Karin Prien
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es ist schon gesagt worden – wenn auch in einer besonderen Konnotation –, dass das Lehramt einer der schönsten Berufe darstellt. Ich kann das nur unterschreiben. Es ist vor allem – um jetzt etwas ernster zu werden – eine verantwortungsvolle und sinnstiftende Tätigkeit. Kinder und Jugendliche auf einem entscheidenden Teil ihres Lebensweges zu begleiten, sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen und ihre Begeisterung zu wecken, das ist sehr erfüllend und mit der Erfahrung von Selbstwirksamkeit verbunden. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Jetzt muss ich allen, die hier heute wieder einmal ein Schreckensbild gezeichnet haben, die Zahlen vor Augen führen. Entgegen dem Bundestrend ist die Zahl der Studienanfänger in den Lehramtsfächern in Schleswig-Holstein seit 2012 sukzessive deutlich gestiegen. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Es ist nicht wahr, was Sie hier immer erzählen. Es ist nicht so, dass wir immer weniger Lehramtsstu- (Ministerin Karin Prien) dierende haben, sondern wir haben laufend steigende Zahlen. (Christopher Vogt [FDP]: In welchen Fächern?) – Darauf komme ich gleich; wir haben ein Problem bei Fächern und Schularten, aber wir haben nach wie vor eine große Begeisterung junger Menschen, die unsere weiterführenden Schulen verlassen, Lehrerin oder Lehrer zu werden. Im Wintersemester 2022/2023 haben wir 75 Prozent mehr Lehramtsstudierende als noch vor zehn Jahren. Herr Habersaat, da können Sie nicht von rückläufigen Zahlen bei den Lehramtsstudierenden sprechen. (Wortmeldung Martin Habersaat [SPD]) – Ich würde gern fortfahren. (Martin Habersaat [SPD]: Ja, genau!) Meine Damen und Herren, wir haben in Schleswig-Holstein auch im Vorbereitungsdienst steigende Zahlen und nicht sinkende Zahlen. 2023 haben wir 957 Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst, 2021 waren es noch 892. Ich bin sehr froh, dass es uns gelingt, auch hier die Zahlen weiter zu steigern. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir sind in Schleswig-Holstein in der glücklichen Lage, dass wir zunehmend mehr grundständig ausgebildete Lehrkräfte haben, die wir in den Vorbereitungsdienst aufnehmen können, und deshalb nicht auf Quer- und Seiteneinsteiger zurückgreifen müssen. Ich finde das eine positive Entwicklung und bin stolz darauf, dass wir das in Schleswig-Holstein geschafft haben. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Meine Damen und Herren, wir haben inzwischen rund 170 ukrainische Unterstützungslehrkräfte bei uns im Dienst, 20 davon haben sich beworben, um an einer Sondermaßnahme teilzunehmen. Ich hoffe, es werden noch mehr. Auch hier werden wir zusätzliche Lehrkräfte in für uns wichtigen Fächern gewinnen können, damit sie bei uns im Schuldienst dauerhaft beschäftigt werden können. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ich will noch einen obendrauf setzen. Manche von Ihnen waren ja bei der Fachtagung zum Thema Lehrkräftebildung, die wir Anfang des Monats durchgeführt haben. Frau Professor Klusmann vom IPN hat uns dort wichtige Dinge zum Lehrerberuf berichtet: 90 Prozent aller aktiven Lehrkräfte würden ihren Beruf wieder wählen. Solche Zahlen finden Sie in so gut wie keinem anderen Beruf. Es gibt wirklich viel zu tun – das ist gar keine Frage –, und zwar in allen drei Phasen der Lehrerbildung. Aber hier so ein düsteres Bild zu malen, ist der Lage nicht angemessen. Das trägt leider auch dazu bei, dass sich Lehrkräfte, die so dringend gesellschaftliche Anerkennung brauchen, immer wieder fragen müssen, warum das in der Öffentlichkeit so wahrgenommen wird. