Dirk Kock-Rohwer
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mehr als 50 Millionen Menschen in der Europäischen Union gehören einer Minderheit an. Das sind mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung der EU und mehr als fünfzehnmal so viele Menschen, wie in Schleswig-Holstein zu Hause sind. Minderheiten, das sind nicht einfach nur Randerscheinungen in unserer Gesellschaft; sie sind ein wesentlicher Bestandteil unserer kulturellen Identität. Wir hier im Land wissen das nur zu gut. In Schleswig-Holstein können wir neben Hochdeutsch Friesisch, Dänisch, Plattdeutsch und Romanes hören. In unserem Land leben drei anerkannte nationale Minderheiten, und wir tun viel für die Förderung, den Erhalt und die Beteiligung dieser am gesellschaftlichen Leben. Dass wir das tun, ist richtig so. Bei allen guten Bemühungen müssen wir dennoch wachsam sein, nämlich gerade dann, wenn es um den Schutz von Minderheiten und die Förderung derer Sprachen geht. Laut dem UNESCO World Atlas of Languages existieren in der Europäischen Union 128 Sprachen, die als bedroht gelten, und das trotz aller bisherigen Bemühungen. Erkennen wir die Bedeutung von Sprache nicht nur für die gesellschaftliche Teilhabe, sondern als integralen Bestandteil unserer kulturellen Identität an und bedenken wir, dass zu jeder Sprache immer auch Menschen und Gemeinschaften gehören, die diese (20. WP) – 29. Sitzung (neu) – Mittwoch, 14. Juni 2023 als Teil ihrer Identität erleben, dann besteht hier nach wie vor dringender Handlungsbedarf. Aus diesem Grund befürworte ich klar die Aufnahme autochthoner Minderheiten in das Grundgesetz. Es ist nur konsequent, dies als Schleswig-Holsteiner zu fordern, leben doch – wie bereits erwähnt – drei der vier anerkannten autochthonen Minderheiten mitten unter uns als fester Bestandteil unserer Gesellschaft. (Vereinzelter Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU und SSW) Genau aus diesem Grund muss deren Schutz auch im Grundgesetz verankert werden, denn nicht zuletzt ist es unsere Identität, die dieses Gesetz schützt. Leve Lüüd, wi dörvt nich vergeten, dat wi bit 1864 ok hier in Kiel to dat Königriek Dänemark hört hebbt. (Zuruf Lars Harms [SSW]) Aver al domals hett dat bi uns verschedene Spraken geven. Plattdüütsch hebbt se meist all schnackt, blots de rieken und klogen Lüüd hebbt Hoochdüütsch schnackt. Hüüt sünd wi all en beten klöger worrn un kunnt ok all tosamen Hoochdüütsch. (Heiterkeit CDU) Aver wi schullt dat Plattdüütsche nich vergeten, denn dat höört ok to unse Identität, jüstso as Freesch an de Westküst un Däänsch in de nöördliche Landsdelen. (Beifall ganzes Haus) Un dorüm geiht dat ok in de Scholen; wi nennt dat „Wissensvermittlung“, un de Spraken vun de Minnerheiten dörvt hier nich vergeten warrn. Un deshalb beantraag ik hier Ausschussüberweisung för düssen Andrag. (Heiterkeit CDU) Liebe Kolleginnen und Kollegen, als Land müssen wir weiterhin Vorbild sein. Nehmen wir das Beispiel Dänisch. Dänisch ist für uns keine Fremdsprache, sondern per Definition eine Nachbarsprache, denn Däninnen und Dänen sind unsere Nachbarinnen und Nachbarn, und die dänische Minderheit ist ein integrierter Bestandteil unserer Geschichte und unserer Gegenwart. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU, SPD und SSW) So besuchen mehr als 5.500 Schülerinnen und Schüler die insgesamt 40 dänischen Schulen im (Dirk Kock-Rohwer) Land, und viele andere lernen in Schule, Studium oder Beruf Dänisch. Das müssen wir als Land weiter fördern und unterstützen – durch die entsprechenden Materialien, durch Angebote und Partnerschaften. Denn wie wir auf Fehmarn beobachten können, wachsen wir weiter zusammen, wirtschaftlich, aber auch kulturell und sozial. Aus diesem Grund müssen wir gerade auch den Austausch junger Menschen weiter unterstützen, denn gerade hier liegt die Zukunft unserer Region. Wir wollen eine Region sein, die eine Grenze nicht als Abgrenzung, sondern vielmehr als Verbindung, als Chance begreift. Sprache kann hier wie kaum etwas anderes helfen, den Horizont zu erweitern und bestehende Barrieren abzubauen. (Vereinzelter Beifall) Wir sprechen unter diesem Tagesordnungspunkt heute zu verschiedenen Anträgen und Berichten. Es gibt allerdings einen zentralen gemeinsamen Nenner: Wir wollen ein Land der Vielstimmigkeit sein, das seine Vielfalt fördert und nutzt. Dazu gehört nicht nur der bedingungslose Schutz von Minderheiten, sondern auch die Förderung von deren Kultur und Sprache. Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist die Richtung, in die wir gehen wollen. – Mange tak. (Beifall ganzes Haus)
