Sophia Schiebe
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. So sahen es die Musiklehrkräfte aus Lübeck im Jahre 1978. Ein Jahr zuvor zeichnete sich ab, dass die damalige Musikschule insolvent gehen würde. Sie schlossen sich zusammen und entwickelten gemeinsam ein Konzept für eine moderne Musikschule. Musikunterricht für alle Lübeckerinnen und Lübecker war das Ziel, kurze Anfahrtswege, ein niedrigschwelliger Unterricht und bezahlbar für die Familien. Das Konzept ging auf: Bereits im Gründungsjahr musizierten 450 Schülerinnen und Schüler in der Schule. Heute spielen mehr als dreimal so viele Geige, Klavier oder Gitarre, singen im Chor oder tanzen zu mitreißender Musik. Doch etwas ist mittlerweile anders. Rolf Bauer ist Gründungsmitglied der Kunst- und Musikschule und ist auch heute als Vorsitzender der Schule mit vollem Herzen dabei. Er macht sich derzeit große Sorgen. Den Musikschulen in SchleswigHolstein geht das Geld aus. Den Ursprungsgedanken, allen Kindern und Jugendlichen Musikunterricht zu ermöglichen, sieht er nicht mehr gegeben. Die aktuellen Kosten für die reine Aufrechterhaltung der Schule sorgen dafür, dass die Unterrichtsgebühren derart hoch ausfallen, dass sie nicht mehr von allen Eltern bezahlt werden können. Der Gründungsgedanke war schlichtweg ein anderer. Alle Kinder haben ein Recht auf kulturelle Bildung. In mehreren Artikeln der UN-Kinderrechtskonvention wird das Recht auf kulturelle Teilhabe festgehalten. Dieses Recht macht deutlich, dass alle Kinder, unabhängig von Herkunft, Wohnort, sozialer Lage, Kultur- oder Kitaangebot, Zugang zur Kultur haben müssen. (Beifall SPD und Christian Dirschauer [SSW]) Für die Entwicklung unserer Kinder ist es wichtig, dass sie früh malen, tanzen oder musizieren können. Da sind wir uns einig. Wir alle wissen doch, wie viel Freude und Glück Musik in uns auslöst. Wenn man freitagnachmittags durch die Räume der SPD-Fraktion wandert, hört man unseren Parlamentarischen Geschäftsführer Kai Dolgner regelmäßig nach anstrengenden Arbeitswochen E-Gitarre im Büro spielen. (Martin Habersaat [SPD]: Wir gehen alle zu früh nach Hause! – Dr. Kai Dolgner [SPD]: Sonst Kopfhörer! – Heiterkeit SPD) Ich selber habe in der Grundschule Blockflöte gelernt und habe damit wahrscheinlich nicht immer nur für Glück und Freude in meinem Umfeld gesorgt. (Serpil Midyatli [SPD]: Ich auch nicht! – Beifall SPD) Aber der Gedanke ist doch derselbe: Wir machen das, weil es uns erfüllt. Darum tanzen wir nachts in den Clubs unserer Stadt, darum läuft auf dem Weg zur Arbeit das Radio. Damit auch in Zukunft Musik Bestandteil unserer aller Leben ist, müssen wir am Ursprung ansetzen. Zu wenig Musiklehrkräfte bewerben sich an unseren Musikschulen oder beginnen ein Referendariat an unseren Schulen. Laut Lehrkräfteprognosetool müssen bis 2032 ganze 973 Musiklehrkräfte für unsere Grundschulen eingestellt werden. Die Studierenden an unseren Hochschulen könnten sieben Prozent dieses Bedarfs decken. An den Gemeinschaftsschulen liegt dieser Wert bei 31 Prozent, an den Gymnasien bei 39 Prozent. Denn für den, der als Musiklehrkraft tätig sein will, reicht das Abiturzeugnis allein nicht aus, um an einer Hochschule Musik zu studieren. Wer also nicht privaten Musikunterricht genommen hat, wird schwer Musiklehrkraft werden können. Die Studienvorbereitung im Musikbereich findet in erheblichem Maße außerschulisch statt. Daher, liebe Landesregierung: Lassen Sie es nicht zu, dass der Geldbeutel darüber entscheidet, ob ein Kind Geige, Klavier oder Flöte lernen kann. Lassen Sie es nicht zu, dass unsere vielfältigen Kultureinrichtungen schließen müssen, weil die gestiegenen Kosten sie dazu zwingen. Lassen Sie nicht zu, dass die Musik an unseren Schulen verstummt, weil wir keine ausgebildeten Lehrkräfte mehr haben. Unterstützen Sie unsere Musikschulen und Kultureinrichtungen, und bringen Sie endlich einen Gesetzentwurf auf den Weg, damit auch in Zukunft unsere Kinder Oma und Opa zu Weihnachten Lieder schief vorspielen können! (Beifall SPD und Christian Dirschauer [SSW])
