Silke Backsen
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Im Gegensatz zu meinem Kollegen wusste ich nicht, dass ich deutlich mehr Redezeit haben werde. Von daher werde ich wahrscheinlich deutlich schneller fertig sein. (Serpil Midyatli [SPD]: Aber wahrscheinlich mehr sagen!) – Vielen Dank. – Auch ich möchte mich für den Bericht des Ministers bedanken. Vielen Dank auch an meine Kollegin Sandra Redmann, die dieses Thema auf die Tagesordnung gesetzt hat. (Beifall SPD und vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Der Bericht hat deutlich gemacht, und wir haben schon viel davon gehört, wie der Zustand der Natur ist, wie es ihr in diesem Land geht und wie groß der Handlungsbedarf ist. Es ist wirklich gut, dass das hier einmal so deutlich zur Sprache kommt. Weniger gut ist, was die Daten besagen. Der Zustand vieler Arten und der Lebensräume hat sich im Vergleich zum Zeitraum der letzten vollständigen Kartierung gravierend verschlechtert. Allerdings kann diese Erkenntnis niemanden ernsthaft überraschen, und sie ist nicht wirklich neu. Schon im letzten Bericht zur biologischen Vielfalt Anfang Februar war dies nachzulesen. Ich greife einige Fakten heraus: Es gibt insbesondere einen Verlust an wertvollen Offenlandlebensräumen, Niedermooren und Sümpfen, die es früher gegeben hat. Betroffen waren trotz eines lange bestehenden gesetzlichen Schutzes die Heiden, Binnendünen, Trocken- und Magerrasen, aber auch die wertvollen Nassgrünländer sind deutlich seltener geworden. Ich habe deshalb in einer Pressemitteilung eine Beschleunigung beim Artenschutz gefordert, und ich tue dies hier erneut. Aber wir brauchen eben nicht nur Artenschutz. Wir brauchen den Schutz dieser wertvollen Biotope, ganzer Ökosysteme und ein deutlich besseres Biotopverbundsystem. Ich kann jetzt nicht so viel aus dem Nähkästchen plaudern, weil ich noch nicht so lange dabei bin, aber mit unserer Biodiversitätsstrategie in unserem Land haben wir eine sehr gute Grundlage. Wir haben wirklich einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung zum Schutz der Natur unternommen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU) Aus unserer Sicht sind in dieser Strategie sehr konkrete Vorschläge und Maßnahmenkataloge enthalten. Es ist deutlich hinterlegt, wohin es gehen muss. Diese Strategie wurde im Jahr 2021 ja nicht von uns beschlossen, weil wir glaubten, dass alles in bester Ordnung sei, denn bereits im Vorwort heißt es: Die biologische Vielfalt in Schleswig-Holstein ist überwiegend in keinem guten Zustand. Wir haben auch deshalb neue Stellen im Bereich der Umsetzung dieser Strategie beschlossen, und wir sind auch hier auf einem sehr guten Weg. Wir haben all dies entschieden, weil wir uns der Größe der Aufgabe bewusst sind und weil wir wissen, dass wir jetzt handeln müssen. Die Trendwende beim Verlust an Arten und Lebensräumen einzuleiten und 2292 Schleswig-Holsteinischer (Silke Backsen) eine Umkehr zu erreichen, ist allerdings eine Mammutaufgabe. Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, es ist im Bericht klar zu erkennen, dass gerade die Biotope stark zugenommen haben, die für den Erhalt der Artenvielfalt kaum von Wert sind wie zum Beispiel Nadelforste oder Intensivgrünland. Es finden also Prozesse statt, die den Zielen unserer landesweiten Strategie entgegenlaufen, und diese müssen wir jetzt gemeinsam stoppen und umkehren. Es zeigt sich eben auch, dass gerade nährstoffarme Standorte und daran angepasste Pflanzenarten flächendeckend in der Existenz bedroht sind. Es gibt also viele Faktoren, die auch in unserem Land die Quantität und die Qualität der Biotope beeinflussen. Wir haben es gerade eben schon von vielen Seiten gehört: Zu nennen sind die Landnutzung, die Landbewirtschaftung, der Flächenverbrauch, Mobilität und Wohnen. Es ist eine große gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe, da wir alle unsere Umwelt gestalten und in ihr leben. Es gibt viele Bereiche, die wir landespolitisch nicht direkt beeinflussen können, zum Beispiel die EUAgrarpolitik, auf die wir für unsere Biodiversität nicht direkt zugreifen können. Die vielfach bestehenden Nutzungskonflikte und die immer weiter die Natur zurückdrängenden Raumansprüche räumen wir damit auch nicht aus dem Weg, aber ich schließe mich an: Es hilft nichts, immer nur auf alle anderen zu zeigen. Mir ist es wichtig zu sagen: Für einen wirksamen Schutz der Natur braucht es – wie auch beim Klimaschutz – gesellschaftliche Mehrheiten. Es ist wichtig, dass möglichst viele Menschen sagen: Der Schutz der Natur hat für uns höchste Priorität. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU) Ich bin es ein bisschen leid, und wir wollen nicht immer wieder diese Krisen miteinander vergleichen und sagen: Nutzungen müssen wir gegeneinander abwägen – Landwirtschaft versus Naturschutz, Biodiversität versus Klima. Nein, Biodiversitätskrise und Klimakrise müssen zusammen betrachtet und auch zusammen eingedämmt werden. Die Landwirtschaft wird auf Dauer nur mit dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen eine Zukunft haben. Andererseits gibt es auch Lebensräume und Arten, die es nur deshalb gibt, weil wir Land bewirtschaften. Es hängt eben einfach alles zusammen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Cornelia Schmachtenberg [CDU]) Die Fakten liegen jetzt auf dem Tisch, und es muss gehandelt werden; auch in finanziell schwierigen Zeiten. Wir können es uns schlichtweg nicht anders erlauben, denn wir sind alle auf intakte und gesunde Ökosysteme angewiesen. Der Naturschutz ist die Lösung und nicht das Problem, denn ohne Natur gibt es keine Nahrungsgrundlage. Lassen Sie uns also alle gemeinsam daran arbeiten, um unseren Kindern eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. – Vielen Dank. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU)
