Malte Krüger
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Herzlichen Glückwunsch zur ersten Rede. Das ist lustigerweise die gleiche Aussage, die ich von einem Schulleiter an einer Schule, an der ich in Steinburg war, gehört habe. Von daher haben wir anscheinend ähnlich tickende Schulleiter. (Zurufe und Heiterkeit) Herr Vogt, Sie haben in Ihrer Rede von „Alarmglocken“ gesprochen. Bis dahin konnte ich Ihnen eigentlich gut folgen. Wir haben aber noch eine Menge Herausforderungen vor uns und haben noch einige Dinge, die wir in dieser Legislatur sicherlich be- (Malte Krüger) wegen wollen. Was wir eben nicht machen dürfen, ist, in Panik zu verfallen. (Christopher Vogt [FDP]: Hab ich auch nicht gesagt!) Wir müssen da kontinuierlich weitermachen. Den Weg will Schwarz-Grün gehen. (Christopher Vogt [FDP]: Man sollte bei einer Alarmglocke nie in Panik verfallen!) 2.012 Schülerinnen haben in Schleswig-Holstein im Jahr 2021 die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. Das entspricht einem Anteil von 7,4 Prozent. Das sind zwar weniger als in den drei Jahren davor, aber natürlich immer noch zu viele. Spricht man bei diesen Schülerinnen und Schülern aber nun pauschal von sogenannten Schulabbrechern, so würde dies viel zu kurz greifen. Da sind wir ja auch einer Meinung. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU und Jette Waldinger-Thiering [SSW]) Denn nur ein Teil von ihnen geht ohne Abschluss. Ein anderer Teil macht einen Förderschulabschluss. 2018 waren diese Teile etwa gleich groß. In der Debatte heute schauen wir uns beide Teile an, denn wir müssen und wollen für beide etwas tun. Zu den Maßnahmen, wie wir mehr Menschen zum Ersten allgemeinbildenden Schulabschluss, dem ESA, führen wollen, hat die Ministerin schon einiges gesagt. Das PerspektivSchul-Programm ist, wie bereits gestern deutlich wurde, ein beispielhafter Ansatz für ein besseres Schul- und Lernklima. Auch wenn nur einzelne Schulen direkt im Programm beteiligt sind, könnten wir von ihnen, ihren Lösungen und den Ergebnissen der wissenschaftlichen Begleitung viel für andere Schulen lernen. Was tun wir also? – Man kann es nicht oft genug betonen: Bildungserfolg, das zeigen alle Studien, hängt zuallererst von den Lehrkräften ab. Wir brauchen genug Lehrkräfte, und wir müssen sie gut ausund fortbilden, gerade mit Blick auf Unterstützung für Schülerinnen und Schüler, denen das Lernen, aus welchen Gründen auch immer – es gibt zahlreiche –, schwerer fällt. Unsere Anstrengungen hierzu finden sich im Handlungsplan Lehrkräftegewinnung, den wir noch in diesem Jahr fortschreiben werden. Dort, wo Lehrkräfte aber nicht die Zeit haben, allen Schülerinnen und Schülern bei allen Herausforderungen bestmöglich zur Seite zu stehen, brauchen wir weitere Mitglieder im Team Schule, wie ich es einmal nenne. Schulsozialarbeit leistet hier schon jetzt großartige Arbeit und muss auch weiterhin unterstützt werden. Wie dies gestaltet werden kann, darüber sprechen wir nicht heute, aber noch einmal in einem anderen Raum. Unser Antrag dazu liegt auf jeden Fall vor. Aber auch Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, Schulassistenzen und Schulbegleitungen helfen im engen Austausch miteinander und mit den Lehrkräften, Lernorte aktiv mitzugestalten und zu verbessern. Im Zusammenhang mit dem kommenden Ausbau des Ganztags sollten wir diese Expertise, wie auch die aus dem PerspektivSchul-Programm, dringend mitnehmen. Diese Maßnahmen müssen da gezielt ansetzen, wo es nötig ist: Junge Menschen mit nicht deutscher Staatsangehörigkeit verlassen die Schule mehr als doppelt so häufig ohne ESA. