Sophia Schiebe
Sehr geehrte Landtagspräsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Dienstagmorgen gegen halb acht auf der Zugstrecke zwischen Lübeck und Kiel – der Zug hält, der nächste Halt steht an, die Türen gehen auf: 30 kleine Füße tapsen unbedarft in den Zug. Glückliche Gesichter sind zu sehen, denn heute wird Zug gefahren. Alle sind gut zu erkennen mit ihren orangenen Warnwesten. Der Name „Kita Rasselbande“ steht mit großen Buchstaben darauf. Schnell sollen alle einen Platz finden, doch das ist gar nicht so leicht, schließlich wollen alle am Fenster sitzen. Man will bloß nichts verpassen; vielleicht sind ja spannende Tiere zu sehen. Zum Glück finden alle Platz. Die Türen schließen, und der Zug setzt zur Weiterfahrt an. Ein Mädchen ruft vor lauter Vorfreude: Der Zug fährt los! – Sie ist ganz aufgeregt. Freude bricht in der ganzen Gruppe aus. Endlich geht die Fahrt los. Die leuchtenden Augen der Kinder sind unschwer zu erkennen. Für manche Kinder scheint es die erste Zugfahrt zu sein. In den Gesichtern der anderen Passagiere ist ein Lächeln zu erkennen. Viele erinnern sich wahrscheinlich gerade an ihre eigene Kitazeit und die Erlebnisse, die sie dort gemacht haben. Ich selber habe eine Kitabiografie durchlaufen: Krippe, Kita, Hort. Von meinem ersten Lebensjahr bis zum Ende der dritten Klasse prägten diese Einrichtungen meinen Alltag und meine Entwicklung. Erste Freundschaften wurden geschlossen. Meine Kitaclique bestand aus Antje, Sören, Christoph und Mathias. Sören ist mein Cousin, und durch das enge Aufwachsen, auch in der Kita, sind wir beide heute eher wie Geschwister. Christoph war mein erster Freund, und wir spielten freitags auf dem Kitaspielplatz immer Hochzeit. Leider hielt die Liebe nicht für ewig. Mit Antje spielte ich später beim TSG Wittenburg Handball. (Unruhe SSW) (Sophia Schiebe) Wir waren ein gut eingespieltes Duo im rechten Rückraum. Und mit Mathias teilte ich mir in der Oberstufe die Sitzbank im Deutsch-Leistungskurs. Alles fand den Ursprung in meiner Kitazeit. Unsere Kindertageseinrichtungen tragen entscheidend dazu bei, dass Kinder lernen, mit anderen Kindern umzugehen, wie es ist, sich mal zu streiten und sich dann natürlich auch wieder zu vertragen. Sie lernen zu verstehen, dass man auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht nehmen muss und es vollkommen okay ist, wenn jemand anderes einmal mit meinen Sachen spielt. Man baut zusammen Höhlen und bastelt gemeinsam etwas für Mama und Papa zu Hause. Auch ich habe in der Kita gebastelt. Die Ergebnisse waren nicht immer schön, gefreut wurde sich trotzdem darüber, wenn ich sie verschenkt habe. Und da kommt noch ein weiterer Aspekt dazu: Meine Kitaerzieherin erkannte als Erste, dass ich Linkshänderin bin, und bat meine Eltern, entsprechendes Material zu besorgen. Förderung der Grobund Feinmotorik, Verbesserung der Sprachkenntnisse, Erkennung von Lernbeeinträchtigungen – all das findet jeden Tag in unseren Kindertagesstätten statt und hat folglich einen entscheidenden Einfluss auf unsere weitere Entwicklung. Wir wissen längst: Laut PISA verbessert sich die Lesekompetenz, wenn Kinder ein Jahr eine Kita besucht haben. Die OECD-Studie verweist darauf, dass der Bildungserfolg nach wie vor von den Eltern abhängt, und die IQB-Bildungsstudie hat uns jüngst vor Augen geführt, dass unsere Kinder bessere Sprachkompetenzen brauchen. Also was ist für uns die Schlussfolgerung daraus? – Aus meiner eigenen Biografie und den Studien ganz klar bessere frühkindliche Bildung für alle. Das heißt für meine Fraktion und mich: Wir brauchen kostenlose Bildung für alle, von der Kita bis zum Meister oder Master. (Beifall SPD und Christian Dirschauer [SSW]) Nehmen wir einmal eine durchschnittliche schleswig-holsteinische Familie in den Blick. Beide Eltern sind berufstätig. Die Frau arbeitet sehr wahrscheinlich in Teilzeit, denn ein voller Kitaplatz bedeutet trotzdem, dass es Zeit kostet, die Kinder zur Kita zu bringen, sie abzuholen, und dann ist da ja auch noch der Weg zur Arbeit. Sie haben höchstwahrscheinlich zwei Kinder; eines ist frisch in die Krippe gekommen, das andere besucht bereits die