Lasse Petersdotter
Sehr geehrte Frau Präsidentin! 2001 hat Deutschland den sogenannten PISA-Schock erlebt. Das erste Mal wurde eine OECD-weite Bildungsstudie mit dem Namen PISA auf den Weg gegeben. Ich bin in diesem Jahr in die Realschule gekommen. Es hat meinen kompletten Bildungsweg geprägt. Plötzlich musste alles standardisiert werden. Plötzlich musste alles irgendwie PISA-konform werden. Alles wurde irgendwie Stück für Stück zum Multiple-ChoiceTest, und PISA stand die ganze Zeit über jedem Schultag. Man kommt in eine Schule hinein und erfährt: Irgendwie ist meine Generation gerade nicht ganz so clever wie die Generation vorher. – Man hatte auch nicht die Datenlage, das wirklich zu beurteilen. Das wusste ich aber erst später. (Christopher Vogt [FDP]: Es gibt Ausnahmen!) Die Lage heute ist dramatisch. Das sehe ich ein. Die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie für Deutschland sind schlechter als die damals 2001. Bis 2012 gab es in Deutschland einen stückweisen Aufstieg bei den PISA-Ergebnissen, und ab 2012 wurde es beständig geringer. Schaut man sich den OECD-Durchschnitt an, entwickelt sich das relativ ähnlich – nur dass der Aufstieg bis 2012 nicht so groß war. Deutschland befindet sich also jetzt bei der PISA-Studie im Mittelfeld des OECD-Durchschnitts. Dazu kann man sagen: Deutschland ist offenbar – das merken wir an dieser Debatte – mit diesen Ergebnissen nicht zufrieden. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Die eine ist, dass die Kopplung an die soziale Herkunft in Deutschland immer noch deutlich überdurchschnittlich ist. Es spielt immer noch eine zu große Rolle, wo jemand herkommt, und keine so große Rolle, wo jemand hin will. Das ist ein Problem unseres Bildungssystems. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU und SSW) Es gibt einen deutlichen Zusammenhang mit den Daten zur Migration. Dass der große Anteil an Migration in den letzten Jahren Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit gerade in Deutsch, gerade in Lesekompetenz hat, ist unbestreitbar. Trotzdem muss man darauf gucken, wie andere Länder damit umgehen. Betrachten wir beispielsweise Kanada, das unbestreitbar ein Einwanderungsland ist, und das seit vielen Jahrzehnten. Davon können wir sehr viel lernen. In der letzten Legislaturperiode ist der Bildungsausschuss nach Kanada gereist. Ich werbe sehr dafür, dass alle noch einmal in ihre Notizen gucken, und zwar gerade unter dem Gesichtspunkt, was man gegebenenfalls von Kanada lernen kann. (Christopher Vogt [FDP]: Du warst gar nicht dabei!) (Lasse Petersdotter) Immerhin haben wir hier auch eine föderale Struktur, die offenbar in einem Einwanderungsland deutlich besser funktioniert. Vielleicht sind es nicht nur Debatten, die in der Bildungspolitik zu führen sind, die zu Verbesserungen und Veränderungen führen können. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Eine weitere Ursache ist unbestreitbar Corona. Das ist aber ein Phänomen, das es in vielen anderen OECD-Staaten genauso gab. Deswegen sage ich auch, dass man sich nicht ganz so stark auf diesen Bereich fokussieren muss. Trotzdem gehört es zur Erklärung der Ergebnisse unbestreitbar dazu. Als ich in die Studie hineingeguckt habe, fand ich noch einmal besonders interessant zu lesen – das soll nicht vorwurfsvoll klingen –: Der Rückzug der Eltern hat gerade für die Ergebnisse bei Mathematik einen großen Einfluss auf die Bildungsbiografie. Ob jemand beispielsweise eine gute Unterstützung des Elternhauses in Mathematik erhält, macht einen Unterschied. Wenn die Eltern in Mathematik gut unterstützen, bleiben die Leistungsergebnisse in aller Regel stabil oder verbessern sich sogar. Ich glaube, auch auf dieses Phänomen müssen wir gucken, weil die Debatte in Deutschland doch sehr häufig so geführt wird: Die Kinder können in der Schule nicht weglaufen, und deswegen soll da einfach alles geklärt werden. So werden wir die Probleme der Gesellschaft in der politischen Bildung, in der gesellschaftlichen Bildung, aber auch in Mathematik, Lesen und Deutsch nicht lösen. Auch Eltern spielen hierbei eine Rolle. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU und Lars Harms [SSW]) Es ist wichtig zu erkennen, dass auch die Leistungsstarken ebenfalls deutlich an Leistung verlieren. Auch die Gymnasiasten haben deutlich an Leistung abgenommen. Hierauf werden wir blicken müssen. Was misst PISA eigentlich? – Diese Frage gehört auch in diese Debatte. PISA testet Kompetenzen, nicht Wissen. PISA macht das im Wesentlichen über Multiple-Choice-Tests, mittlerweile gibt es auch ein paar halboffene Fragen, aber das ist das Testschema, mit dem PISA arbeitet. An den Hochschulen hat es sich durch die Bolognareform mittlerweile sehr durchgesetzt, dass man alles über Multiple-Choice-Tests abprüft. Ich frage mich, ob das immer das Beste ist, aber das sollen andere entscheiden, die es besser wissen werden. