Martin Habersaat
Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Meine Damen und Herren! Wenn ich als Klassenlehrer eine neue Klasse übernommen habe, habe ich es in der Regel so gemacht, dass ich am letzten Tag der Sommerferien in der Schule war, den Klassenraum hergerichtet, ihn auf die neue Klasse vorbereitet habe. Mir war immer ganz wichtig, dass sich in der ersten Woche möglichst alle Schülerinnen und Schüler mit Namen ansprechen können, sich kennenlernen, Gesprächsanlässe haben und die Klassengemeinschaft gut zusammenfindet. Wenn nun in der neuen Klasse 24 Schülerinnen und Schüler sitzen, aber nur 22 erscheinen, ist es zunächst die Aufgabe der Klassenlehrkraft, den Verbleib der fehlenden zwei zu erforschen. Im günstigen Fall liegen dann nur kurzfristige Erkrankungen vor. Dann ist zu klären, wie Unterrichtsmaterial, Informationen und Aufgaben die Fehlenden erreichen. Wenn man einen digitalen Klassenraum hat, ist das hilfreich, aber wenn die Klasse sich neu zusammensetzt, in der Regel noch nicht eingeübt. Im Absentismuskonzept der Landesregierung ist vorgesehen, dass bei drei unentschuldigten Fehltagen die Klassenlehrkraft ein Telefonat mit den Eltern, ein Gespräch mit der Schülerin oder dem Schüler führt, das dokumentiert und der Schulleitung meldet. Die Erarbeitung und Durchsetzung von Klassenregeln zählen ebenfalls zu den Aufgaben einer Klassenlehrkraft in den ersten Wochen, natürlich in Absprache mit den anderen Kolleginnen und Kollegen in der Klasse. In dieser Zeit werden oft auch die ersten pädagogischen Herausforderungen in der Klasse deutlich. Da gibt es vielleicht Schülerinnen und Schüler, die ein Problem damit haben, morgens pünktlich im Unterricht zu erscheinen. Mit denen muss dann im Einzelfall gesprochen werden. Da gibt es möglicherweise einen Schüler, der immer ohne Frühstück in die Schule kommt und in der Folge im Laufe des Tages Kreislaufprobleme entwickelt. Da muss dann vorsichtig eruiert werden: Liegt das vielleicht am Elternhaus; liegt es daran, dass es finanzielle Probleme gibt; liegt vielleicht eine Essstörung vor? Gibt es Lösungsansätze? Muss ich Eltern und Schüler irgendwohin weitervermitteln? Oder – das ist auch schon vorgekommen –: Bringt die Klassenlehrkraft fortan heimlich immer ein zweites Frühstück mit und gibt es unter dem Tisch weiter? (Martin Habersaat) Dann gibt es vielleicht zwei Schülerinnen, die um eine neue Sitzordnung bitten, weil ein anderer immer ungeduscht in den Unterricht komme. Was nun? Den Wunsch akzeptieren? Darüber hinwegsehen? Toleranz einfordern, oder doch lieber das nächste Gespräch ansetzen, um vorsichtig über Körperhygiene zu sprechen? Inzwischen steht der erste Elternabend an: Einladungen schreiben, Elternabend vorbereiten, Elternabend durchführen – es wäre nett, wenn Getränke und Kekse auf dem Tisch stünden. – Jetzt gibt es je nach Lage der Schule zwei Extremmöglichkeiten: Entweder die Eltern sind sehr engagiert, erscheinen nahezu vollzählig und wünschen sich einen monatlichen Stammtisch, indem über die Situation der Klasse gesprochen wird, möglichst auch immer mit Teilnahme der Klassenlehrkraft. Oder die Eltern kommen nur ganz spärlich, und vielen muss in den nächsten Wochen hinterhertelefoniert werden, weil, wie sich in der Praxis zeigt, die Kontaktaufnahme via Zettel im Rucksack einer Schülerin oder eines Schülers zuweilen sehr lückenhaft funktioniert. Auf dem Elternabend werden dann auch Klassenfahrten und Schulausflüge thematisiert. Als Klassenlehrkraft sind Sie bei so eine Klassenfahrt eine Woche lang weg. Das muss mit der eigenen Familie koordiniert werden. Die Kosten für die Klassenfahrt erstattet das Bildungsministerium – theoretisch. Theopraktisch hören Sie immer wieder von Budgets, die die Schulämter setzen und die an ihre Grenzen stoßen. In höheren Jahrgängen lassen sich Teile der Planung an freiwillige Schülerinnen und Schüler delegieren, aber letztendlich liegt die Verantwortung von Organisation, Durchführung und Abrechnung bei der Klassenlehrkraft. Natürlich kann bei einem Anbieter pauschal gebucht werden, aber dann wird es viel teurer. Ach ja, das Sozialamt braucht in fünf Fällen die entsprechenden Unterlagen zur Kostenerstattung, und in zwei anderen Fällen kann vielleicht der Schulverein helfen. Trotzdem gibt es da noch zwei Schülerinnen, die partout gar nicht mitwollen. Was ist denn da los? – Das muss man mal in Ruhe nach dem Unterricht klären. Am letzten Tag der Herbstferien ruft ein Schüler aus dem Ausland an. Sein Vater war mit ihm in der Heimat der Großeltern und will nun nicht wieder zurück nach Deutschland fliegen. Der Schüler selbst wolle aber lieber wieder nach Hause zur Mutter und weiter zur Schule kommen. Was tun? Das war nur ein kleiner Auszug aus den ersten Wochen von August bis Oktober. (Christopher Vogt [FDP]: Oh Gott!) Klassenlehrkräfte sind auch für die Zeugniserstellung zuständig, für Klassenkonferenzen und so weiter. All das gehört selbstverständlich zu den Aufgaben. Gerade der pädagogische Bereich ist ehrlicherweise der, der mir am meisten Spaß gemacht hat, aber all das kostet Zeit, und all das kostet in den letzten Jahren mehr Zeit. Dabei haben wir noch gar nicht über Doppelordinate gesprochen. Wer erfolgreich über Lehrkräftegewinnung reden will, wird sich auch die Arbeitsbedingungen von Lehrkräften ansehen müssen. Wer den Lehrkräften beweisen will, dass er sie und ihre Anliegen ernst nimmt, darf nicht nur mit Yoga und Selfness kommen. Denn die Selfness-Maßnahme der Lehrkräfte ist ja oft genug der Gang in die Teilzeit. Deshalb ist es an der Zeit, den Schulleitungen ein größeres Kontingent an Stunden zu geben, um die üblichen Verdächtigen entlasten zu können. Es ist an der Zeit, Klassenleitungen zu entlasten, und es ist längst überfällig, jungen Aushilfslehrkräften, die gerade am Anfang ihres Lehramtsstudiums stehen, erfahrene Unterstützung an ihre Seite zu stellen. Wie wir hören, stellt die Ministerin am Dienstag ihr Paket gegen den Lehrkräftemangel vor. Unsere Bitte wäre, dies zusammen mit unserem Antrag und dem FDP-Antrag zur Reform der Besoldung vom Bildungsausschuss in eine schriftliche Anhörung zu schicken. Deswegen bitte ich Sie heute um Überweisung unseres Antrags in den Bildungsausschuss. – Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit. (Beifall SPD)