Kita. Eine entsprechend größere Wohnung finden sie in den Innenstädten der Städte kaum noch. Sie wohnen wahrscheinlich am Rande der Stadt oder ziehen auf das Land. Zwei Autos werden (20. WP) – 29. Sitzung (neu) – Mittwoch, 14. Juni 2023 wahrscheinlich vonnöten sein. Die Inflation sorgt für steigende Lebensmittelpreise, und die Kinder wachsen ständig. Neue Kleidung muss also her. Eine Mutter rechnete mir ihre monatlichen Ausgaben einmal direkt vor. Sie erhält 1.690 Euro netto. Zieht man die üblichen Kosten ab, berücksichtigt die staatlichen Zuschüsse und rechnet mit ein, dass beide Kinder eine Kita besuchen – nicht zu vergessen, dass es hier nicht nur um die Beitragskosten, sondern auch um die Verpflegungskosten geht –, bleiben der Mutter am Ende 390 Euro, und das für 30 Stunden Arbeit in der Woche. Eine traurige Bilanz! Als Politik sollten wir das nicht einfach so stehen lassen. Von der aktuellen Sozialermäßigung erhält die Familie im Übrigen 19 Euro. Die Mutter habe schon mehrmals überlegt, ihren Job an den Nagel zu hängen, weil er sich einfach kaum lohnt. Doch sie möchte ihren Kindern ein Vorbild sein, zeigen, wie wichtig das Erwerbsleben für die eigene Biografie ist. Die Mutter vergleicht sich mit den Müttern in den anderen Bundesländern. Jene können ihren Kindern vom Kindergeld einen Ausflug ermöglichen oder mal etwas Schönes kaufen. Mit ihrem Kindergeld bezahlt sie die Kita, und das reicht noch nicht einmal aus. Wir wollen eine gleichberechtigte Gesellschaft von Mann und Frau und dass jedes Kind gleichwertig aufwachsen kann. Die Kita ist hier ein Dreh- und Angelpunkt. Wir müssen unseren Kitas also endlich die entsprechende politische Bedeutung zukommen lassen. Diese haben sie schließlich auch verdient. In Großbritannien profitieren die Familien seit 2017 von 15 bis 30 Stunden kostenloser Kinderbetreuung pro Woche. Je nach Einkommen übernehmen die lokalen Behörden in Dänemark zwischen 70 und 100 Prozent der Kitakosten, und in Italien hilft der Bonus Asilo Nido, die Betreuungskosten zu senken. Wie geht es weiter mit den Kitagebühren in Schleswig-Holstein? – Den Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteinern kann ich nur eines antworten: Es tut mir leid, ich habe keine Ahnung, die Regierung gibt darauf keine Antwort. Wir können uns jetzt gern wieder im Kreis drehen. Die regierungstragenden Fraktionen sagen, die SPD fordere einfach nur wahllos irgendwelche Summen, ohne eine Gegenfinanzierung vorzulegen. Dabei wissen Sie genau, dass meine Kollegin Beate Raudies im Zuge der letzten Haushaltsdebatten einen genauen Finanzierungsvorschlag einreichte, welcher selbstverständlich auch eine Gegenfinanzierung vorsah. Aber wer sind wir schon? Schließ- (Sophia Schiebe) lich beweisen Sie aktuell, wie gut Sie mit dem Haushalt umgehen können. (Beifall SPD und Dr. Heiner Garg [FDP]) Wir können durchaus verstehen, dass eine beitragsfreie Kita nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann. Aber wo ist die Strategie? Wo sind die nächsten Schritte? Die Eltern in Schleswig-Holstein würden schon gern wissen, worauf sie sich in den kommenden Jahren finanziell einstellen müssen. (Beifall SPD, SSW und Dr. Bernd Buchholz [FDP]) Einfach auf eine kurzzeitige Erhebung der Sozialstaffel zu setzen, von der Sie selbst gar nicht richtig wissen, wie sie wirkt, reicht da einfach nicht aus. (Beifall SPD, FDP und SSW) Und eine kleine Fußnote am Rande: Als Sozialdemokratin bin ich übrigens bislang immer davon ausgegangen, dass Tarifanpassungen, auf die man sich geeinigt hat, übernommen werden. (Beifall SPD, FDP und SSW) Anscheinend muss man sich jetzt schon darüber freuen. Anders kann ich mir das ständige Hochhalten und fast schon Feiern dessen überhaupt nicht erklären. Wahrscheinlich werden all unsere derzeitigen Fragen, auch was die Fachkräfteinitiative angeht, nach der Evaluation geklärt. Mein Gefühl sagt mir aktuell aber etwas anderes, und zwar, dass wir den nächsten Monat wieder das Kindertagesförderungsgesetz behandeln. Ein Schelm, wer dabei denkt, dass es doch nicht so ein gelungenes Gesetz ist. (Beifall SPD, Dr. Bernd Buchholz [FDP] und Christian Dirschauer [SSW])