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ja, es gibt viel zu tun, und zwar in allen drei Phasen der Lehrerbildung, auch deshalb, weil sich Schule so stark verändert, und Schule verändert sich so stark, weil sich Gesellschaft so stark verändert. Darauf ist bereits hingewiesen worden. Die zunehmende Heterogenität der Schülerschaft ist für viele in der Praxis – der Praxisschock ist beschrieben worden – eine große Herausforderung. Da ist ein hohes Maß an Resilienz gefragt. Ich bin deshalb offensichtlich mit Ihnen allen der Meinung: Wir müssen mehr tun, um junge Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst und danach besser zu unterstützen, Herr Habersaat. Meine Damen und Herren, insofern sind wir – das haben Sie zu Recht angemerkt – auf allen Ebenen, in allen Phasen dabei, weitere Schritte zu gehen. Herr Vogt, die Allianz für Lehrkräftebildung beschäftigt sich mit allen drei Phasen der Lehrerbildung. Wir werden vor der Sommerpause ein weiteres Paket vorlegen und dann die Gelegenheit haben, das im Bildungsausschuss zu vertiefen. Jetzt aber zum Antrag. Ich bin der Koalition dankbar, dass sie uns wichtige Hinweise gegeben hat. Ja, natürlich arbeiten wir bereits an einer Neufassung der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung – diese soll zum 1. Februar 2024 in Kraft treten –, weil auch wir der Auffassung sind, dass wir hier Handlungsbedarf haben. Der Handlungsbedarf ergibt sich natürlich auch aus den Rückmeldungen der Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst; Herr Krüger hat darauf hingewiesen. Natürlich hören auch wir die Rückmeldungen, und deshalb handeln wir auch. Frau Nitsch, die Ausbildungsberatung ist noch notwendiger als bisher, weil sich die Situation verändert hat. Die Coronazeit hat auch etwas mit jungen Studierenden und den jetzigen Lehrkräften in Aus- (Ministerin Karin Prien) bildung gemacht. Sie ist für viele eine wirkliche Zäsur gewesen. Deshalb haben wir bereits angefangen, zusätzliche Beratung infolge von Corona zu machen. Wir wollen das verstetigen, weil wir glauben, dass das auch über die Post-Corona-Zeit hinaus wichtig ist. Auch das Bedürfnis nach einer veränderten Rückmeldung haben wir zur Kenntnis genommen. Wenn so etwas an uns herangetragen wird, nicht nur von Einzelnen, dann reagieren wir selbstverständlich darauf, denn ich möchte, dass so viele junge Menschen wie möglich, die sich für diesen tollen Beruf entscheiden, am Ende tatsächlich in den Schulen ankommen. Es ist mein Interesse, dass wir möglichst viele von ihnen für den Schuldienst in Schleswig-Holstein gewinnen können. Meine Damen und Herren, insofern ziehen wir da an einem Strang. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Wir arbeiten an einem Leitfaden zu den Bewertungskriterien, um da mehr Transparenz hineinzubringen und mehr Standardisierung im ganzen Land hinzukriegen. Auch das ist ja eine Frage: Ist die Situation im Herzogtum Lauenburg genauso wie in Nordfriesland? Auch da müssen wir etwas tun, damit das gewährleistet ist. Der Runde Tisch ist angesprochen worden. Ich habe darauf hingewiesen, dass wir infolge der Coronapandemie schulartbezogene Reflexionsseminare durchführen, damit die jungen Lehrkräfte besser in den Beruf kommen. Wir arbeiten hier mit einem Forschungsprojekt der Leuphana Universität Lüneburg mit dem Titel „Gelassen im Referendariat“ zusammen. Dieses Projekt ist sehr gut geeignet, Onlinetraining durchzuführen, das wir gemeinsam konzipieren. Meine Damen und Herren, ich will einen anderen Punkt nennen und – weil ich meine Redezeit bereits überzogen habe – auf Details verzichten. – Herr Habersaat, Frau Nitsch, wir werden eine grundlegende Reform der Lehrerausbildung in allen drei Phasen brauchen. Was wir jetzt tun, sind Übergangsmaßnahmen. Wir werden grundlegend an die Fragen herangehen. Wir werden in drei Wochen das Gutachten des Wissenschaftsrats zur Reform der Mathematiklehrerausbildung bekommen. Der wird uns vorschlagen, die Lehrerbildung vom Kopf auf die Füße zu stellen, alle drei Phasen zu integrieren. Da wird es um viel mehr gehen. (Christopher Vogt [FDP]: Warum dann dieser Antrag?) – Herr Vogt, Sie wissen genau, wie lange wir brauchen, um neue Studiengänge zu akkreditieren; das brauche ich Ihnen als Wissenschaftspolitiker nicht zu erklären. Deshalb brauchen wir jetzt für die Übergangszeit begleitende Maßnahmen. Ich lade Sie herzlich dazu ein: Lassen Sie uns infolge des Gutachtens des Wissenschaftsrats grundlegend in die Debatte über die Reform der Lehrerausbildung gehen. Es geht um Dualisierung der Lehrerausbildung, es geht um Integration aller drei Phasen. Ich glaube, da können wir zusammen etwas richtig Gutes auf die Beine stellen. Dazu lade ich Sie ein, und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
