Kristina Herbst
Guten Morgen, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich eröffne die heutige Sitzung. Ich darf Ihnen mitteilen, dass weiterhin kein Abgeordneter, keine Abgeordnete erkrankt ist, auch ist keiner beurlaubt. Ich darf aber mitteilen, dass sich für die Vormittagssitzung Michel Deckmann und Thomas Losse-Müller sowie ganztags Wiebke Zweig für die Teilnahme an der Sitzung entschuldigt haben. Ich werde gleich nach der Gedenkrede die Sitzung für fünf Minuten unterbrechen, dann hat jeder Zeit, sich zu sammeln. Ich möchte Sie bitten, sich von den Plätzen zu erheben. (Die Abgeordneten erheben sich.) Meine Damen und Herren! Gestern ist, kurz nach ihrem 80. Geburtstag, die ehemalige Ministerpräsidentin und Ehrenbürgerin des Landes SchleswigHolstein Heide Simonis verstorben. Geboren 1943 in Bonn, kam Heide Simonis während ihres Studiums nach Schleswig-Holstein. 1967 legte sie in Kiel ihr Examen als Diplom-Volkswirtin ab. Nach einigen Berufsjahren im Ausland ließen sie und ihr Ehemann Udo sich 1972 dauerhaft in Kiel nieder. Hier begann die politische Laufbahn der 1969 in die SPD eingetretenen jungen Frau zunächst als Mitglied der Kieler Ratsversammlung. Anlässlich der Bundestagswahl 1976 erregte Heide Simonis dann erstmals politisches Aufsehen: Gegen starke Konkurrenz erstritt sie sich zunächst die Kandidatur und dann das Direktmandat im Wahlkreis Rendsburg-Eckernförde. Die bis dahin mit 33 Jahren jüngste Bundestagsabgeordnete sorgte zugleich für ein weiteres Novum: Als erste SPD-Parlamentarierin überhaupt zog sie in den Haushaltsausschuss des Bundestags ein. In dem für eine Frau damals noch sehr ungewöhnlichen Betätigungsfeld der Finanzpolitik erwarb sie sich durch ihre Kompetenz, ihre Konfliktbereitschaft und ihre Durchsetzungsstärke schnell den Respekt ihrer fast durchgängig männlichen Kollegen. Und so war es dann folgerichtig, dass Heide Simonis nach dem Regierungswechsel 1988 von Björn Engholm zur Finanzministerin des Landes Schleswig-Holstein berufen wurde. Nach der Landtagswahl 1992 wurde sie dann als direkt gewählte Abgeordnete des Wahlkreises KielOst Mitglied dieses Hauses. Ein Jahr später folgte (Präsidentin Kristina Herbst) der damals bundesweit als sensationell angesehene Aufstieg als Ministerpräsidentin. Björn Engholm musste aufgrund der Spätfolgen der Kieler Affäre zurücktreten, und dann übernahm Heide Simonis ohne zu zögern die Verantwortung für unser Land Schleswig-Holstein. Sie gewann in den folgenden Jahren durch ihre direkte und authentische Art in der Bevölkerung viel verloren gegangenes Vertrauen in die Politik zurück. Nicht zuletzt der persönlichen Popularität von Heide Simonis verdankte ihre Partei die Siege bei den folgenden Landtagswahlen. Dabei setzte Heide Simonis Schwerpunkte bei der zivilen Konversion des Landes nach dem Ende des Kalten Krieges, bei Innovationen in Wissenschaft und Medizin sowie der Ostsee-Kooperation. Überschattet wurden ihre Regierungsjahre von der schwierigen Haushaltslage des Landes. Immer wieder musste Heide Simonis unbequeme und unpopuläre Sparmaßnahmen verantworten. Sie vertrat dabei ihren Kurs unbeirrt, weil sie ihn für den einzig möglichen erachtete. Da sie dies den Bürgerinnen und Bürgern auch glaubwürdig erklären konnte, blieb ihr persönliches Ansehen immer intakt. Meine Damen und Herren, die politische Laufbahn von Heide Simonis endete am 17. März 2005 hier in diesem Saal. Die denkwürdigen Ereignisse dieses Tages werden für immer mit ihrem Namen verbunden bleiben. Aber wir wollen nicht zulassen, dass sie die Erinnerungen an ihre Leistungen und die Verdienste von Heide Simonis in den Hintergrund drängen. Wir gedenken heute der Frau, die durch ihren entschlossenen Weg ein Vorbild für eine ganze Generation von Politikerinnen, aber auch für Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft geworden ist. Darüber hinaus war sie durch ihr konsequentes Handeln immer eine Wegbereiterin für eine gleichberechtigte Gesellschaft. Wir gedenken der Frau, die nach dem Tiefschlag von 2005 ihre Würde gewahrt und sich unter anderem als Vorsitzende von UNICEF Deutschland für Ihre Mitmenschen engagiert hat. Wir gedenken der Frau, die für ihr politisches Wirken 2014 zur Ehrenbürgerin des Landes SchleswigHolstein ernannt wurde – wieder einmal als erste Vertreterin des weiblichen Geschlechts. Meine Damen und Herren, unsere Gedanken sind in diesem Moment bei der Familie von Heide Simonis, insbesondere bei ihrem Ehemann Udo, der sie 56 Jahre lang begleitet hat – bis zuletzt auch durch die schweren Jahre der Krankheit. Im Namen des ganzen Hauses spreche ich der Familie von Heide Simonis unser tief empfundenes Beileid aus. Meine Damen und Herren, Heide Simonis hat sich um unser Land Schleswig-Holstein verdient gemacht. Der Schleswig-Holsteinische Landtag verneigt sich vor ihrem Lebenswerk. Schleswig-Holstein hat mit Heide Simonis eine seiner prägendsten Persönlichkeiten und eine wirklich große Politikerin verloren. Ich bitte Sie nun, im Gedenken an Heide Simonis innezuhalten. – Sie haben sich zu Ehren der Verstorbenen von Ihren Plätzen erhoben. Ich danke Ihnen und unterbreche die Sitzung. (Unterbrechung: 10:08 bis 10:11 Uhr)
