müssen uns im Wettbewerb um die Köpfe anstrengen. Wer den Wettbewerb gewinnen will, braucht nicht nur gute Bezahlung und Wertschätzung, sondern auch bezahlbaren und angemessenen Wohnraum. (Beifall SPD) (Thomas Hölck) Was sagt uns der Bericht zu dem Thema Wohnraum? – Ich zitiere mit Erlaubnis der Präsidentin: „Im Bereich des Leitprojektes 3 ‚Neue Modelle im Wohnraummanagement‘ von Kommunen und Betrieben zur Schaffung von adäquatem und bezahlbarem Wohnraum für Beschäftigte im Tourismus gibt es bereits erste Überlegungen zur Bearbeitung.“ Erste Überlegungen! Das Thema ist nicht erst seit gestern aktuell, sondern seit Jahren, und es ist seit Jahren wichtig. Jetzt erste Überlegungen anzustellen, ist ein Armutszeugnis. (Beifall SPD, FDP und SSW) Dann dachte ich, wenigstens der Antrag der Regierungskoalition würde weiterhelfen. Weit gefehlt! Da steht ein so wunderbarer Satz wie dieser drin – ich zitiere mit Erlaubnis der Präsidentin –: „Das primäre Ziel soll deshalb nicht länger allein in der Steigerung der Bekanntheit des Landes Schleswig-Holstein … liegen, sondern soll sich auch stärker auf das Management von nachhaltigen Prozessen und Projekten fokussieren.“ Also: Wir machen jetzt auf Nachhaltigkeit, wir sind spitze im Tourismus, haben eine tolle Qualität, haben eine wunderbare Landschaft, tolle Küsten, aber: Psst, nicht so laut, das Ganze nicht so weit verbreiten! Das muss in der Republik nicht jeder mitbekommen. – Das ist eine Strategie, die ich völlig falsch finde. Wir müssen über die Vorzüge, die wir in unserem Land haben, reden, und zwar deutlich und offen, damit die Menschen bereit sind, hierherzukommen. (Vereinzelter Beifall SPD – Zuruf Lukas Kilian [CDU]) Liebe Kolleginnen und Kollegen, fast 170.000 Menschen in Schleswig-Holstein verdienen ihr Einkommen im Tourismus – 170.00 Menschen! Eine enorme Zahl. 10,4 Milliarden Euro werden an Umsatz generiert. Das ist ein Fundament für Wohlstand in unserem Land. Wir sollten zum Spirit und zur Leidenschaft für den Tourismus früherer Jahre zurückfinden. Lassen Sie uns gemeinsam an einer erfolgreichen Umsetzung der Strategie im Tourismus arbeiten, und zwar gemeinsam mit allen demokratischen Fraktionen in diesem Hohen Haus – so, wie es immer gute Tradition war. – Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall SPD, FDP und SSW)
