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Patrick Pender

CDU 12.05.2023 Sitzungen 20/27

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete! Ich danke für die nette Ankündigung von der FDP. Ich freue mich, heute zu diesem besonders wichtigen Thema meine erste Rede halten zu dürfen. Ich bin dankbar, diese Rede in einem Land halten zu dürfen, wo als eine Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird, dass Menschen mit Behinderung ein Recht auf Bildung haben. (Beifall ganzes Haus) Mit der 2009 verabschiedeten UN-Behindertenrechtskonvention ist dieser humanistische Grundsatz als politischer Entwicklungsauftrag für ein inklusives Bildungssystem zu verstehen. Kinder und Jugendliche entwickeln sich wegen der verschieden stark ausgeprägten Beeinträchtigungen ganz unterschiedlich. Daher wirkt die UN-Konvention auch auf ein Schulsystem hin, bei dem alle Kinder jene passende sonderpädagogische Förderung erhalten, die sie in ihren Bildungs-, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten benötigen. Förderschulen sind hervorragende Orte für die Vermittlung von Alltagskompetenzen und Bildung. Im Schuljahr 2021/2022 gingen in Schleswig-Holstein über 6.000 Schülerinnen und Schüler auf eine Förderschule. In Vorbereitung auf meine heutige Rede habe ich ein Förderzentrum bei mir im Wahlkreis besichtigen können und erste Eindrücke mitnehmen dürfen. (Beifall CDU und Lasse Petersdotter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) – Sich vor Ort ein Bild zu machen, habe ich beim Kollegen Hauke Göttsch gelernt. – Die fürsorgliche Arbeit der Lehrkräfte an den sozialen und persönlichen Weiterentwicklungen der Kinder hat mich dabei stark beeindruckt. Die pädagogischen Fachkräfte richteten im Klassenraum ihre volle Aufmerksamkeit auf das einzelne Kind mit seinen individuellen Fähigkeiten und Stärken, seinen jeweiligen Entwicklungsfeldern. Das wertschätzende Miteinander wird von den Schülern untereinander in den Klassen wiedergegeben, vertieft. Die Kinder fühlen sich wohl und erleben ein Erfolgsempfinden. Das Kind kann spüren, was es kann. Zu sehen, was die Kinder und Jugendlichen trotz ihrer Beeinträchtigungen leisten können, ob in der Kommunikation, dem Schreiben oder dem Handwerk, dem Sport oder der Musik, und welche Lernerfolge dabei über einen längeren Zeitraum erzielt werden, gebührt Achtung und Respekt. An dieser Stelle sage ich Danke, Frau Bildungsministerin, dass Sie sich gestern die Zeit genommen haben, die Kunstwerke, die von diesem Förderzentrum in Norderstedt ausgestellt worden sind, zu sehen. Das weiß ich als Abgeordneter sehr zu schätzen. Vielen Dank. (Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW) Es ist richtig – ich bedanke mich ganz herzlich bei der Kollegin Waldinger-Thiering –, dass die Studie der Bertelsmann Stiftung „Jugendliche ohne Hauptschulabschluss“ den Anlass und den Grund für die heutige Debatte gibt – vom SSW hier aufgebracht. Der Lernerfolg dieser Schüler wird darin nicht wiedergegeben. Diese Studie wird dem nicht gerecht. In der Studie wird angeführt, dass fast die Hälfte der Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf an 2074 Schleswig-Holsteinischer (Patrick Pender) Förderzentren unterrichtet werden. Eine solche Auffassung eines Schulabgangs ohne Anerkennung verwirft den inklusiven Gedanken und ist dem individualisierenden Leistungsbegriff widersprüchlich. (Lars Harms [SSW]: Wohl wahr!) Die Wahrnehmung der Schüler, dass sie kaum Aussicht auf einen Ausbildungsplatz haben, da ihre bisherigen Erfolge als „kein Abschluss“ gewertet werden, löst einen Abkühlungsprozess, den Coolingout-Effekt aus, wie man mir gesagt hat, hat also eigentlich Frust und im schlimmsten Fall sogar die völlige Abkehr von Ausbildungsaspirationen zur Folge. Ich begrüße daher sehr und bedanke mich bei der Bildungsministerin, dass sie sich dafür einsetzt, dass diese Anerkennung von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Rahmen zieldifferenter Schulabschlüsse anerkannt wird. Vielen herzlichen Dank. (Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW) Ein solcher Ausdruck der Anerkennung ist gelebte Inklusion. Es sollte also unser aller politischer Konsens sein, diese Schüler in ihrem Selbstvertrauen und in ihrer Selbsttätigkeit bestmöglich zu stärken und zu unterstützen. Das stigmatisierende Etikett „lernbehindert“ sollte heute schon lange nicht mehr als zutreffend gelten. Bereits jetzt gibt es mehrere Projekte im Land, ein paar wurden genannt, bei denen ehemalige Schüler im Anschluss nach der Förderschule durchaus in Betrieben arbeiten, und das freudig. Statt Generalisten – das sind die momentanen Zeiten – werden schließlich oftmals eher Fachkräfte als Spezialisten gebraucht und sehnsüchtig gesucht. Also wird bei der Ausübung größtenteils eine Fertigkeit angefragt. Das machen diese Schüler mit sehr viel Leidenschaft. Darin gehen sie richtig auf. Weitere Anschlussmöglichkeiten nach Verlassen der Förderschule bieten – das wurde angesprochen – der Berufsbildungsbereich in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung, die Einrichtungen der Jugendhilfe oder Berufsbildungswerke. Beim Übergang von Schule in den Beruf ist es der richtige Weg, die Kooperationsmöglichkeiten im Land weiter zu stärken. Ich finde es toll, dass der Antrag, der von uns gemeinsam mit den Grünen vorgestellt wurde, weiter geht als die Zahlen, die in der Studie genannt wurden, denn Maßnahmen zur beruflichen Qualifizierung und der inklusiven Berufsorientierung wollen wir vor allem für die nächste Zukunft unterstützen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir neigen manchmal – Kollege Vogt hat das auch gesagt – dazu, nur auf Zahlen und Zertifikate zu schauen. Stattdessen sollten die erlernten und geförderten Fähigkeiten von jungen Menschen mit Beeinträchtigung in den Blickpunkt gestellt werden. Mit unserem Antrag legen wir deshalb unser Augenmerk auf jeden einzelnen Schüler – nicht nur, indem wir die individuellen Leistungen anerkennen wollen, sondern indem wir die Maßnahmen zum Übergang von Schule in den Beruf, in die Berufswelt stärken. Wir wollen Schule und Unterricht stetig weiterentwickeln und allen Kindern die für sie bestmögliche Wertschätzung und Unterstützung zukommen lassen, um ein Lernen für selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. (Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW und vereinzelt FDP) Ich möchte meine Rede gern mit den Worten des Schulleiters abschließen, mit dem ich das Gespräch – länger als eigentlich angedacht, nämlich drei Stunden – führen durfte. Er gab mir die Worte mit: „Alles an unserer Schule ist besonders, nur nicht unsere Schülerschaft. Die ist eigentlich ganz normal. Man muss nur genau hinschauen.“ Vielen Dank. (Anhaltender Beifall ganzes Haus)

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