Anette Röttger
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als ich vor wenigen Tagen an der Seite einer älteren Dame das Glockenspiel des Heiligen-Geist-Hospitals hörte, erkannte sie sofort die Melodie, lächelte und stimmte textsicher ein: Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün. – Bei allen Einschränkungen, die das Alter mit sich gebracht hatte, kannte sie dieses alte Kinderleid textsicher und hatte es sofort auf den Lippen. Welch ein anrührender Moment! „Jede Stimme zählt“, so die Überschrift eines Zeitungsartikels am vergangenen Sonntag. Damit war in diesem Fall nicht die anstehende Kommunalwahl gemeint, sondern vielmehr die Auseinandersetzung mit der positiven Wirkung von Gesang und Musik auf Körper, Geist und Seele in der Musiktherapie. Singen, musizieren, lachen und tanzen gehören zu den Grundbedürfnissen, die Kinder frühkindlich prägen. Sie wirken ein Leben lang. Das erfordert passgenaue musikalische Angebote in der frühkindlichen, in der schulischen, aber auch beruflichen Ausbildung. Wir brauchen gut ausgebildete Musiklehrerinnen und Musiklehrer, wir brauchen Musikvermittler und damit, trotz digitaler und elektronischer Musikangebote, etwas, das die individuellen musikalischen Begabungen stärkt, damit diese nicht verstummen. (Beifall CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Jette Waldinger-Thiering [SSW]) Im christlichen Verständnis und im Kirchenjahr ist genau diese Woche nach dem Sonntag Kantate ausdrücklich dem Singen gewidmet. Der gesetzte Zeitpunkt für den vorliegenden Antrag für ein Musik- (Anette Röttger) schulfördergesetz könnte also nicht passender sein. Er bindet auch die Kirchenmusik mit ein. Unsere Musikschulen im Land leisten eine hervorragende Arbeit. Sie sind unverzichtbar und tragen wesentlich zur kulturellen Bildung bei. Die Musikschulen sind die musikalischen Grundversorger. Sie bilden Nachwuchs heraus und sind wichtige Partner für Kooperationen. (Beifall CDU, SPD, vereinzelt BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Beifall Jette Waldinger-Thiering [SSW]) Im Zuge des demografischen Wandels und des bereits bestehenden Mangels an Musiklehrkräften stehen sie allerdings vor großen Herausforderungen. Unsere Musikschulen sind wichtige Partner für den Ganztag an Schulen. Sie brauchen verlässliche Strukturen, feste Qualitätsstandards und Planungssicherheit. Wir brauchen also ein Musikschulfördergesetz. Während der Jamaikakoalition haben wir bereits das Kompetenzzentrum für musikalische Bildung als einen Zusammenschluss aus fünf zentralen Einrichtungen der musikalischen Bildung in Schleswig-Holstein neu ins Leben gerufen, um die musikalische Bildung durch Kooperation, Vernetzung und Innovation zu stärken. In dieser Legislaturperiode wird die Arbeit dieses Kompetenzzentrums evaluiert. Das mit dem Koalitionsvertrag zugesagte Musikschulfördergesetz für Schleswig-Holstein ist das nächste Etappenziel auf dem Weg hin zu einer deutlich verbesserten Kulturförderung im Land. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Liebe FDP, ich bitte an dieser Stelle um Verständnis dafür, dass in Anbetracht der Arbeitsbelastung in der Kulturabteilung dieser Prozess nicht stärker beschleunigt werden kann, auch wenn ich persönlich mir das gewünscht hätte. – Die im Antrag des SSW formulierten Wünsche für die Kulturförderung sind zwar zu verstehen, aber deutlich weitreichender. Darüber sollten wir im Ausschuss auch beraten, und ich beantrage Ausschussüberweisung. Aus Sicht der CDU schlage ich Ihnen vor, dass wir hier und heute zunächst das Musikschulfördergesetz auf den Weg bringen und damit einen Schwerpunkt für die musikalische Bildung setzen, denn Musik, musizieren und musikalische Bildung sind gerade in Zeiten multipler Krisen unverzichtbar. In der Pandemie war das Singen verstummt; wir erinnern uns noch gut daran. Nicht jeder Chor hat dies überstanden. Manches muss mit ganz viel Kraft neu belebt werden. Musikalische Bildung erfordert Geduld, Durchhaltevermögen, die Bereitschaft zum Üben und oft einen sehr langen Atem. Ein Musikinstrument zu erlernen, muss bezahlbar sein und darf nicht an den finanziellen Möglichkeiten der Elternhäuser scheitern. Die Entscheidung, Musiklehrer zu werden, setzt in der Regel voraus, dass in der Kindheit und Jugend bereits musikalische Erfahrungen gesammelt wurden. Musik ist eine Sprache, die jeder versteht, Musik verbindet. Das wollen wir fördern – ich sage: mit einem Musikschulfördergesetz für Schleswig-Holstein. (Beifall CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Das klingt gut. Ein Musikschulfördergesetz für Schleswig-Holstein klingt gut, und ich bleibe dabei: Jede Stimme zählt. – Ich bitte um Zustimmung zu diesem Antrag. – Herzlichen Dank.
