Annabell Krämer
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ibuprofen habe ich zu mir genommen wie Tic-Tacs. – Ich lasse mich nicht mehr operieren, immer das Risiko von inneren Verwachsungen und Organverletzungen, und ich werde sowieso ohne Nachsorge entlassen. – Man lässt mich allein. – Diese Panikattacken, während ich wieder einmal auf den Notarzt wartete: Wird es so lange dauern wie beim letzten Mal? Wird es wieder genauso schlimm? – Dann diese Erleichterung, als ich endlich meine Diagnose erhielt: Ich bilde mir das nicht alles ein. Ich bin nicht wehleidig, es ist nicht meine Psyche, nein: Ich habe eine ernsthafte Krankheit. Diese Zitate und weitere habe ich von Betroffenen gehört. Es gibt viele Betroffene. Über 2 Millionen Frauen in Deutschland leiden an dieser Krankheit, der Endometriose. Viele Betroffene wissen aber gar nichts von ihrer Krankheit und denken, dass ihre Schmerzen normal sind. Dabei handelt es sich um eine chronische Erkrankung, bei der sich Gewebe außerhalb der Gebärmutter ansiedelt. Dieses Gewebe kann sich auf die umliegenden Organe ausbreiten, führt zu erheblichen Schmerzen, zu Unfruchtbarkeit und ganz anderen zusätzlichen und schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen. Viele wissen nicht, dass bei 40 bis 60 Prozent aller ungewollt kinderlosen Frauen eine Endometriose dahintersteckt. Endometriose ist somit nicht eine normale Menstruationsbeschwerde, sondern wirklich eine ernsthafte Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigt. Deswegen bin ich sehr froh, dass wir hier heute zu einem gemeinsamen Antrag gefunden haben und für Schleswig-Holstein eine Strategie fordern, die die Situation der Betroffenen endlich verbessern kann. Frankreich ist übrigens bei diesem Thema schon weiter als wir. Auch Nordrhein-Westfalen hat sich auf den Weg gemacht. In Frankreich wurde bereits im letzten Jahr ein nationaler Plan zum Kampf gegen diese Krankheit vorgestellt. Um die Situation der Frauen, die an Endometriose leiden, zu verbessern, brauchen wir bessere Maßnahmen, in erster Linie aber mehr Forschung. (Vereinzelter Beifall) Die Bundesregierung stellt in diesem Jahr erstmals Geld für die Forschung zur Verfügung. Das begrüße ich wirklich ausdrücklich. Denn es kann nicht sein, dass wir im 21. Jahrhundert so wenig über diese Krankheit wissen, die doch so viele Frauen betrifft. Die Forschung zu einer so verbreiteten Krankheit müssen wir deswegen unbedingt weiter ausbauen. Um die Auswirkungen auf die Lebensqualität der betroffenen Frauen zu minimieren, ist es aber auch maßgeblich, dass diese Krankheit frühzeitig erkannt wird. Umso erschreckender ist es doch, dass die Diagnose dieser weitverbreiteten Krankheit durchschnittlich 7,5 Jahre dauert. Warum ist das so? – Weil die Krankheit nur mittels einer Operation unter Vollnarkose diagnostiziert werden kann. Das wissen die wenigsten. Ich kann nicht einfach hingehen und sagen: „Ich habe Endometriose“, und dann bekomme ich verschreibungspflichtige Schmerzmittel. So geht das leider nicht. Die Frauen müssen sich erst einer OP unterziehen. Ein Grund für die lange Zeit bis zur Diagnose ist, dass es in Deutschland vor allem an spezialisierter Versorgung mangelt. Unser Ziel muss es also sein, die Zeit bis zur Diagnose deutlich zu verkürzen. (Beifall ganzes Haus) Es gibt tatsächlich Gynäkologen, die noch nichts von dieser Krankheit gehört haben und auch nicht in der Lage sind anzuschieben, dass sich Frauen einer Diagnostik unterziehen. Durch einen verstärkten Ausbau der Versorgung können wir für die Betroffenen nicht nur eine schnellere Diagnose, sondern auch eine bessere und schnellere Behandlung der Symptome bieten. Ich spreche hier bewusst von Symptomen, denn Heilung ist aktuell leider noch nicht möglich. Zusätzlich brauchen wir mehr Fachkräfte, die über Erfahrung verfügen, um eine genaue Diagnose zu stellen und eine angemessene Behandlung zu gewährleisten. 2392 Schleswig-Holsteinischer (Annabell Krämer) Ich erwähnte bereits, dass eine Diagnose mit einer OP verbunden ist. Die Kosten für die Diagnose und die Behandlung von Endometriose können sehr hoch sein und werden vielfach von den Betroffenen selbst getragen. Deswegen kann die Einführung einer angemessenen Kostenübernahme durch die Krankenkasse und die Erstattung medizinischer Leistungen einen großen Unterschied im Leben der Betroffenen machen. (Beifall ganzes Haus) Aber seien wir ehrlich: Nur mit genügend ärztlicher Versorgung ist es bei Endometriose nicht getan. Wir müssen das Bewusstsein für diese Krankheit in der Gesellschaft erhöhen. Viele Frauen leiden still vor sich hin, da die Krankheit oft nicht erkannt, gekannt oder auch nicht ernst genommen wird. Dafür brauchen wir eine gezielte Aufklärungskampagne. Es gibt Materialien, sie kosten noch nicht einmal etwas. Die Gesellschaften und Selbsthilfegruppen bieten alles an. Es kann in den Schulen ausgelegt werden. Als ich die Fachkräfte fragte, was sie am dringendsten brauchen, haben sie mir gesagt: Aufklärung. Das Bewusstsein, dass man uns ernst nimmt. Die sprechen gar nicht über medikamentöse Behandlung oder Sonstiges. Das ist natürlich auch wichtig, aber erst einmal: ernst genommen zu werden, dass das Bewusstsein für diese Krankheit bei den Menschen ankommt. (Beifall ganzes Haus) Auch die mit der Endometriose verwandte Krankheit, die Adenomyose, muss bei den Maßnahmen berücksichtigt werden. Ich erwähnte es: Die Endometriose-Vereinigung und andere Selbsthilfegruppen leisten bereits fantastische Arbeit. Die Betroffenen können sich hier austauschen. Deswegen sollte eine landesweite Strategie auch den Punkten des Forderungskatalogs der Endometriose-Vereinigung folgen. Wir sollten uns einig sein: Jede Frau, die daran leidet, hat ein Recht auf angemessene Diagnose, Behandlung und Unterstützung und darauf, ernst genommen zu werden. Ich glaube, dass es überfällig und wichtig ist, dass wir dieses Thema hier heute angehen. Damit machen wir einen guten Aufschlag. Ich denke, wir werden hier gut zusammenarbeiten. Es wird Zeit, dass wir diesen Frauen helfen. – Ich danke für die Unterstützung unseres Antrags. (Beifall ganzes Haus)
