Karin Prien
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Abgeordnete! Bildung ist ein Menschenrecht. Es beginnt mit der Geburt und besteht ein Leben lang. Heute wissen wir bestimmt: In der frühen Kindheit werden die entscheidenden Grundlagen für erfolgreiches, lebenslanges Lernen gelegt. Deshalb richten wir unser Augenmerk noch stärker als bisher auf die enge Zusammenarbeit von Kitas, Grundschulen, Förderzentren, Jugendhilfeträgern und Eltern. Damit gewährleisten wir in diesen Einrichtungen einen gemeinsamen, ganzheitlichen Blick auf das Kind, der durch die Kooperation mit den Eltern einen gelingenden Übergang ermöglicht. Ja, es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen – ein bekannter afrikanischer Sinnspruch –, ganz besonders in den entscheidenden Phasen des Lebens. Übergänge, das wissen wir seit Langem, spielen eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Bildungsbiografien. Meine Damen und Herren, die ernüchternden Ergebnisse der IQB-Bildungsberichterstattung, auch der IGLU-Studie, und die Empfehlungen der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz heben die herausragende Bedeutung des Übergangs von der Kita in die Grundschule hervor. Die Regierungskoalition hat, aufbauend auf diesen wissenschaftlichen Überlegungen, vereinbart, den Übergang zum Wohle der Kinder besser zu gestalten. Ich danke an dieser Stelle meiner Kollegin Aminata Touré und dem gesamten Sozialministerium für die besonders gute Zusammenarbeit. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) In unserem vorgelegten Bericht nehmen wir zunächst eine Bestandsaufnahme vor. Wir berichten über die bestehenden Kooperationen der Grundschulen mit den Kitas sowie weiteren Partnern. Der Bericht informiert unter anderem über die bisherige Praxis der Sprachstandserhebungen und der vorschulischen Sprachförderung. Gemeinsam mit dem Sozial- und dem Gesundheitsministerium werden wir prüfen, wie Entwicklungsdefizite von Kindern noch frühzeitiger erkannt und entsprechende Unterstützungsmaßnahmen – darauf, meine Damen und Herren, kommt es ja an – vor Beginn des Schulbesuchs eingerichtet werden können. Im vierten Quartal dieses Jahres ist ein Fachtag des Bildungs- und des Sozialministeriums zum Thema „Übergang“ geplant. Wir haben einen gemeinsamen Arbeitsprozess aufgesetzt, in dem wir die Kooperationsverträge und den Datenaustausch zwischen den Kitas und den Grundschulen qualitativ und quantitativ betrachten und auswerten. Unser Ziel sind gesetzlich verbindliche Rahmenbedingungen für die bessere Kooperation zwischen Kitas und Grundschulen. Wir werden auch unser erfolgreiches Konzept der PerspektivSchulen weiterentwickeln und die Kindertageseinrichtungen sowie die Jugendhilfe in den betreffenden Sozialräumen stärker einbeziehen. Wir sind uns der veränderten Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen heute sehr bewusst. Ich bin überzeugt: Was die jeweiligen Grundschulen im PerspektivSchul-Programm bewegen, ist auch in anderen Bereichen möglich. Meine Damen und Herren, nach dem Übergang von der Kita in die Grundschule ist der nächste – entscheidende – Bildungsübergang der Wechsel in die weiterführende Schule. Damit den Schülerinnen und Schülern auch dieser Übergang besser gelingt, müssen sie basaler Kompetenzen in den Bereichen Lesen, Rechnen und Schreiben beherrschen. Der IQB-Bildungstrend und die internationale IGLU‑/PIRLS-Studie haben uns gezeigt, dass immer mehr Viertklässlerinnen und Viertklässler deutschlandweit, aber im Übrigen auch OECD-weit, die Mindeststandards nicht erreichen. Deshalb haben wir mit unserem Handlungsplan „Basale Kompetenzen“ auf wissenschaftlicher Basis sehr konkrete Maßnahmen entwickelt, mit denen wir die basalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler wirksamer als bisher fördern können. In 13 Feldern des Handlungsplans, die die gesamte Bildungslaufbahn eines Kindes – angefangen beim Übergang von der Kita in die Grundschule über den Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule bis hin zum Übergang in die berufliche Bildung – erfassen, werden wir uns noch mehr als bisher auf die Grundschule konzentrieren. Zentrale Stellschraube des Handlungsplans an allen Schularten ist die konsequente Einführung einer datengestützten Schulentwicklung. Zu den Maßnahmen an Grundschulen gehören die Erhöhung der täglichen Lesezeit – und damit die Erfüllung einer (Ministerin Karin Prien) Empfehlung der Studienleiter der IGLU-Studie –, die Einführung eines Grundwortschatzes, die Landesstrategie mathe.sh, mit der wir zusätzliche Förderung in Mathe anbieten, die Einführung der App „Mathezeit“, mit der Kinder online Aufgaben jede Woche zur gleichen Zeit bearbeiten können, mehr Unterrichtszeit in den Grundschulen, verpflichtend in Deutsch und Mathematik. Meine Damen und Herren, Sie sehen an dieser Aufzählung, dass es nicht die eine Maßnahme ist, die die Trendwende, die wir uns vorgenommen haben, herbeiführen wird. Es sind viele Stellschrauben, an denen wir drehen müssen, um Neues anzustoßen und Bestehendes zu verbessern, Das ist ein langer Weg, auf dem es großer Ausdauer bedarf. Ich kann Ihnen versichern: Diese Ausdauer haben wir. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ich sage aber auch sehr deutlich: Ohne die Eltern, ohne die Unterstützung der gesamten Gesellschaft werden wir diesen Weg nicht erfolgreich gehen. (Beifall CDU und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Zum Start in die Sommerferien danke ich allen an Schule Beteiligten: den Schulleitungen, den Lehrkräften, den Erzieherinnen und Erziehern, den Schulsozialarbeitern, den Schulpsychologen, den Schulassistenten – allen, die an Schule arbeiten. Es war ein erfolgreiches Schuljahr, das unter schwierigen Bedingungen gemeistert werden musste. Nach diesem Dank gestatte ich mir zum Abschluss, einen Appell an die Eltern, die Großeltern, die Tanten und Onkel, die Patentanten und Patenonkel sowie an die älteren Geschwister zu richten – dabei hoffe ich auf die Unterstützung durch das gesamte Haus –: Schenken Sie den Kindern ein Buch für die Ferien! Gehen Sie in die Bibliotheken. Nutzen Sie den Ferienleseklub in unseren Büchereien! – Lesen ist die zentrale Schlüsselkompetenz für unsere Schülerinnen und Schüler. Es gibt kaum etwas Schöneres, als über ein Buch eine Fantasiewelt zu erschließen. Das ist wirklich etwas Tolles, was man in den Ferien machen kann. Wer viel liest, liest flüssiger. Wer flüssiger liest, liest lieber. Und wer lieber liest, findet einen gelingenden Weg in die Bildungsbiografie. – Vielen Dank. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
