landtag.ltsh.de ↗

Annabell Krämer

21.09.2023 Sitzungen 20/36

Für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN erteile ich nun der Abgeordneten Catharina Nies das Wort. Catharina Johanna Nies [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleg_innen! Was bedeutet es, ohne Deutschsprachkenntnisse in unserem Land zu leben? Es bedeutet, kaum in den Austausch gehen zu können mit Nachbar_innen, abhängig zu sein von Menschen, die übersetzen, Zugänge zum Gesundheitssystem faktisch nicht zu haben und von Dienstleistungen im Regelsystem abgeschnitten zu sein. Es bedeutet, abgeschnitten zu sein von einem Großteil der Gesellschaft. Geflüchtete und über den Familiennachzug zugewanderte Frauen, die kein Deutsch sprechen, stehen zudem meist in einem doppelten Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Ehemann – aufenthaltsrechtlich und sprachlich. Ich will, dass sich das ändert! Ich will, dass der Zugang zu Deutschlernangeboten für alle Menschen verbessert wird, aber vor allem möchte ich, dass mehr Frauen erreicht werden, und zwar vom ersten Tag an. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW und Serpil Midyatli [SPD]) Passen wir also die Angebote konsequent ihren Lebensrealitäten und ihren Tagesstrukturen an. Diese sind, ähnlich wie bei deutschen Frauen, orientiert an Care-Arbeit – entweder hauptsächlich Sorgearbeit für Kinder, Angehörige und Haushalt oder Care-Arbeit kombiniert mit Erwerbstätigkeit. Wir brauchen also Angebote, die damit vereinbar sind, zeitlich und örtlich. Alle an Bord!, unser schleswig-holsteinisches Arbeitsmarktnetz für geflohene Menschen, macht es erfolgreich vor: Dort bietet man seit Anfang 2022 arbeitsmarktbezogene Sprachtrainings an, individuell oder in kleinen Gruppen, virtuell oder in Präsenz, mit kurzen Lerneinheiten von ein bis zwei Stunden und mit niedrigschwelliger Kinderbeaufsichtigung, also sehr flexibel und auch für Menschen in den ländlichen Räumen gut erreichbar. Das ist genau das, was wir überall in SchleswigHolstein benötigen. Deshalb bitten wir das Arbeitsministerium heute, zu prüfen, wie eine Ausweitung dieses guten Angebots aussehen kann. Die Nachfrage zeigt bereits jetzt, dass diese Sprachtrainingangebote überdurchschnittlich gut von Frauen angenommen werden. In Gesprächen wie zum Beispiel mit der VHS in Segeberg wurde deutlich, dass auch Selbstlernkurse eine gute Ergänzung des bestehenden Kurssystems darstellen. Sie sind eine Ergänzung, kein Ersatz, (Catharina Johanna Nies) denn sie eignen sich nur für Menschen, die in der Lage sind, sich eigenständig Lernstoff zu erarbeiten, also in ihrem Heimatland wahrscheinlich schon gut in der Schule waren, eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben. Ein Selbstlernkurs könnte zum Beispiel so aussehen: Jeden Tag ein bis zwei Stunden selbstständig lernen und virtuelle Übungen machen und einmal in der Woche in Präsenz Übungen mit einer Lernbegleitung durchsprechen. Am Ende wird auf die Prüfung hingearbeitet. Das Gute hierbei ist: Wir bräuchten für den Kurs keine ausgebildeten Sprachlehrkräfte, die BAMFzertifiziert sind, sondern Menschen mit pädagogischer und digitaler Kompetenz. Außerdem würden die Kurse weniger kosten und weniger Raumkapazitäten benötigen. Der gesamte Lernstoff der Integrationskurse steht bereits seit einiger Zeit auf dem Portal der Volkshochschulen mit verschiedenen Lerneinheiten zu den einzelnen Sprachniveaus virtuell zur Verfügung und kann einfach genutzt werden. In Zeiten von Fachkräftemangel und einer angespannten Haushaltslage ist das, so finde ich, also ein Volltreffer, und auch erste Erprobungen hier zeigen: Frauen werden überdurchschnittlich von Selbstlernangeboten erreicht. 40 Prozent der zuwandernden Menschen sind Frauen, und sie brauchen einen eigenständigen Zugang zu Frauenärzt_innen, Hebammen, Psychiater_innen, Rechtsanwält_innen und Dienstleistungen jeglicher Art. Deshalb muss ihnen ermöglicht werden, Deutsch vom ersten Tag an hier zu lernen – für ein eigenständiges, unabhängiges Leben, gesellschaftliche Teilhabe und auch, weil sich die Sprachkenntnisse einer Mutter in der Regel unmittelbar auf die Sprache ihrer Kinder auswirkt. Von Sprache hängt einfach alles ab: ihre Mobilität, ihr Zugang zum Gesundheitswesen, ihre Möglichkeiten, sich beruflich zu entwickeln und finanziell auf eigenen Füßen zu stehen, aber auch die Möglichkeit, sich rechtliche Informationen einzuholen. Deshalb müssen die Integrationskurse und auch die überbrückenden EOK-Kurse ausreichend ausgebaut und finanziert werden, und das bestehende System muss um flexible Angebote für weniger mobile Personen – wie Frauen – ergänzt werden. Ein letzter Punkt an die Bundesebene: Sprachkurse müssen endlich allen Menschen uneingeschränkt geöffnet werden. Es würde alle Seiten entlasten und sehr viel Bürokratie abbauen. Das ist der Grund dafür, warum wir dem FDP-Antrag selbstverständlich nicht zustimmen werden, denn Sie haben ausgerechnet diesen Punkt herausgenommen. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Alle Reden von Annabell Krämer Protokoll ↗