Martin Habersaat
Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Meine Damen und Herren! Wir alle haben etwas gemeinsam. Wer in diesem Landtag sitzt, hat ein gewisses sprachliches Talent bewiesen. Wer hier sitzt, hat auf Nominierungsveranstaltungen eine mehr oder weniger mitreißende Rede gehalten, der hat einen Parteitag mehr oder weniger überzeugt, der kann in der Regel Gesetzentwürfe oder andere Vorlagen lesen und anderen davon berichten, er kann vielleicht Pressemitteilungen verfassen. Wer hier sitzt, kann Anträge schreiben, mit denen er die Schwächen der Landesregierung scharf verurteilt oder die kleinste ministerielle Bewegung auf das Schärfste lobt. Jede und jeder von uns kann das. Nun stellen wir uns vor, wir müssten, aus welchem Grund auch immer, nach Südkorea ziehen. Welche von unseren Fähigkeiten hätten wir noch, wenn wir sie auf Koreanisch beweisen müssten? Wie erginge es unseren Kindern, die sich plötzlich in einer anderen Sprache, einem anderen Kulturkreis zurechtfinden müssten? Und wie würden wir reagieren, wenn die Möglichkeiten unserer Kinder durch Beschlüsse der koreanischen Regierung verschlechtert würden? Vermutlich gehemmt, weil wir ja kein Koreanisch können und vermutlich auch etwas unsicher sind, weil wir nicht ganz genau wissen, wie wir mit diesem sprachlichen Defizit in einem vermeintlich sehr leistungsorientierten gesellschaftlichen Umfeld klarkommen. Sprache ist der Schlüssel, oder, wie es die Landesregierung in ihrem Integrationsbericht schreibt, ich zitiere: „Sprachkompetenz ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Persönlichkeitsentwicklung, den schulischen und beruflichen Erfolg sowie die gesellschaftliche Integration.“ Deshalb ist es so wichtig, dass „Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache … in Schulen aller Schularten im Rahmen einer durchgängigen Sprachbildung … so gefördert werden“ sollen, dass sie erfolgreich am Unterricht teilnehmen können und „lernen, die deutsche Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen“. – Das ist so wichtig, dass dieser Satz sogar Erlasslage ist. Die IQB-Studien verfolgen nun, wie die von der Kultusministerkonferenz gesetzten Standards in den Ländern erreicht werden: zuletzt in Schleswig-Holstein nicht so dolle. Schüler_innen aus zugewanderten Familien erreichen in allen Kompetenzbereichen im Durchschnitt signifikant geringere Kompetenzen als Schüler_innen ohne Zuwanderungshintergrund. Während sich im Kompetenzbereich Lesen der Abstand zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund in Schleswig-Holstein zwischen 2009 und 2015 verringert hatte, verschlechterten sich Kinder mit Migrationshintergrund von 2015 bis 2022 stark, auch in anderen Bereichen. Es läuft nicht gut im DaZ-Bereich. Deshalb könnte ich verstehen, wenn die Landesregierung zu dem Schluss käme, man müsste die Ansätze überprüfen und evidenzbasiert nach besseren Lösungen suchen. Nicht verstehen kann ich, warum man damit anfängt, konzeptlos Mittel zu streichen, beziehungsweise die durchschnittliche Klassengröße von 16 auf 18 zu erhöhen. Die durchschnittliche Klassengröße im Grundschulbereich liegt bei 21,4 Schüler_innen. Eine DaZ-Klasse ist künftig im Vergleich dazu also nur um 3,4 Schüler_innen weniger stark gefüllt. Damit alle wissen, wovon wir reden: In so einer Klasse kann ein polnisches Akademikerkind, das nachmittags zum Klavierunterricht und zum Hockey geht, möglicherweise neben traumatisierten Kriegsflüchtlingen sitzen und auch neben Kindern, die zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt eine Schule betreten. Es gibt einen zweiten wichtigen Punkt: Eine Sprache lernt, wer sie spricht, wer sie sprechen muss. Das kann zum einen im Unterricht erreicht werden, und zwar umso leichter, je kleiner die Gruppe ist, weil ich dann eher zum Sprechen auffordern kann. Das geht bei Kindern und Jugendlichen aber auch besonders gut außerhalb des Unterrichts, beim Spielen oder in der Freizeit. Deshalb ist es nicht nur für die Integration und das Kennenlernen des deutschen Schulalltags, sondern auch für das Lernen der deutschen Sprache wichtig, dass Kinder aus DaZ-Klassen mit denen aus dem Rest der Schule in Kontakt kommen. Das geht aber nur, wenn der DaZ-Unterricht nicht räumlich getrennt vom restlichen Schulbetrieb stattfindet und wenn es in den Pausen und bei Schulveranstaltungen Kontakte gibt. Gar nicht geht es, wenn die DaZ-Kinder an einem anderen Ort beschult werden und nach der vierten Stunde nach Hause geschickt werden, um sich dann selbst überlassen zu bleiben. Es gibt Schulen in Schleswig-Holstein, an denen das der Fall ist. Ich werde hier keinen öffentlichen in die Pfanne hauen, aber ich würde die Ministerin bitten, dem Hinweis einmal nachzu- (Martin Habersaat) gehen, den Sie ja auch schon einer Kleinen Anfrage entnehmen konnten. Es ist leicht, bei Menschen zu sparen, die nicht das sprachliche Vermögen haben, sich richtig zu wehren, und die nicht einmal Traktoren haben, mit denen sie Autobahnzufahrten blockieren können. Meine Bitte ist: Machen Sie es sich nicht leicht. Setzen Sie sich einmal in so eine DaZ-Klasse, bevor Sie entscheiden, oder, wie ein altes koreanisches Sprichwort sagt: Es ist besser, es einmal zu versuchen, als tausendmal zu hören. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. (Beifall SPD, SSW und vereinzelt FDP)
