Martin Habersaat
Vielen Dank. – Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich habe Ihnen Friedrich Nietzsche mitgebracht. (Zurufe) – Es ist ein Zitat von Friedrich Nietzsche. „In Wahrheit heißt etwas wollen, ein Experiment machen, um zu erfahren, was wir können; darüber kann uns allein der Erfolg oder Misserfolg belehren.“ Etwas wollen: Was ich mich nun frage, meine Damen und Herren von CDU und Grünen: Was wollen Sie denn eigentlich? (Beifall SPD – Zuruf: Das wusste Nietzsche auch nicht!) Alle Beispiele, Herr Balasus, die Sie in Ihrer Rede genannt haben, sind bereits heute an den Schulen in Schleswig-Holstein möglich. Das fächerübergreifende Lernen in langfristigen Projekten, Herr Krüger, ist ein Punkt, der möglicherweise nicht in der Form möglich ist. Der steht aber auch nicht in Ihrem Antrag. Was wollen Sie also? Sie wollen ein Konzept. Das wollen Sie nicht selbst erstellen, sondern das soll die Landesregierung machen. Wann wollen Sie das? In einem Jahr ungefähr. Was wollen Sie konkret? Guckt man in den Koalitionsvertrag, liest man darin, Sie wollten eine Experimentierklausel und einen Innovationsfonds. Wenn man in den Antrag guckt, stellt man fest: Der Innovationsfonds ist verloren gegangen. Jetzt soll nur noch die Experimentierklausel kommen. Im Koalitionsvertrag steht, Sie wollten Schulen in die Lage versetzen, neue Wege in der Gestaltung von Schule und Unterricht zu gehen. „In die Lage versetzen“, das könnte man auch interpretieren als: mit Geld und Ressourcen. In Ihrem Antrag steht: „Schulen sollen motiviert werden“. Ihre Analyse hat also gezeigt: Es fehlt den Schulen also etwa nicht an Geld und Ressourcen, sondern es fehlt den Schulen an Motivation. Hört, hört! (Werner Kalinka [CDU]: Das stimmt doch gar nicht!) – Was wollen Sie denn, Herr Kalinka? Sie wollen Wege für die Erprobungsmöglichkeiten von Klassenleitungsstunden. Was wollen Sie denn da erproben, meine Damen und Herren? Wir wissen doch, wie es um die Situation der Klassenlehrkräfte in Schleswig-Holstein bestellt ist. Es gibt Klassenleiterstunden an zig Schulen in Schleswig-Holstein. Interessant wäre die Frage, ob wir die Klassenleitung entlasten wollen. Darüber werden wir morgen reden. Denn die haben ja pädagogisch, organisatorisch durch Sitzungen, Elterngespräche, und, und, und zig Aufgaben. Ich glaube nicht, dass Sie erproben wollen, wie Sie die entlasten. In Ihrem Antrag lese ich, dass Sie erproben wollen, wie Sie ihnen eine zusätzliche Stunde in der Woche Klassenleitung in den Stundenplan packen. (Beifall SPD) „Mehr fächerübergreifendes Lernen“ steht in Ihrem Antrag, ebenso wie „zusätzliche Möglichkeiten der Leistungsbewertung finden“. Hört, hört! Das könnte ein interessanter Punkt sein. Portfolio heißt ja, man sammelt Material und Dokumente und führt am Ende ein lernförderndes Gespräch über den Inhalt. Konservative Lehrkräfte und Politiker müssen sich jetzt tapfer festhalten: Der Inhalt dieses Gesprächs verkürzt sich nicht auf die Durchschnittsnote der Klassenarbeiten, und das Portfolio beschränkt sich auch nicht auf die Klassenarbeiten. Das findet an unseren Schulen längst statt, an den Grundschulen und Gemeinschaftsschulen bis Klasse sieben. Darüber hinaus dürfen die Schulen das momentan in der Tat nicht, weil sie dann verpflichtet sind, Noten zu geben. Wenn sich die CDU an diesem Punkt bewegt, Herr Balasus, dann sage ich: herzlichen Glückwunsch. Dann haben wir heute vielleicht doch deutschlandweit etwas Einzigartiges gesehen. Ergebnisse der Regionalkonferenzen aus der Pandemie sollen aufgegriffen werden. Ich war bei einer der Regionalkonferenzen vor einem Jahr in Lübeck dabei. „Schule aktuell“ hat das im April letzten Jahres aufgegriffen. Es gab sechs schöne Zeichnungen mit den Ergebnissen. Darin stand unter anderem der Wunsch: digitale Endgeräte für alle Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte. Gucken wir uns die Lage an: Es gibt circa 380.000 Schülerinnen und (Martin Habersaat) Schüler in Schleswig-Holstein. Die Zahl der bisher angeschafften Geräte beläuft sich auf 70.000. Der Wille der Landesregierung, für jeden ein Gerät anzuschaffen: null. Sie wollen „bedürftige“ Schülerinnen und Schüler versorgen. Das widerspricht den Versprechen von Daniel Günther 2018, aber okay. Bei den Lehrkräften – das räume ich ein – ist die Quote besser, aber ein Drittel der an die Lehrkräfte ausgehändigten Geräte ist bis heute nicht mal angeschaltet worden. Also irgendetwas läuft da auch noch nicht ganz rund. Schule als Lebens- und Sozialraum. Wo sind denn Ihre Ideen? Wie soll denn die Schule künftig aussehen? Wird es einen Raumförderplan des Landes geben? Multiprofessionelle Teams. Was ist da Ihre Antwort? Es kann nicht dabei bleiben, dass Sie drei Jahre lang fünf – ich wiederhole: fünf – Verwaltungskräfte an Schulen erproben. Drei Jahre lang! (Beifall SPD, FDP und SSW) Es verschlägt einem die Sprache. Also: Was Vagheit und heiße Luft angeht, ist das in Deutschland möglicherweise wirklich einzigartig – frei nach Nietzsche: Um zu beurteilen, was Sie können, meine Damen und Herren, müssen wir erst einmal wissen, was Sie wollen. – Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit. (Beifall SPD, FDP und SSW)
