Malte Krüger
Sehr geehrter Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Auch unsere Gedanken sind heute Morgen natürlich bei den Eltern und Familien der ermordeten Schülerin und des ermordeten Schülers. Auch wir danken der Ministerin, dass sie heute gleich nach Neumünster an die Schule gefahren ist. (Beifall) „Wir wissen nicht mehr weiter. Uns fehlen jetzt mehrere Planstellen, unsere Schulleitung ist nur noch halb besetzt. Kurz gesagt: Wir brauchen mehr Lehrkräfte hier in Steinburg, in Dithmarschen, im ländlichen Raum an unseren Grund- oder Gemeinschaftsschulen.“ Das ist eine übliche Mail, die ich als jemand bekomme, der aus dem ländlichen Raum kommt und sich für Bildungspolitik einsetzt. Ja, mir tun diese Aussagen weh. Sie tun mir weh, weil ich den Frust und die Probleme vor Ort gut nachvollziehen kann. (Malte Krüger) Es ist ein Ärgernis, wenn ich als Lehrkraft unzählige Vertretungsstunden machen muss. Es ist ein Ärgernis für die Schülerinnen und Schüler, nicht den Unterricht genießen können, den sie verdient haben. Ja, das hat auch viel mit Bildungsungerechtigkeit zu tun, wenn ländliche Räume einen Nachteil bei der Versorgung mit Lehrkräften haben. Die Lösung dieser Probleme ist jedoch nicht einfach, und sie braucht vor allem eines, nämlich Zeit. Zeit haben wir aber an vielen Schulen nicht mehr, weil die Probleme schon längst angekommen sind. Mich ärgert, dass diese Probleme nicht schon vor Jahren stärker präventiv in Angriff genommen worden sind. Da meine ich jetzt nicht 2017. Wir konnten den Fachkräftemangel schon vorher antizipieren. Ich weiß, dass die Grünen die Konstante sind, sie waren in allen drei Regierungen der letzten Jahre vertreten. Ich sage das ganz selbstkritisch: Alle Fraktionen hätten diesem Thema mehr Raum bieten müssen. Trotzdem gab es in den letzten Jahren einige Maßnahmen, die Abmilderung schaffen: die erhöhte Besoldung für das Grundschullehramt, die Allianz für Lehrkräftebildung – das können allerdings nur erste Schritte sein. Weitere Maßnahmen für die Fachkräftegewinnung und -sicherung sind dringend notwendig. Nur so können wir qualitativ hochwertigen Unterricht sicherstellen. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Martin Balasus [CDU]) Nur so können wir Schulabbrüchen entgegenwirken. Nur so können wir erheblich mehr Bildungsgerechtigkeit im Schulsystem erlangen. Uns allen ist bewusst, dass hier mehr passieren muss. Fachkräfte können natürlich nicht gebacken werden; das ist uns allen klar. Daher brauchen wir einen Handlungsplan, der effektive und effiziente Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung und -sicherung umfasst. Wir brauchen einen Handlungsplan, der schnell, gezielt und ganzheitlich ist und verschiedene Aspekte miteinander verbindet. Für uns Grüne sind dabei folgende Punkte besonders wichtig. Erstens: Maßnahmen zur Erhöhung des Studienerfolgs im Lehramtsstudium müssen erarbeitet werden. Für mich gehört dazu auch die Frage, ob wir nicht zu viele Studierende für die Sekundarstufe I mit hochabstraktem Mathestoff abschrecken, den sie im Unterricht nie brauchen. Darüber sollte man diskutieren. Zweitens: Wir brauchen leichtere Möglichkeiten des Lehramtswechsels, insbesondere von Gymnasien zu Gemeinschafts- und Grundschulen. Drittens: Wir brauchen die Qualifizierung von Personengruppen, die derzeit an Schulen ohne Lehramtsausbildung arbeiten. Das ist aber nicht alles. Im heute journal in der letzten Woche erzählte eine Studentin, dass man ihr in einer Vorlesung vom Lehrerberuf abgeraten habe, da er mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zum Burnout führe. Traurig, aber wahr. Diese Wahrscheinlichkeit muss gesenkt werden, und die Lehrkräfte müssen für den Erhalt ihrer psychischen Gesundheit in ihrer Resilienz gestärkt werden. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und CDU) Studierende dürfen nicht dermaßen abgeschreckt werden. Mentale Gesundheit ist hier das Stichwort. Sensibilisierung von Führungskräften, Supervision und Coaching sind nur einige Punkte, die hier wichtig sind. Wir müssen Lehrkräfte außerdem stärker von Organisations- und Verwaltungsaufgaben entlasten. Hier erhoffe ich mir wertvolle Ergebnisse von der Erprobung der Verwaltungsleistungen. Die Ergebnisse müssen dann schnell in konkrete Entlastungen überführt werden. Schülerinnen und Schüler müssen noch stärker informiert und motiviert werden, damit sie sich für den Lehrerinnen- und Lehrerberuf entscheiden, sonst können wir uns die Kapazitätserhöhungen an den Universitäten sparen. Außerdem müssen sie auch dahin gehend beraten werden, sich nicht vorwiegend für ein Lehramt an Gymnasien, sondern auch für ein Lehramt an Gemeinschaftsschulen zu entscheiden. (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Ich appelliere da eindringlich, dass hier mehr passiert. Es ist so einfach – wir müssen um jede Lehrkraft werben. Da ist das Bildungsministerium auch kommunikativ in einer besonderen Rolle. Ich sage das aus eigener Erfahrung: Ich persönlich habe mich von der Verwaltung nicht immer abgeholt gefühlt. Sie sehen, was daraus geworden ist: Jetzt halte ich hier Reden darüber. Ich glaube, dass wir uns das so nicht mehr leisten können, sondern dass wir wirklich um jede Lehrkraft kämpfen müssen. – Vielen Dank. (Malte Krüger) (Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und vereinzelt CDU)