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Es gibt also einiges zu tun. Aber auch für die jungen Menschen mit Förderbedarf, die trotz Förderschulabschluss allzu oft in der Debatte und in Statistiken in die Schublade „Menschen ohne Schulabschluss“ geworfen werden, müssen wir einstehen. Von den Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf verlässt die Mehrheit in Schleswig-Holstein die Schule ohne ESA. Ich bin Jette Waldinger-Thiering und dem SSW sehr dankbar, dass sie mit ihrer Initiative darauf hinweisen, dass dies nicht heißt, dass sie nichts geleistet hätten. Es tut diesen jungen Menschen Unrecht, wenn sie den Stempel „Schulabbrecher“ aufgedrückt bekommen. In der Begründung des SSW-Antrags heißt es, dass laut Bertelsmann Studie 49 Prozent der Jugendlichen ohne Schulabschluss von Förderzentren stammen. In Schleswig-Holstein ist dieser Anteil mit 23,5 Prozent deutlich geringer, was vor allem an unserem im Ländervergleich hohen Inklusionsanteil liegt, es wurde hier schon dreimal gesagt. Aber auch von den an allgemeinbildenden Schulen beschulten Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf macht die Mehrheit keinen ESA. Der überwiegende Teil dieser Schülerinnen und Schüler erreicht aber einen Förderschulabschluss, also die Ziele des jeweils individuell festgelegten Bezugsrahmens. Dafür sollten diese Schülerinnen und Schüler, wie vom SSW zu Recht angemerkt, auch Wertschätzung erfahren, weswegen auch wir die Anerkennung und Ausweisung von Förderschulabschlüssen in Berichten und Statistiken in unseren Alternativantrag aufgenommen haben. Dies sollte nicht nur für Schülerinnen und Schüler an Förderzentren gelten, sondern auch an solchen mit sonderpädagogischem Förderbedarf, 2076 Schleswig-Holsteinischer (Malte Krüger) die inklusiv an unseren allgemeinbildenden Schulen beschult werden. Wertschätzung allein ist aber nicht genug. Deswegen gehen wir mit unserem Alternativantrag auch noch etwas weiter. Insgesamt führen wir hier in Schleswig-Holstein immer noch vergleichsweise wenige Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf zum ESA. Das wollen wir ändern. Da muss es noch eine Verstetigung geben. Hierzu brauchen wir zunächst eine differenzierte Erfassung dieser Zielgruppe und die Einführung von Standards in der sonderpädagogischen Diagnostik an unseren Förderzentren. Wir wollen ein Rahmenkonzept für Kriterien, die das Erreichen der Ziele im genannten individuellen Bezugsrahmen beschreiben. Wir wollen Kooperationen zwischen Förderzentren und Gemeinschaftsschulen stärken und Maßnahmen wie die erfolgreich laufenden Flex-Klassen weiterführen und ausweiten. Auch im Übergang von der Schule zum Beruf müssen wir mehr Perspektiven schaffen. Der absolut überwiegende Teil der Schülerinnen und Schüler mit Förderschulabschluss findet keine Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Ich bin außerordentlich dankbar für das, was die Ministerin hier gesagt hat. Es gibt dann oft auch keinen Ausbildungsplatz, das ist ein echtes Unding. Das betrifft übrigens auch die Gruppe der Schülerinnen und Schüler ohne Förderbedarf, die keinen ESA erreichen. Für beide Gruppen brauchen wir also mehr Maßnahmen zur beruflichen Qualifizierung. Alles andere wäre in Zeiten des Fachkräftemangels völlig unverantwortlich. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CDU und Jette Waldinger-Thiering [SSW])
