Martin Habersaat
Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Zu Beginn meiner Rede habe ich Ihnen eine Frage mitgebracht und möchte Sie vor vier Wahlmöglichkeiten stellen. Ich bitte Sie, sich gedanklich einer Ecke des Saales zuzuordnen: Das Judentum a) ist eine Religionsgemeinschaft, b) ist eine Nation oder ein Volk, c) ist eine Kultur oder d) vereint Menschen, die eine jüdische Mutter haben. – Religionsgemeinschaft, Nation/Volk, Kultur, jüdische Mutter. Haben Sie sich entschieden? Mit dieser Frage fängt eine der Unterrichtseinheiten an, die in der Handreichung „Judentum | Antisemitismus | Israel – Anregungen für den Unterricht in der Sekundarstufe I/II“ vorgeschlagen werden. Ich möchte für diese Handreichung ausdrücklich werben. Mit diesem Einstieg in eine Stunde hätten Sie jede Schülerin und jeden Schüler dazu gebracht, sich Gedanken zu machen, eine Position zu beziehen, und im Optimalfall hätten Sie Interesse geweckt, und sei es auch nur, um herauszufinden, ob denn die Position stimmt, der man sich zugeordnet hat. Im Folgenden würden Sie in den Ecken übrigens erarbeiten können, dass es Argumente für jede dieser vier Positionen gibt. Mit der Diskussion dieser Frage und über sich daraus ergebende Folgefragen wäre der Einstig in eine Unterrichtseinheit gelungen, die viele weitere wichtige Fragen, Haltungen und Zusammenhänge zur Sprache bringt. Unsere Bildungseinrichtungen müssen Orte sein, an denen Kinder und Jugendliche die grundlegenden Werte unserer offenen Gesellschaft erleben. Sie sollen dort erfahren, dass sie ihre eigene Meinung bilden und auch vertreten können, dass sie ernstgenommen und ihnen zugehört wird, dass der Austausch von Meinungen einen Raum für Zweifel und Emotionen lässt und dass Argumente dabei helfen können, Meinungen zu festigen oder zu überdenken. Theoretisch muss jede Meinung überdacht werden können; das ist im demokratischen Diskurs nicht immer so offensichtlich. (Martin Habersaat) Bildungseinrichtungen müssen vermitteln, dass unsere Gesellschaft auf Respekt füreinander aufbaut. Kinder und Jugendliche sollen dort Respekt erfahren und lernen, anderen Respekt entgegenzubringen. Sexismus, Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzungen aller Art fallen nicht unter die Meinungsfreiheit. Sie haben keinen Platz in unserer Gesellschaft und werden zurückgewiesen. Wer Ausgrenzung und Diskriminierung erfährt, muss geschützt werden. Demokratie und Wertebildung sind gesamtgesellschaftliche Aufgaben, die Bildungseinrichtungen nur gemeinsam mit Eltern und in Zusammenarbeit mit außerschulischen Initiativen und Organisationen leisten können. Dazu gehören auch ein breites Angebot von Fortbildungen und Austauschformate für Lehrende. Bei antisemitischen Äußerungen von Schüler_innen müssen Lehrkräfte intervenieren und konsequent einschreiten, indem sie die Äußerungen als antisemitisch benennen, als auf Zuschreibungen oder Phantasmen basierende Fremd- oder Feindbilder widerlegen, ihre Funktion sowie die ihnen zugrunde liegenden Mechanismen offenlegen und sie überdies in den Kontext der Geschichte und Kontinuität des Antisemitismus setzen. Das ist eine richtige Forderung aus der eben von mir zitierten Broschüre; das ist aber auch ein wahnsinnig hoher Anspruch. Äußerungen als antisemitisch benennen? – Ja. Als auf Zuschreibungen oder Phantasmen basierende Fremd- oder Feindbilder widerlegen? – Ja. Ihre Funktion sowie die ihnen zugrundeliegenden Mechanismen offenlegen und überdies in den Kontext der Geschichte und Kontinuität des Antisemitismus setzen. Das ist eine Forderung an Lehrkräfte nicht nur in Deutsch, Politik oder im Geschichtsunterricht, sondern das muss im Zweifel auch auf dem Sportplatz oder in der Kunststunde passieren. Das ist ein wahnsinnig hoher Anspruch, den wir haben müssen, den wir aber auch an uns selbst stellen müssen, denn es ist auch eine Aufgabe für uns alle, wenn uns Antisemitismus im Alltag begegnet. (Anhaltender Beifall ganzes Haus) Um im Bild vom Anfang zu bleiben: Wir alle müssen uns auch hier darüber im Klaren sein, in welcher Ecke wir stehen – bei der Reaktion auf antisemitische Demonstrationen im öffentlichen Raum oder Antisemitismus in Familie und Nachbarschaft. Was wir von unseren Lehrkräften verlangen, sollten wir alle als Gesellschaft zu leisten imstande sein. Aber in welcher Ecke stehen wir jetzt, wenn uns Kinder und Jugendliche mit anerzogenem Antisemitismus begegnen? Natürlich bringen wir niemals Verständnis für Antisemitismus auf. Aber wie ist es mit Verständnis für diese Kinder und Jugendlichen? Wie reagieren wir auf sie? Machen wir Bildungsangebote und bieten ihnen Emanzipationsmöglichkeiten, oder verurteilen wir und schieben ab? Als Juden und andere aus Deutschland flohen, weil sie um ihr Leben fürchteten, fanden sie anderswo auf der Welt oft keine Aufnahme. Der Nachhall auf diesen Umstand ist das Asylrecht in unserem Grundgesetz. In welcher Ecke stehen wir heute, wenn wir das diskutieren? In welcher Ecke stehen wir, wenn wir das Gefühl haben, mit ausländerfeindlichen Anklängen Punkte gegen den politischen Gegner machen zu können? Würden wir denn zum Beispiel hier stehen und beklagen, dass in einer schleswig-holsteinischen Schulklasse kaum noch Deutsch gesprochen wird, oder würden wir uns um besseren DaZ-Unterricht kümmern? (Beifall SPD und SSW) Auch dabei müssen wir uns fragen, in welcher Ecke wir stehen, meine Damen und Herren. Es gibt viel zu tun – und zwar nicht nur für die Schulen. – Vielen Dank für die Aufmerksamkeit! (Beifall ganzes Haus)