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW) Dazu kommt aber: PISA testet viele Dinge nicht, die uns ansonsten auch sehr wichtig sind. (Zuruf Christopher Vogt [FDP]) PISA testet nicht das sprachliche Ausdrucksvermögen, die wirtschaftliche Bildung, die politische Bildung, die Digitalisierung, die Kunst- oder Kulturfähigkeiten eines Kindes, die Bildung in Geografie oder Geschichte. All das spielt für PISA keine Rolle. Ich finde noch einmal wichtig, dies in die Debatte einzubringen, weil allzu häufig die PISA-Ergebnisse damit verbunden werden, dass die Kinder und Jugendlichen in den Schulen scheinbar nicht fit genug wären. Ich glaube, dieser Schluss lässt sich daraus nicht unmittelbar ziehen, so ernst wir die Ergebnisse auch nehmen müssen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Martin Balasus [CDU]) Was können jetzt die Schlussfolgerungen sein? – Klar ist, dass keine kurzfristige Maßnahme unmittelbar helfen wird. Wenn wir sagen, wir möchten Lehrkräfte anders und besser ausbilden, dann hat das immer einen Verzug von sechs Jahren, bis die Leute tatsächlich unter dem neuen System ausgebildet sind. Da ist in den letzten zehn Jahren in Schleswig-Holstein viel passiert, in denen ja alle hier in unterschiedlichen Konstellationen irgendwie regiert haben: sei es die deutlich stärkere Praxisausrichtung im Lehramtsstudium, seien es andere Aspekte im Lehramtsstudium, wie zum Beispiel, dass alle gemeinsam für die unterschiedlichen zwei Schulformen lernen, die wir haben und die beide zum Abitur führen können. Wir haben in den letzten Jahren so viele Lehrkräfte eingestellt wie in Jahrzehnten nicht. Ich glaube, all das muss man dazu sagen. Die kurzfristigen Maßnahmen werden es nicht lösen; die langfristigen wurden auch schon genannt, die Wirksamkeit wird sich zeigen. Da bleibt es richtig, sich auch mit Professor Köller im Ausschuss weiter zu unterhalten, auch wenn er da schon häufig Gast war. Wiederholung bringt ja was. Das Zweite ist: Die Bildungsministerin hat gesagt, der Sozialstaat solle zum sozialen Bildungsstaat werden. Ich finde die Idee gut. Für mich bedeutet das aber auch, dass es eine soziale Bildungspolitik gibt und wir darauf einen Schwerpunkt legen müssen. Das haben wir Ende der letzten und auch in dieser Legislatur mit den PerspektivSchulen und anderen Maßnahmen gemacht. Da ist es natürlich auch richtig, das Startchancen-Programm des Bundes möglichst schnell umzusetzen. (Lasse Petersdotter) Wenn es dann um den Bildungsföderalismus geht, sagen alle schnell: Es kann nicht sein, dass wir einen Flickenteppich haben. – Auch wir Grüne haben die Position, dass der Bildungsföderalismus sich ändern muss. Wir müssen aber auch feststellen, dass es an vielen Stellen oft eine monetäre und nicht immer eine bildungspolitische Position ist. Das hat auch damit zu tun, dass die Länder sich davon erhoffen, dass im Bildungssystem mehr Geld landet, weil sie nicht die Möglichkeiten haben, die finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen und vor allem an den finanziellen Schrauben zu drehen, die es für eine wirkliche Bildungsreform an vielen Stellen bräuchte. Gleichzeitig hätten wir dann ein System für alle, und das werden auch nicht alle wollen. Ich bin gespannt, auf welches wir uns dann einigen. Ist es das aus Nordrhein-Westfalen, das aus Bayern, Sachsen-Anhalt, aus Bremen oder vielleicht doch das schleswig-holsteinische, von dem wir ja zumindest mehrheitlich ganz überzeugt zu sein scheinen? – Darauf muss man dann schauen. Eine gewisse Konkurrenz der Bildungssysteme hat auch den einen oder anderen Vorteil. Gleichwohl brauchen wir eine Reform des Bildungsföderalismus. Dann will ich zum Ende einen letzten Punkt nennen, weil ich den in der Studie – ich hatte in der letzten Woche ein Gespräch mit dem Kinderschutzbund – noch einmal für besonders bedenklich halte: 22 Prozent der Schülerinnen und Schüler geben an, dass sie mit ihrem Leben unzufrieden sind. Das halte ich für ziemlich dramatisch: 22 Prozent sagen, sie sind mit ihrem Leben grundsätzlich nicht zufrieden. Wir müssen in unserer Bildungspolitik auch den Anspruch haben, an dieser Stellschraube etwas zu verändern, damit am Ende selbstbewusste Jugendliche und junge Erwachsene aus den Schulen kommen, die Lust aufs Leben haben, darauf, sich selber etwas aufzubauen und etwas in der Gesellschaft zu verändern, ihren Anteil zu leisten, und die sich das Ganze selbst zutrauen. Auch dieses Ergebnis ist Teil der PISA-Studie, daran werden wir arbeiten müssen. – Vielen Dank. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SSW, Martin Habersaat [SPD] und Beate Raudies [SPD])
