Martin Balasus
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Deutschland, einst Land der Dichter und Denker, berühmt für seinen Erfinder- und Forschergeist. Made in Germany, das war doch mal was. Geschätzt für Tugenden wie Fleiß und Gründlichkeit. Und heute? Nie zuvor haben Schülerinnen und Schüler in der internationalen Leistungsstudie PISA so schlecht abgeschnitten. In Lesen und Mathematik sind es die niedrigsten Werte, die je gemessen wurden. Die 15-Jährigen befinden sich auf dem Mathe-Niveau von 14-Jährigen. Außerdem sind sie demotiviert und sitzen teilweise gelangweilt ihre Zeit ab. Die Konsequenz: Die Nation ist entsetzt, das Selbstbild erschüttert. Kein Wunder; denn PISA ist eine schallende Ohrfeige für das deutsche Bildungssystem. Ich sehe die Gefahr eines Kipppunktes heraufziehen; denn die heute unzureichend gebildeten Jugendlichen werden ihren Kindern noch weniger mitgeben können und diese wiederum ihren Kindern. Eine Überraschung? – Nein. Die schlechten Ergebnisse waren abzusehen. Die Gründe sind schon oft benannt worden: Die monatelangen Corona-Schulschließungen. Sie waren eindeutig ein Fehler. Hinzu kommt der rapide Wandel der Schülerschaft in den vergangenen zehn Jahren. Er zeigt sich zum einen durch immer mehr Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern. Die Zahl der Haushalte, in denen Schülerinnen und Schüler mit weniger als 25 Büchern aufwachsen, hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt. Der Wandel zeigt sich zum anderen durch immer mehr Kinder, bei denen zu Hause kein Deutsch gesprochen wird. 2013 lag der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund bei 13 Prozent, 2022 bei 26 Prozent. Bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit, das Mindestniveau in Mathe nicht zu erreichen, doppelt so hoch wie bei anderen. Doch machen wir uns nichts vor: Der Leistungsrückgang hat bereits vor 2015 eingesetzt. Corona und Migration sind nicht Ursache, sondern Verstärker vorhandener Entwicklungen. Ein Beispiel ist der ungesunde gesellschaftliche Wandel mit der Abkehr von anstrengenden Tugenden wie Leistungsbereitschaft und Fleiß. Weitere Beispiele sind soziale Ungleichheit und überbordender Medienkonsum. Damit nicht genug: Deutschlandweit spitzt sich der Lehrermangel zu, Vertretungsstunden und Schulausfall hinterlassen Spuren, auch bei uns. Im Ausland sieht es auch nicht optimal aus, denn seit dem Start von PISA sind die Lernleistungen weltweit zurückgegangen. Wir haben es also mit einer globalen Bildungskrise zu tun. Also, wir müssen handeln. Aber wie? – Das Ziel ist klar: Wir wollen den Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg durchbrechen, und zwar durch frühes Eingreifen, durch besseren Unterricht und durch bessere Lehrerbildung. (Martin Balasus) (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Außerdem gilt es, die datengestützte Schulentwicklung auszubauen. Nur so können wir nachvollziehen, wo Stärken und wo Schwächen liegen und was wirklich verbessert werden muss. Werden wir konkret. Erstens. Mehr Zeit und Ressourcen für die Basiskompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen. Wenn das Fundament nicht stimmt, wenn Schülerinnen und Schüler nicht vernünftig lesen, schreiben oder rechnen können, dann ist die gesamte schulische, die gesamte Lebensbiografie beeinträchtigt. Wir haben bereits viel getan. Mit unserem Handlungsplan „Basale Kompetenzen“ für die Grundund jetzt auch weiterführenden Schulen steuern wir entschlossen gegen. Mehr Deutsch und Mathe in Klassenstufen 1 und 2, Lernstandserhebung in Klasse 5, Lernstandsdiagnosen in 5 und 6 – natürlich mit anschließender Förderung –, Qualitäts- und Fortbildungsoffensive Deutsch, Weiterentwicklung des DaZ-Unterrichtes sowie mehr Initiativen zur Förderung des Lesens. