Sybilla Nitsch
Geehrte Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Kære kollegaer! Weiterbildung ist ein Thema, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. Das ist kein Wunder in Zeiten des Fachkräftemangels, der sich auch in den nächsten Jahren noch verschärfen wird. Also, es besteht Handlungsbedarf. Auch deshalb hat die EU-Kommission beschlossen, 2023 zum Jahr der Kompetenzen zu machen; denn Demografie, Digitalisierung, die klimapolitische Transformation, Ausbildungslücken und die Dynamik des heutigen Arbeitsmarktes sind eine Herausforderung für viele Länder in Europa. Ein Lösungsansatz kann die Weiterbildung sein. Es gibt Perspektiven und verschiedene Ansätze, zum einen die konkrete Weiterbildung, die bereits erwerbstätige Menschen im Blick hat. Lebenslanges Lernen bedeutet, sich der Dynamik des Arbeitsmarktes anzupassen, um neue Aufgaben meistern zu können. Fachkräfte können ihr Wissen erweitern und in unserer Region und bei den Unternehmen bleiben. Es geht aber auch darum, die Menschen zu erreichen, die eben nicht erwerbstätig sind, und das noch nicht genutzte Potenzial zu erkennen, nicht nur, um unseren Wohlstand zu sichern, sondern auch, um den Menschen Perspektiven aufzuzeigen. Denn auch wenn das Wirtschaftsministerium federführend für die Weiterbildungsstrategie zuständig ist, sehe ich die Menschen, um die es hier geht, nicht als Ressource oder Größe. Das muss man an der Stelle tatsächlich mal festhalten. Aussagen wie, man fördere die „stille Reserve“ oder man möchte sich um das „graue Gold“ kümmern, sind für mich nicht Ausdruck eines guten Menschenbildes; das sind keine Bezeichnungen, die wir als SSW wünschen. (Beifall SSW, vereinzelt SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Es ist wichtig, die Weiterbildung wirtschaftlich zu betrachten, gar keine Frage, aber sie ist auch sozial zu denken. Der vorliegende Antrag zeigt, dass wir es hier mit einem übergreifenden Thema zu tun haben, bei dem die reine Wirtschaftlichkeit eben nicht allein im Vordergrund stehen kann. Genau das zeigen die Schwerpunkte der EU in Bezug auf das Jahr der Kompetenzen. Das muss berücksichtigt werden, sodass die Bedürfnisse der Zielgruppen ermittelt werden und Strategien der Weiterbildung an diese angepasst werden. Eine alleinerziehende Mutter hat natürlich andere Bedürfnisse als ein Rentner oder ein Mann, der aus seinem Heimatland geflüchtet ist. Das Ziel ist jedoch das Gleiche: Wir müssen dafür sorgen, dass mehr Menschen in Ausbildungsberufe kommen und Weiterbildungsangebote annehmen. Da spielen Jugendberufsagenturen eine relevante Rolle, weshalb ich den Fach- und Vernetzungstag der Jugendberufsagenturen im September sehr gut und richtig finde. Genauso muss die duale Ausbildung weiter ausgebaut werden. Nach wie vor gibt es zu wenige Möglichkeiten für Schüler und Schülerinnen, in die Praxis reinzuschnuppern. Der Vorschlag vom SSW, eine landesweite Online-Praktikumsbörse zu schaffen, setzt genau hier an. So können Menschen Praxiserfahrung in Ausbildungsberufen sammeln und einen Einblick in den Beruf bekommen. Wenn wir heute über Weiterbildung sprechen, dann müssen wir auch über Menschen sprechen, die zu uns geflohen sind. Auch sie sind Teil der Debatte. Ich habe nie ganz verstanden, warum Deutschland in Südamerika und Asien Fachkräfte anwerben möchte, wenn wir es noch nicht einmal schaffen, den Menschen hier vor Ort eine berufliche Perspektive zu bieten und sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wenn Menschen zu uns kommen, dann müssen sie ihre Qualifikationen und Fähigkeiten kundgeben, und sie müssen registriert werden, und wir müssen Angebote schaffen, um ihnen den Übergang in einen fremden Arbeitsmarkt so gut wie möglich zu erleichtern. Dazu gehören natürlich Sprachkurse und Möglichkeiten der Weiterbildung. Wir hindern heute Menschen, die schon hier sind, daran, zu arbeiten, aber werben im Ausland um Fachkräfte. Wir müssen doch erst einmal das Potenzial der Menschen hier vor Ort nutzen. (Beifall SSW und Uta Röpcke [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Aber wenn Menschen aus dem Ausland kommen, um hier zu arbeiten – die brauchen wir sicherlich auch –, dann müssen wir eine ganzheitliche Betreuung schaffen. 2546 Schleswig-Holsteinischer (Sybilla Nitsch) Damit komme ich wieder darauf zurück, dass Menschen eben nicht nur Arbeitskraft und Ressource sind. Wir müssen ihnen zum Beispiel auch kulturelle Exkursionen anbieten, eine Demokratiebildung anbieten und auch dafür sorgen, dass sie Teil der Lokalgesellschaft werden. In Dänemark wird das schon so gemacht mit dem Ziel der vollumfänglichen Integration in den Arbeitsmarkt, aber genauso auch in die Gesellschaft. Dass die Koalition in diesem Bereich viel in Richtung „eventuell“, „mal schauen“ und „wir prüfen“ geht, ist schade. Wir müssen Schleswig-Holstein, seinen derzeitigen Bürgerinnen und Bürgern und den Menschen, die neu zu uns kommen, die Möglichkeiten der Ausund Weiterbildung geben, und zwar in dem Bewusstsein, dass Menschen keine Ressource sind, sondern auch soziale Bedürfnisse haben, die genauso erfüllt werden müssen. (Beifall SSW)