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Hinzu kommt die Qualitätssteigerung für den Matheunterricht durch QuaMath, damit dieser verstehensorientiert und motivierend für Schülerinnen und Schüler ist und sie in ihren Bann zieht. Und ja, es braucht mehr Initiativen wie QuaMath, und zwar für alle anderen Fächer irgendwie auch. Zweitens. Kollege Lars Harms sagte im letzten Plenum: Wiederholung ist der Schlüssel zum Lernen. (Beifall SSW) Er hat völlig recht. Lerninhalte müssen nicht nur verstanden, sondern durch intensives Wiederholen auch verinnerlicht werden. Das ist vielleicht nicht immer super spannend, wirkt aber wahre Wunder. Geübt werden muss sowohl zu Hause in Form von Hausaufgaben, aber auch in der Schule. Der Unterricht muss so aussehen, dass neben den didaktischen Feuerwerken auch genügend Raum für Üben, Üben, Üben ist. Drittens. Zwar gibt Deutschland vergleichsweise viel Geld für Bildung aus, doch leider nicht immer zielgerichtet. Es muss also klug gesteuert werden. Wir in Schleswig-Holstein helfen fokussiert dort, wo unsere Hilfe am dringendsten gebraucht wird. Ein Gießkannenprinzip ist weder finanzierbar noch wünschenswert. Also stärken wir 62 PerspektivSchulen mit zusätzlichen Lehrkräften, mehr Sozialarbeit, mehr Geld für Fortbildung und Projekte. Dieses Programm wollen und werden wir dank des Startchancen-Programms des Bundes weiter ausbauen, sobald die Bund-Länder-Vereinbarung steht. Außerdem haben wir das Programm „Aufholen nach Corona“ mit Landesmitteln fortgesetzt, als der Bund es beendet hat. Viertens. Der Schlüssel für erfolgreiches Lernen liegt im frühkindlichen Alter. Das haben wir eben bereits gehört. Die Schere geht innerhalb der ersten sechs Lebensjahre auf. Unser Credo ist deshalb: Kinder müssen bei Schuleintritt die deutsche Sprache vernünftig beherrschen. (Beifall CDU) Dazu wird im kommenden Schuljahr eine Viereinhalbjährigen-Untersuchung im Umfeld der PerspektivSchulen eingeführt. Dieses Screening muss mit einer verbindlichen Förderung einhergehen, denn nur so können Erfolge erzielt werden. (Beate Raudies [SPD]: Schlimmer geht’s ja nicht!) Wünschenswert wäre ein langfristiges Ausweiten dieser Sprachstandsdiagnostik auf das ganze Bundesland. Das hat unsere Bildungsministerin Karin Prien bereits mehrfach betont. Aber jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Also lassen Sie uns diesen mit den Perspektiv-Kitas tun. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Fünftens nun eine in manchen Kreisen verpönte Konsequenz: Schluss mit weichgespülter Didaktik. Die Standards sinken, die Zahl der Einser-Abiturienten steigt stetig. Die Folge: Alle sind mehr oder weniger gleich schlecht. Diese missverstandene Gleichheit muss enden. Wir müssen dafür sorgen, dass alle Schulabgänger die deutsche Rechtschreibung und mehr als nur die Grundrechenarten beherrschen. Das Prinzip Leistung muss wieder Einzug in unsere Schulen halten. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Schließlich belegt PISA auch, dass es uns in Deutschland zu wenig gelingt, die Spitzengruppe zu unterstützen. Für die Schule bedeutet das: nicht nur Schwächere fördern, sondern auch Stärkere fordern! Sechstens. Wir müssen uns nüchtern der Erkenntnis stellen: Wir als Politik können noch so viele Lehrerinnen und Lehrer einstellen, wir können unser (Martin Balasus) vorbildliches PerspektivSchul-Programm mit noch so vielen Mitteln ausstatten – all das wird unzureichendes Flickwerk bleiben, wenn die Mentalität, wenn das Mindset der Schülerinnen und Schüler nicht stimmt. Wir müssen deshalb auch die Eltern in die Pflicht nehmen. Sie müssen ebenso mitwirken und das schulische Lernen zu Hause unterstützen. Das System Schule kann nicht alle Defizite aus allen Elternhäusern auffangen. Nur gemeinsam können Erziehung und Bildung eines jungen Menschen gelingen. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) In Schleswig-Holstein sind wir bereits auf einem guten Weg – dank eines weitsichtig geführten Bildungsministeriums und einer Ministerin, die unermüdlich und gründlich arbeitet. Wir haben hier bei uns in Schleswig-Holstein echte Bildungsexpertise, die nicht verwaltet, sondern gestaltet, die weniger vermisst und mehr versteht, die weniger verhindert und mehr ermöglicht. Was wir brauchen, ist Geduld, denn Lehrkräfte müssen erst gewonnen und fortgebildet werden. Es dauert im Schnitt ungefähr sechs Jahre, bis eine Lehrkraft fertig ausgebildet ist. Handlungspläne müssen Wirkung entfalten können. In einer Hinsicht können wir uns an den in PISA so erfolgreichen asiatischen Staaten mit Sicherheit orientieren. Konfuzius sagt: Lernen ist wie das Rudern gegen den Strom; wer aufhört, fällt bald zurück. Wir aber lernen konsequent, entwickeln unser Bildungssystem konsequent weiter. Also: Legen wir uns in die Riemen! – Vielen Dank. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
